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Symphonie der Nacht: Florenz

Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 24.03.2005    um 21:23 Uhr   IP: gespeichert
Florenz. Die Nacht hatte sich, wie ein schwerer, dunkler Mantel über die Stadt gelegt. Trotz des orange-gelben Lichts der Straßenlaternen gab es viele kleine Gassen, die von Finsternis verschluckt wurden und in denen der Wind kühler zu wehen schien, als auf ihren großen Schwestern. Hinter jeder Ecke konnte man, wenn man nur wollte, unheimliche Gestalten und Schatten hocken sehen, die mit raunenden Stimmen riefen und lockten. Hatte man es aber einmal geschafft seine Angst zu überwinden und die Straße trotzdem entlang zu gehen, gelangte man an ein kleines, uriges Hotel. Die Fassade war weiß gestrichen, aber wie es aussah, hielt man es nicht für nötig, das auch zu zeigen, denn durch die Abgase hatten sich die Wände ins Graue verfärbt. Über dem Eingang hingen die in Gold gefassten Buchstaben „The Palace“. Eine Beschreibung, die zu keinem Hotel schlechter gepasst hätte, als zu diesem. Schummriges, blasses Licht fiel durch die Fenster auf den Gehsteig. Aber das verkommene Äußere trug nur zum Charme der Unterkunft bei. Rechterseits grenzte ein Garten an das Gebäude an. Von der Straße aus erkannte man nicht viel davon. Japanischer Ahorn und Birken versperrten den Blick. Das Murmeln von Wasser ließ aber auf einen Teich, oder Bach schließen.
Schritte vornehmer Männerschuhe hallten auf den Pflastersteinen des Weges und kündigten der Dame des Hauses, einem rundlichen Mütterchen mit schneeweißen Haaren und einer blauen Schürze um den üppigen Hüften die vor der Gaststätte auf einer Bank saß, das Kommen eines neuen Gastes an. Sie schaute auf und erkannte durch ihre Hornbrille einen Mann, eher noch einen Jungen, im dunklen Anzug und mit dunklen, langen Haaren. Als er einige Meter vor dem Hotel stehen blieb, stand auch das Mütterchen ächzend auf.

„Guten Abend, Signore!“
„Auch Ihnen einen guten Abend, Signora!“ Seine Stimme hatte einen weichen, fremdländischen Akzent, der sich aber schon so weit mit dem Italienisch vermischt hatte, dass man nicht sagen konnte, welche Sprache er eigentlich sprach
„Sagen Sie, wissen Sie ob dieses Hotel noch geöffnet hat?“
„Oh natürlich, Signore! Kommen Sie mit rein!“
Als er auf seinem Zimmer war, stellte er den Koffer neben das Bett und ging hinüber zum Fenster. Von hier aus erkannte man den Garten besser. Es gab wirklich einen Bach und auch einen Teich, umstanden von Schilf und Bänken. In einer Stadt, wie dieser fand man selten solche Oasen, aber auch, wenn Florenz eine Wüste aus Boton geworden wäre, hätte er sich nicht von dieser Stadt trennen können. Zu viele Erinnerungen verband er mit ihr. Gute, wie schlechte. Sie waren, wie ein altes Ehepaar, Florenz und er. Seine Fingerspitzen berührten kurz das Glas der Fensterscheibe, dann rutschten sie ab.
Eine halbe Stunde später ging er die knirschenden Stufen, der alten Holztreppe hinab, so dass er in den Empfangsbereich des Gebäudes kam. Den Anzug hatte er gegen eine helle, blaue Jeans und ein schlichtes, schwarzes Hemd getauscht. Zwischen alten, schönen Möbeln und einigen Gästen fanden seine blauen Augen, was sie suchten. Die Tür zum Garten. Draußen war es kühler und ruhiger, als im Gebäude selbst. Langsam ging er in die Richtung, der Bänke und setzte sich. Er hatte viel zu tun. Als er vor zwei Tagen völlig unvorbereitet aufgebrochen war, ahnte er noch nicht was auf ihn zukommen würde, und auch jetzt war er sich noch nicht sicher. Er wusste noch nicht einmal, ob er es jemals wissen würde. Er nahm ein Handy aus seiner Hosentasche und wählte eine Nummer, die seine Finger schon fast von alleine wählen wollten.
„Rasmus di Porto, ja bitte?“
„Ich bin es.“
„Lucien was…“
„Ich brauche deine Hilfe. Hast du meine E-Mail erhalten?“
„Ja, wenn du einmal an dein verfluchtes Handy gehen würdest, dann wüsstest du das schon längst. Weißt du eigentlich was für ein egoistisches Arschloch du bist?“
„Verzeih mir, Rasmus, aber ich hatte es eilig. Wie schnell schaffst du es nach Florenz zu kommen?“
„Florenz?! Merde, Lucien! Weißt du wie weit das ist?!“
„Wie schnell?“
„Einen Tag!“
„Ich bin in einem Hotel namens „The Palace“.
Er gab ihm die Adresse und steckte das Handy wieder zurück in seine Hosentasche. Der Bach plätscherte noch immer in den See und das klingeln einer Silberglocke über der Haupttür des Gebäudes deutete auf einen weiteren Gast hin.

Geändert am 24.03.2005 um 21:24 Uhr von LucienAmadeus

Geändert am 24.03.2005 um 21:46 Uhr von LucienAmadeus
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 25.03.2005    um 11:48 Uhr   IP: gespeichert
Es war grausam, wie zuvorkommend sein Vater war: „Geh nach Florenz, Felice. Bring Vico auf eine Malerschule, Felice. Ich würde es selbst tun, aber ich habe keine Zeit dafür, Felice.“, hörte er in seinem Kopf widerhallen.
Das Klingeln der Silberglocke kündigte nicht nur einen Gast an, sondern gleich zwei. Stürmend huschte ein Junge im unschuldigsten Alter an den Größeren vorbei, um zu der dicklichen Frau zu gelangen, die aufmerksam auf die Eintreffenden blickte.

„Langsam, Bimbo!“
Rief’s dem Burschen hinterher, der mit einem offenen Lächeln bei der Signora stehen blieb und diese mit einem fröhlichen: „Guten Abend!“, begrüßte. Erst dann wollte der Junge – wahrscheinlich gute neun Jahre alt – zu dem weitaus Größeren zurück blicken. Felice hatte alle Hände voll, denn er schleppte die Koffer und wie es aussah war ihr Aufenthalt etwas länger als nur ein paar Tage.
Ach, Vico, wenn du nur wüsstest warum wir eigentlich hier sind. Dein Blick aus den treuen Augen lässt mein Herz des Öfteren erweichen, dich so anzulügen ist eine verdammte Qual und Vater wusste, wieso er mich schickte. Mutter weinte, denn ungern ließ sich dich ziehen. Du bist gänzlich der bessere Nachkomme und glaub mir, ich werde alles dafür geben um dies zu erhalten, mein Freund, mein Bruder!

„Du bist heute aber langsam, Felice!“
Der Bursche kicherte und tapste ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Keuchend stellte Felice die Koffer ab und streckte dem Kleinen die Zunge heraus.

„Du hast gut reden! Ich bin es doch, der hier das Gepäck schleppt.“
Erst dann wendete er sich der Signora zu und nickte anerkennend. Während sich Felice also eincheckte, wurde es dem Jungen – wie bei jedem Kind – schnell langweilig. Er entdeckte die Tür hinaus zum Garten und näherte sich jener vorsichtig. Felice bekam davon nichts mit, da er hier und da unterschreiben musste, bis die Sache geregelt war. Mit einem leisen Kichern huschte der Junge hinaus in den nächtlichen Garten.

“Woah, wie toll!“
Wie kinderfreundlich! Vico hätte nie damit gerechnet, dass die Baracke – von außen zumindest – so einen Schatz bergen konnte. Das einzige, was nach dem Namen des Hotels zu urteilen war, wie ein Palast wirkte, war schlichtweg der Garten. Aufmerksam und neugierig ging Vico den Kieselweg entlang um die Umgebung zu erforschen.

„Ah, Vico? Hey, wo bist du hin?“
Dieses Kind konnte man keine Sekunde aus den Augen lassen! Suchend wendete Felice die Blicke von Links nach Rechts und wieder zurück. Das Mütterchen bekam die Sorge des jungen Mannes mit und lachte leise auf.

„Er ist in den Garten gegangen. Dort englang, Signore! Lassen sie die Koffer ruhig stehen, die kommen nicht weg.“
„Vielen Dank, Signora!“
Frauen wussten eben, dass man auf Kinder ständig aufpassen musste. Felice wusste dies zwar auch, weil er seinen Bruder kannte, aber meistens wollte er einfach an den Glauben halten, dass Vico einmal anständig bleibt. Im leichten Lauf eilte er zu der Türe, auf die die Signora gewiesen hatte und eilte nach draußen. Sofort schlug ihm der frische Wind ins Gesicht und wäre sein schwarzes, ebenso langes Haar nicht gebändigt gewesen, läge es ihm sicher nun im Gesicht.

„Vico?! Vico, wo bist du?“
Die jungmännliche Stimme drang durch die Nacht und störte – begründet – die Harmonie. Als Vico das Rufen seines Bruders hörte, fiel ihm nichts Besseres ein als die Beine in die Hand zu nehmen und kichernd weiter weg zu rennen. Damit Felice aber nicht sprichwörtlich im Dunklen stand, rief er mit der hellen Stimme zurück.

„Such mich doch, Felice! Such mich doch!“
Blindweg rannte er an den Fremden vorbei, der sich hier im Park auf einer Bank gesetzt hatte. Nahe jener Bank und der Person versteckte sich der Bursche hinter einem Gebüsch. Er liebte es, seinen Bruder zu ärgern.
Felice seufzte und fasste sich an die Stirn.

„Bengel!“
Aber dann machte er sich auf den Weg. Na warte, wenn ich dich kriege. Dein Eis was du noch haben wolltest kannst du dir abschminken!
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 25.03.2005    um 21:52 Uhr   IP: gespeichert
Selbst das Rauschen des Baches konnte die schnellen Schritte im Gebäude nicht vor seinem Gehör verbergen. Und sie erregten seine Aufmerksamkeit. Für gewöhnlich hatten es Menschen selten so eilig ein Zimmer zu bekommen, dass sie dafür an Rezeptionen rannten, anstatt in gemäßigten Schritten zum Empfang zu gehen und durch Räuspern auf sich aufmerksam zu machen. Lucien drehte den Kopf so, dass er in Richtung der Tür sehen konnte, erkannte aber nur den schwachen Schimmer der Elektrostrahler durch die Bäume. Im nächsten Moment rannte ein kleiner Junge aus der Tür. Ah natürlich, deswegen die eiligen Schritte. Mit einer Mischung aus Langeweile und Neugier sah er das Kind über den Kiesweg direkt auf seine Bank zurennen, bevor es unter einem Busch verschwand. Wahrscheinlich hatte es ihn gar nicht wahrgenommen. Aus einer Laune heraus stand er auf und ging ungewöhnlich leise zu dem Strauch, hinter dem der Junge saß. Lucien kniete nieder und flüsterte dem Kleinen verschwörerisch zu:
„Na, soll ich mal sehen, ob ich deinen Verfolger abwimmeln kann?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, stand er wieder auf und ging den Kiesweg entlang. Dass er das Kind erschreckt haben konnte, kam ihm nicht in den Sinn. Seine Schritte waren deutlich zu hören und trotz lässiger Kleidung trug er noch immer die teuren Herrenschuhe. Wachsam hielt er nach dem anderen Menschen Ausschau. Ah, dahinten an der Tür stand er ja noch! Auf jeden Fall war er nicht der Vater des Kindes. Dafür war er noch zu jung. Lucien trat langsam, aber sicher, in das Blickfeld des älteren Menschen.

„Guten Abend, Signore! Etwas kalt für einen Spaziergang in so leichter Kleidung, finden Sie nicht auch? Bei diesem Wetter holt man sich furchtbar schnell eine Erkältung.“
Wobei eine Erkältung das Geringste wäre, was dem Menschen wiederfahren könnte, denn was er für ein Monster vor sich hatte, konnte er sicher nicht ahnen. Luciens blaue Augen blieben auf dem Gesicht seines Gegenübers liegen. Lange schwarze Haare… das schien in Mode zu kommen. Aber er hatte ohnehin kein Gespür für diese Dinge. Morgen Nacht würde er aufbrechen, auch wenn es ihm nicht leicht fallen würde, doch bis dahin musste er sich die Zeit vertreiben. Er hasste es untätig zu warten. Noch während er so nachdachte, fixierte sein Blick die Augen des Menschen. Der Junge ist also dein Bruder, Felice. Verzeih mir, meine Neugier, Menschlein, aber du bist zu lesen, wie ein offenes Buch. Lucien lächelte und steckte seine unglaublich hellen Hände in die Taschen seiner Jeans.

„Oder sind Sie so versessen von der Stadt, dass Sie, verzeihen Sie meine Ehrlichkeit, eine Nacht im Garten, dieser Bruchbude vorziehen?“
Lucien ließ ein leises, sonores Lachen vernehmen, um seinen Wörtern die Spitze zu nehmen. Er wusste, dass sie der Hausherrin gegenüber nicht freundlich waren, aber Freundlichkeit war auch nicht sein Ziel. Als leichter Wind aufkam, bändigte er seine Haare in einer flüssigen Bewegung, die er wahrscheinlich schon zu oft vollführt hatte, so dass sie nun etwas zu perfekt aussah.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 25.03.2005    um 22:33 Uhr   IP: gespeichert
Als Vico plötzlich den Fremden vor der Nase hatte, erschrak er sichtlich. Er war zurückgefallen und fing sich mit den Händen ab, die seinen Oberkörper stützten. Puh, auf so was achtet man ja auch nicht, oder? Zudem hatte er den Fremden gar nicht bemerkt. Nun blickten die neugierigen, dunklen Augen des Burschen den Fremden hinterher, den er hier in der Dunkelheit leider nur Schemenhaft erkannte. Du hältst ihn für mich auf? Na, wenn du meinst… . So was traut sich eigentlich nicht jeder! Kichernd kämpfte sich Vico zurück auf die Beine und tauschte Busch gegen Bank. Nun wusste er – oder meinte er zu wissen – wo der Fremde gewesen war. So wartete der Neunjährige, bis sein Bruder zu ihm kommt. Er wollte ja noch sein Eis haben, nicht wahr?
Felice war nur ein paar Schritte gegangen, bis dieser Fremde vor ihm stand. Das er sogleich auch noch sprichwörtlich angequatscht wurde, war ihm etwas – nun, fremd. Felice hatte eigentlich nichts Ungewöhnliches an sich. Er war 178 cm groß, hatte zu dem schwarzen, langen Haar braune Augen und trug wahrlich nur ein helles Hemd was bis zum zweiten Knopf offen war und eine schwarze Seidenhose. So konnte man wahrlich sagen, dass dies für jene Nacht nicht gänzlich passend war, aber er hatte ja nicht vor hier zu übernachten.

„Guten Abend.“
Er machte eine kurze Pause, ehe die junge Männerstimme wieder an das Gehör des Fremden trat.

„Ihre Fürsorge ehrt mich sehr, doch ich denke in einem Alter zu sein, wo ich selbst auf mich Acht geben kann. Zudem Suche ich nur meinen Bruder. Eine Nacht unter Sternenhimmel wollte ich sicher nicht heraufbeschwören.“
Es mag seltsam klingen, wie Felice redete, aber es waren zwei Gründe, warum er es tat. Als Dichter spielt man gern mit Worten und probiert gern am eigenen Leib etwas aus, und mit dem leicht angehobenen Status der Eltern hörte man dieses Geschwätzt sowieso tagtäglich. Nebenbei, ja – er wusste wahrlich nicht was für ein scheinbares Monster vor ihm stand, und die Lesung wie aus einem offenen Buch würde er jetzt sichtlich hassen, wenn er davon nur wüsste.

„Ich verstehe den Sinn zwischen Stadt und Garten nicht. Wenn ich – wie Sie sagten – versessen von der Stadt wäre, würde ich laute Geräusche bevorzugen, und nicht die ruhigen – nicht wahr?“
Er überging die Anspielung auf die Beracke geschickt und lächelte selbstbewusst drein.

„Sie entschuldigen mich?“
Er hatte keine Lust mehr daran gefunden, seine Zeit mit dem Unbekannten zu verschwenden, schließlich musste er seinen kleinen Bruder suchen.
Ah, wenn dieser doch nur wüsste, was er mit ihm machen sollte!
Der Gedanke daran bereitete ihm fast wieder Kopfschmerzen, so hob er die Hand um sich an die Stirn zu fassen.
Wirst du mir böse sein, Bimbo, wenn ich dich auf diese Schule schicke? Auf dieses Internat? Gänzlich allein und abgeschnitten von unserer Mutter? Warum ist Vater nur so scheiß karrieregeil? Er hatte doch erreicht, was er erreichen wollte! Was liegt es an ihm, uns unseren Weg vorzuschreiben?
In einem leichten Anflug von Wut ballte er Fäuste, während er dem Kieselweg folgte.
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 25.03.2005    um 23:12 Uhr   IP: gespeichert
Lucien war noch ein, oder zwei Jahre jünger, als der Mensch, wenn man nach dem Äußern ging. Von der Größe her, unterschieden sie sich aber kaum; die fünf Zentimeter, die er kleiner, als Felice war, fielen kaum ins Gewicht. Auf die Frage, ob er sich entfernen dürfe, sagte er nur:
„Selbstverständlich!“
Nachdem sich der Mensch umgedreht hatte, erhellte ein Lächeln Luciens markante, weiße Züge, die von dem schwarzen Haar umrahmt waren, wie ein Teich von dunklen Fundsteinen. So ein kalter Mensch, wie du Felice, gehört nicht in eine so prächtige Stadt, wie Florenz. Du bist auf der Durchreise, das merkt man. Er ließ ihn einige Meter weiter gehen, lauschte, wie der Kies unter seinen Füßen knirschte, und der Wind, die Blätter der Ahornbäume und Birken zum Rascheln brachte. Dann sagte er, beifällig und kühl, als würde er eine Bemerkung über das Wetter machen.

„Ich würde es dir an seiner Stelle nicht verzeihen. Internate sind nicht das, was man sich wünscht, wenn man ein neunjähriger Junge ist. Auch dann nicht, wenn man gewisses Talent und einen machtgeilen Vater hat. Ich würde dich hassen, aber du kannst dich deinem Vater nicht wiedersetzen, das verstehe ich. Vico wird sich nur den ersten Monat in den Schlaf weinen, weil die anderen Jungen ihn verprügeln und er Heimweh und Angst hat. Aber dann wird er entweder selbst ein Prügler oder gewöhnt sich an die Schläge. Später kannst du dein Gewissen beruhigen, wenn er dir sagt, wie furchtbar du doch bist. Du hast nur auf Befehl deines Vaters gehandelt. Gute Nacht, Felice!“
Geschmeidig, wie eine Raubkatze drehte er sich um. Seine Schritte führten ihn wieder in das Foyer, des kleinen Hotels, und das Mütterchen hinter der Theke, lächelte ihm zu, als wäre sie seine Großmutter. Er liebte es seine Spiele mit den Menschen zu spielen, wie er es gerade mit dem Italiener getan hatte. Eine kleine, zwanzig Jahre alte Sitzgruppe aus schwarzen Stoffsesseln war sein Ziel. Lucien würde später Wein und eine Tageszeitung bestellen, aber nun sah er die Tür an, durch die er hinein gekommen war.

„Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass er es nicht gerne sieht, wenn du das machst, Lucien?“
„Was?“
„Sieh mich nicht so unschuldig an. Du weißt es genau!“
„Adrian, lass es meine Sorge sein. Gönn mir den Spaß!“
„Aber er…“
„Scht… keine Angst, mein Freund! Er wird nicht böse auf dich sein. Vertrau mir!“
„Er sagt, dass du dich dadurch in Schwierigkeiten begibst!“
„Ich weiß, aber das ist nicht dein Problem, oder?“


Die Erinnerungen ließen ihn kurz schmunzeln, dann wurde sein Blick wieder ernster und er lehnte sich vollständig zurück. Es war nur eine Frage der Zeit. Und Zeit hatte er genug. Er könnte sie selbstverständlich sinnvoller nutzen, aber er amüsierte sich gerne, und gut und dieser Abend begann viel versprechend zu werden.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 25.03.2005    um 23:38 Uhr   IP: gespeichert
„Wa-was?“
Er wendete sich in einer eleganten Drehung wieder um, aber da war der Fremde schon verschwunden.
Moment, woher wusste er so viel? Ein Spitzel seines Vaters? Natürlich, ganz bestimmt! Dieser Irgendwer hatte kaum Kohle in den Taschen, darum sollte er in dieser Absteige unterkommen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht, denn er wusste, wie sein Vater agierte. Denkst du, ich erledige meine Arbeit nicht? Denkst du, diese Worte von deinem Spitzel könnten mich erschüttern? Ich weiß, was ich tue, keine Angst!
Plötzlich wurde Felice am Handgelenk gepackt, wobei er kurz zusammen zuckte.

„Vico! Da bist du ja!“
Mit einem fröhlichen Blick wuschelte er dem kleinen durch das ebenso pechschwarze, dafür aber kurze, Haar. Der Kleine legte eines seiner zärtlichen Blicke auf und sah dann zu der Türe, in der der Fremde verschwunden war.

„Felice, wer war das? Der Mann war seltsam!“
„Hat er dir etwas getan?“
Besorgt zog er die feinen Brauen zusammen und atmete daraufhin erleichtert aus, als Vico den Kopf schüttelte.

„Nein. Er…, ist nur seltsam!“
Zumindest spürte der Junge etwas unnatürliches, und Kinder täuschen sich da nie. Felice nickte dem Kleinen zu und legte seine Hand an seinem schmalen Rücken.

„Komm, wir holen dein Eis!“
Fröhlich nahm der Neunjährige seine Beine wieder in die Hand und huschte durch die Tür in den Empfangsraum zurück. Sein Bruder folgte wenige Augenblicke und das er diesen Fremden schneller als gewollt erblickte, war selbstverständlich.
Na warte, du wirst schon sehen mit wem du es zutun hast! Zuerst habe ich aber andere Dinge zu erledigenÂ… .
Im erhabenen Schritt folgte er dem Kleinen und bat das Mütterchen um ein Eis. Vico hatte Glück, sie hatte zumindest etwas im Haus gehabt. Es war Eis am Stil, aber besser hätte es nicht kommen können. Er strich dem Burschen durchs Haar und lächelte zärtlich.

„Geh in unser Zimmer, Vico. Ich komme gleich nach und dann zeigst du mir alles, okay?“
Er wusste, wie der jüngere Bruder gerne alles inspizierte. So war selbstverständlich, dass Vico damit einverstanden schien, den Schlüssel schnappte und die Stufen zu den Zimmer nahm, um ihres zu suchen. Einen kurzen Augenblick galt Vico noch, dann sah Felice zurück zu dem Fremden. Mit eiligen Schritten ging er auf diesen zu und blieb nicht unweit bei ihm stehen.

„Was sollte das vorhin? Ich bin nicht der Mensch, der sich gerne auf Spielchen einlässt. Wer sind Sie?“
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 26.03.2005    um 00:16 Uhr   IP: gespeichert
Gesprächsfetzen flogen, wie bunte Vögel durch den Raum; setzten sich auf Regale, Blumenvasen, die Rezeption, Mäntel, Kerzenständer und Armlehnen, und in die Gehörgänge der Anwesenden. Auch Lucien konnte sich ihrer magischen Wirkung nicht entziehen. Er genoss es, zu lauschen, wie man über die verschiedensten Themen redete. Hinter seiner Zeitung verborgen, wirkte er fast, wie ein erwachsener Mann, nur dass seine Züge noch nicht ganz die Reife eines Erwachsenen aufwiesen. Der Wein verströmte ein herrliches Aroma, das ihn noch mehr lockte, als alles andere. So faltete er das Papier zusammen und legte es in einer routinierten Bewegung zur Seite, um das Glas mit der roten Flüssigkeit an zu heben. Der Geruch wurde immer deutlicher und Lucien sog ihn tief ein. Einen Moment schloss er genießend die Augen, so dass er sich diesen Duft genau einprägen konnte. Als sich seine Lider wieder hoben und den Blick auf die Bergseeaugen frei gaben, sah er, wie Felice mit dem kleinen Vico das Foyer betrat. Sein Gesicht verriet kein Gefühl, aber innerlich musste er lächeln über seinen gelungenen kleinen Scherz. Dieser armseelige Mensch würde in den nächsten Tagen vermutlich einen großen Fehler begehen, aber er wäre nicht der einzige. Jeden Tag, nein, jede Stunde, Minute und Sekunde wurden Fehler gemacht, viele von ihnen so schwerwiegend, dass man sie nie wieder gut machen konnte.
Lucien beobachtete, wie der Neunjährige die Stufen zu den Zimmern heraufsprang. Dann wurde sein Blick aber von dem des älteren Bruders angezogen, der auf ihn zukam. Höflich stellte er das Glas zur Seite und sah ihm entgegen. Ich habe dich erschreckt, Felice, nicht wahr? Verzeih mir, ich habe den Umgang mit so zerbrechlichen Geschöpfen, wie dir verlernt. Du machst dir große Sorgen um deinen Bruder, aber auch Gedanken um deinen Vater. Das weiß ich. Und ich weiß noch einiges mehr.

„Felice, setz dich doch!“
Seine Finger waren lang und zerbrechlich, wie die einer Puppe, oder eines Künstlers und weiß, wie aus Porzellan. Sie hatten sicher noch nie körperlich gearbeitet. Ob sich der Mensch setzte oder nicht war ihm überlassen. Lucien war es egal. Er bemerkte die Wut in Felices dunklen Augen. Oder war es eher Verzweiflung? Er hätte einfach in seine Gedanken sehen können, aber er liebte Rätsel.

„Was das für ein Spiel ist? Keins. Ich pflege es nicht zu spielen, zumindest nicht auf die Art und Weise, wie du „Spiel“ definieren würdest. Ich sage nur, was du längst weißt und du bist schockiert, weil du es nicht verstehst. Ist es nicht so, Felice? Möchtest du etwas Wein? Wohl eher nicht.“
Lucien machte eine Pause in der er sich das Gesicht des Menschen genauer ansah. Haare, wie aus Rabenfedern so schwarz und Augen dunkel wie die Nacht. Die Züge ein bisschen zu hart für einen so jungen Menschen. Was hast du erlebt, dass dich so abweisend gemacht hat, Felice?

„Aber wenn es dich beruhigt zu erfahren wer ich bin, will ich es dir gerne sagen. Mein Name ist Lucien Écrisivont.“
Er deutete ein Kopfnicken an, wobei sein Haar jedoch nicht, wie üblich vor sein Gesicht fiel, sondern, wie Stein auf seinem Platz blieb.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 26.03.2005    um 08:47 Uhr   IP: gespeichert
So, ganz schnell, bevor ich gehe :)

Diese reine Selbstgefälligkeit…, für wen war sie bestimmt? Nicht für ihn, dass sagten ihm die Worte, die jener Fremde ihm zukommen ließ. Was wahr und recht war, musste auch so bleiben: Felice machte sich große Sorgen, aber mehr um seinen Bruder und den Fremden als um sich selbst. Im inneren war er sicher ein herzensguter Mensch. Ein Schwärmer und Romantiker, verträumt und geheimnisvoll – aber wie schon bemerkt starrsinnig, verschlossen und kalt. Als hätte der junge Mann, nicht älter als zwanzig, sich für jeden guten Punkt in seinem Leib einen gegensätzlichen entwickelt, damit ihm niemand auf die Schliche kam.
Dieses recht dreiste Angebot lehnte er vorerst schlichtweg ab. Was bildete sich dieser Mensch eigentlich ein? Er ist nicht hier, um seine Laune zu heben. Auch nicht, wenn er es gemusst hätte. So verschränkte Felice die Arme vor seiner Brust und wendete den Kopf leicht, wobei ein unbeirrter Blick focusierend auf Lucien liegen blieb.

„Bevor ich überhaupt irgendetwas mache, will ich Ihnen sagen, dass ich Ihnen nicht das Recht gab mich zu duzen und unter den jetzigen Umständen wird es auch so bleiben.“
Die Augen waren unruhig. Zu viel scheint dieser Fremde zu wissen, zuviel, was er sich nicht mehr erklären konnte. Die Namen, sein Gemütszustand und sein Vorhaben – alles schien er zu wissen, aber woher denn nur, woher?
Erst nach einer kleinen Weile warf er sich auf einen freien Platz und überschlug die Beine, bevor er wieder zu Lucien sah. Er ließ ihn nicht aus den Augen, nein, kein Stück.

„Sie reden, als hätten Sie einen alten Schulfreund wieder gesehen, aber das bin ich nicht für Sie, merken Sie sich das. Aber richtig, ich will keinen Wein. Wenn ich welchen wollte, hätte ich ihn mir bestellt.“
Oder geholt, was weiß ich wie man hier an Wein kommt.
Als er den Namen hörte wusste er sogleich den Grund jenes Akzents, den er in der Stimme des Fremden wahrgenommen hatte. Er war also Franzose, ein billiger Käsefresser, er hatte schon gewusst warum er ihn von Anfang an nicht leiden konnte.

„Und damit die Unterhaltung nicht einseitig verbleibt, frage ich direkt weiter. Was sollte dieser Aufstand eben? Woher wissen Sie das alles? Hat Sie mein Vater geschickt?“
Gut, auf die letzte Frage würde er sicher keine Antwort erhalten, aber man konnte es doch mal versuchen, nicht wahr? Zudem klangen die Worte wie ein Diplomat: Sag mir, wer du bist und warum hier, dann sage ich dir, ob ich dich doch noch leiden kann oder nicht.
Sacht strich er eine schwarze Strähne hinter sein Ohr und legte die Hände dann auf das Knie ab.
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 29.03.2005    um 20:32 Uhr   IP: gespeichert
Diese dunklen Augen, die umherhuschten, wie wilde Tiere auf der Flucht vor dem Jäger hatten Luciens Aufmerksamkeit besonders gefesselt. Was sagte man sich? Augen sind die Fenster der Seele? Dann ist deine Seele gerade sehr unsicher, junger Mensch Felice. Das wäre meine sicher auch, wenn ich mein Innerstes auf einmal nackt vor mir ausgebreitet sehen würde. Aber hab keine Angst. Ich werde dir vorerst nichts tun. Du amüsierst mich, du bist interessant und ich fühle mich gut. Also keine Angst!
Seine hellen, blauen Augen legten sich beruhigend auf ihre Gegenstücke in Felice Gesicht und als er seine Stimme erhob, war sie noch immer so klingend, wie im Garten. Allerdings hatte sie diesmal die Spitze verloren:

„Verzeihen Sie, dass ich mir die Freiheit genommen habe zu versuchen diese unpersönliche Distanz zwischen zwei Reisenden durch ein einfaches rhetorisches Mittel zu durchbrechen um für ein wenig mehr Behaglichkeit zu sorgen, aber Sie haben ganz Recht. Ich bin nicht Ihr alter Schulfreund, glauben Sie mir, wenn ich das wäre, würden Sie sich entweder wünschen nicht mehr zu existieren, oder Sie würden die Welt, sagen wir, aus einer ganz anderen, niedriggelegeneren, Perspektive wahrnehmen.“
Lucien machte eine kleine Pause um seine Worte sacken zu lassen. In einer flüssigen Bewegung hob er das Weinglas wieder an seine Nase und roch kurz daran, bevor sich seine Augen, die eine seltsame Tiefe aufwiesen, wieder Felice zuwandten. Es sah so aus, als würde Lucien nichts bemerken, außer den braunen Augen des jungen Mannes vor ihm. Die Wahrheit war ein andere. Er nahm, sehr wohl, alle anderen Geräusche und Bewegungen um sich herum wahr. Als sich Felice gesetzt hatte, war eine Empfindung jedoch besonders stark. Ein Rhythmus der immer verlockend auf ihn wirkte aus rein animalischen Gründen. Regelmäßiges Pochen, so jung und frisch.
Als er die Frage des Menschen hörte, musste er leise lachen. Es war zu amüsant, wie eng die Gedanken dieser Geschöpfe waren. Etwas, das sie sich nicht logisch erfassen konnten, war in ihren Augen ein Hirngespinst, eine Lüge, nichts weiter, als eine entartete Phantasie, die es mit reinem Verstand zu bekämpfen galt. Aber was, wenn man es nicht mit menschlichen Gaben, wie Intelligenz bekämpfen konnte. Ja, was dann?

„Sie bezeichnen es, als einen Aufstand, wenn Ihnen jemand die Wahrheit sagt? Das ist interessant. Was spielt es für eine Rolle woher ich meine Informationen habe, wenn ich Ihnen versichere, dass Ihr Vater nichts damit zu tun hat? Aber selbst wenn ich Ihnen erklären würde, wieso ich ihren Namen, ihr Vorhaben und Ihre Gedanken kenne - vertrauen Sie mir - Sie würden mir keinen Glauben schenken. Und es wäre gefährlich… .“
Lucien überschlug seine Beine und strich sich die Jeans glatt. Der Stoff fühlte sich kühl unter seinen Fingerspitzen an, fast so kühl, wie seine Haut. Mit regem Interesse wanderte sein Blick über den kühlen Jungen vor ihm. Wie risikobereit bist du, kleiner Mensch? Wagst du das Spiel mit dem Feuer? Es wäre ansprechend, wenn du mir diese Nacht ein wenig erträglicher machen würdest. Ich hasse es zu warten… .

„Lucien, hör sofort auf damit!“
„Ich lasse mir von dir nichts mehr vorschreiben! Du bist nicht mein…!“
Er erinnerte sich noch gut an die Ohrfeige, die er für dieses Aufbegehren bekommen hatte und er erinnerte sich mindestens genau so gut, dass das seinen Kampfgeist geweckt hatte. Seitdem hatte er nur noch vor einem Wesen Respekt und den auch nur, wenn sie sich genau gegenüberstanden. Es gab keine Regeln mehr für Lucien Amadeus Écrisivont.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 29.03.2005    um 22:22 Uhr   IP: gespeichert
Die Finger der Hände, die eben auf das Knie abgelegt wurden, strichen nervös über den Stoff entlang.
Was hatte er denn nur? Wieso meinte er, die innere Unruhe bald nicht mehr unter Kontrolle zu haben? Ist es, weil sein Bruder mit jenem simplen Satz: „Er ist seltsam!“ Recht haben könnte? Sicher, sein Bruder hatte Recht! Das, was jener Fremde von sich gab, war doch sehr aus der Luft gegriffen.
Er räusperte sich mit einem neu erlangten, sicheren Lächeln und lachte kurz darauf etwas höhnisch.

„Sagen wir auch mal schlichtweg, dass ich sehr froh darüber bin Sie nicht zu kennen und glauben Sie mir, ich habe auch nicht vor dies zu ändern.“ Noch bevor Lucien etwas dazu erwidern konnte, erhob sich der schmale Leib des Älteren wieder und er stand sicher auf seinen Beinen. Mit einer zu lässigen Bewegung strich er sich über die Hose und wendete den Blick ein letztes Mal zu dem Gesprächspartner.
„Auch wenn es gefährlich wäre, was habe ich schon zu verlieren?“
Ja, magst du auch das sehen, seltsamer Fremder? Magst du sehen, was für wertvolle Diamanten mein Leben schmücken oder ist dir jener Blick gänzlich verwehrt geblieben? Felice machte ein paar Schritte von jener Sitzgruppe weg, entfernte sich aber nicht ganz.

„Wer auch immer Sie sein sollten, ich bin jung genug um die Wahrheit zu erkennen und zu alt, Lehre anzunehmen. Also passen Sie auf, was Sie sagen. Denn auch Sie können schnell an falsche Leute geraten.“
In einer flüssigen Bewegung wendete Felice seinen Blick über die Schulter hinweg zu Lucien. Jener konnte sehen, wie frech der Ausdruck des italienischen Mannes war, der ihm unverblümt zuzwinkerte und seinen feingliedrigen Zeigefinger an seine zarten Lippen hob. Erst dann ging er weiter, wobei er noch die letzten Worte zum Anderen schickte.

„Belästigen Sie meinen Bruder und mich niemals mehr wieder. Tun Sie es doch, sehe ich mich gezwungen andere Maßnahmen ergreifen zu müssen, die sicher nicht ganz schön sein werden.“
Und dies, ja, genau dies, war eine offene und klare Drohung an Lucien. Er sah es nicht ein, sich indirekt Bedrohen zu lassen mit Worten, die er sich nicht erklären konnte. Er wusste es einfach nicht, woher er, dieser fremde Mann, soviel wusste – er würde es wohl auch nie herausfinden, aber er konnte jener unrealen Situation einfach aus dem Weg gehen. Zudem sollte er nach seinem kleinen Bruder Vico sehen, nicht, dass jener mit dem Eis die ganzen Bettlacke bekleckerte und er heute Nacht auf dem Boden schlafen muss. Mit eiligen Schritten hielt der junge Foscari auf die Treppe zu den Zimmer zu.
Geändert am 29.03.2005 um 22:26 Uhr von FeliceFoscari
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geschrieben am: 29.03.2005    um 22:50 Uhr   IP: gespeichert
Die Luft im Foyer war zunehmend schlechter geworden, als drei ältere Herren Zigaretten angezündet hatten und die dicken Rauchschwaden die Luft schwängerten. Der Geruch zeugte von Reichtum, aber Reichtum war hier genau so fehl am Platz, wie Lucien oder der junge Felice. Schweigend lauschte der Franzose den Ausführungen des Jungen. Sein Gesicht war geprägt von Ernst und Aufmerksamkeit, innerlich lachte er aber auf. War das süß, wie dieser Menschenjunge seine Schwäche und Angst mit theatralischer Stärke überspielen wollte! Früher hätte er es sicher auch getan, aber heute hatte er keinen Grund mehr unsicher zu sein. Warum sollte er auch. Seine tiefen, blauen Augen folgten jeder Bewegung Felices und er registrierte das Streichen seiner Finger über die Hose, das Räuspern und das Lächeln übernatürlich deutlich.
„Was Sie zu verlieren haben? Mehr, als Sie glauben, dass ich weiß. Zum Beispiel Ihren Bruder, Felice. Passen Sie nur auf, dass ihm nichts zustößt. Es gibt mehr als einen Weg sich unglücklich zu machen. Und ich belästige Sie nicht, vergessen Sie das bitte nicht. Sie waren es, der auf mich zugestürmt kam und mich mit seiner Anwesenheit beehrte. Ich habe Sie nicht darum gebeten, auch wenn es sehr unterhaltsam war. Vorsicht ist zwar nicht einer meiner Vorsätze, aber ich war vorsichtig genug um bis jetzt zu überleben. Außerdem ist sehr interessant, wenn Sie mich bedrohen. Es ist anspornend, verstehen Sie? Aber ich weiß, dass Sie ein vielbeschäftigter Mann sind. Kümmern Sie sich nur um Ihren Bruder, schicken Sie ihn fort, machen Sie Ihren Vater glücklich und verarbeiten Sie Ihre Erfahrungen in einem weiteren Gedicht. Vielleicht erwähnen Sie mich sogar? Ach ja, und machen Sie sich keine Sorgen. Ihr Bruder hat das Eis nicht auf die Bettlaken geschmiert. Er wartet in Ihrem Zimmer auf Sie! Bon soir, Signore Foscari.“
Während des Gesprächs war Lucien nicht aufgestanden, sondern hatte den Jungen nur beobachtet mit durchdringendem, unablässigem Blick. Du bist verwirrt, Felice und das macht dich zu einem äußerst erheiternden Spielzeug. Nicht, dass ich dich als Spielzeug wollte. Ich spiele nicht mit Menschen. Aber du erinnerst mich an jemanden, den ich sehr gut kenne, der selbst Spielzeug war.
Als sich Felice vollständig umgedreht hatte, sagte Felice jedoch.

„Aber wenn Sie wirklich nichts zu verlieren haben, dann könnte ich Ihnen und Ihrem Bruder helfen der Macht Ihres Vater zu entkommen. Niemand ist gerne Sklave der eigenen Familie. Und besonders nicht Vico.“
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geschrieben am: 29.03.2005    um 23:23 Uhr   IP: gespeichert
Der Schritt minderte sich stetig, als er den Worten Luciens lauschte. Zum Schluss blieb er ganz stehen und ballte erneut die Hände zu Fäusten.
Was erlaubt dieser Kerl sich nur? Was liest er regelrecht seine Gedanken?
Er konnte sich nicht mehr zurück halten und wendete sich schnell wieder um. Wütend kam er auf Lucien entgegen und blieb auch nicht eher vor ihm stehen, bis er ihm ganz nah war.

„Was bilden Sie sich eigentlich ein? Sie lesen meine Gedanken als sei es ein offenes Buch! Bedrohen mich und meinen Bruder! Scheinen meine ganze Vergangenheit zu kennen und bieten mir zum Schluss ihre Hilfe an?!“
Es war nicht verdenklich, dass Felice sich sichtlich angegriffen fühlte. Darum machten Menschen auch schnell Fehler, aber Felice würde alles dafür tun, sein Bruder – das Stück Freude in seinem Leben – zu beschützen.
So kam es, dass er bewusst an den Kragen des Hemdes von Lucien griff und seine Finger darin einkrallte. Durch die laute Stimme und jene Handlung kam aufgeregtes Gemurmel von den anderen Anwesenden auf.

„Hören Sie sofort auf damit! Mir ist egal, wer oder was auch immer Sie sind, aber Sie haben nicht das Recht so intensiv in mein Leben zu pfuschen! Hören Sie auf, meine Gedanken zu lesen! Ich habe immerhin ein Recht darauf, etwas Winziges noch MEINS nennen zu dürfen!“
Und das lasse ich mir ganz bestimmt nicht von jemand wie Ihnen nehmen!
Die Leute verstummten ab und an. Was der junge Italiener auch von sich gegeben hatte, war sehr – nun, unrealistisch wie der Kerl, den er gerade am Schlawittchen hatte. Gedankenleser? So was gab es doch nur im Märchen! Felice hatte dies auch noch glauben wollen, nur erfuhr er soeben etwas ganz anderes.
Ihm war es egal, was dieser Mensch von ihm wollte, er sollte nur damit aufhören! Aufhören…, er hatte doch schon genug Probleme!
Die Hand, die zuvor in Wut agiert hatte, löste sich nun aus einen Anflug leichter Verzweiflung. Gedichte, es ist das Einzige, womit ich mich ausdrücken kann. Ein lebendiges Tagebuch, wenn sie ausgestellt werden oder jemand sie mir vorliest – ich mir selbst sie vorlese. Du, du hast doch keine Ahnung davon, was sie mir bedeuten! Du hast keine Ahnung davon, was mir Vico bedeutet! Du hast keine Ahnung von meinem Leben und von meiner Existenz!
Mit neuer Wut kräuselte er seine Nase und hob die Hand. Er wollte Lucien eine gehörige Ohrfeige verpassen.
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geschrieben am: 30.03.2005    um 00:08 Uhr   IP: gespeichert
Wut, so ein unkontrolliertes Gefühl, geboren aus Verzweiflung, Ausweglosigkeit und Angst, das die Menschen zu wilden Tieren werden lässt. Wie viele haben schon den Tod gefunden, nur weil sie sich nicht unter Kontrolle hatten? Ja, es gibt kaum etwas, dass diesen Kreaturen den Verstand mehr raubt, als hilflose Wut!
Ausdruckslos beobachtete Lucien, wie Felice auf ihn zu gestürmt kam, wie die schwarzen Haare im Gehwind nach hinten wehten, und die dunklen Augen zu winzigen Schlitzen verzerrt worden waren. Ah, es wirkte, wie ein Kunstwerk, das man betrachtete um sich zu entspannen. Er ließ zu, dass der Junge auf ihn zukam und den Kragen seines Hemds berührte. Die Haut darunter war kalt und hart, wie Stein, edler, weißer Marmor. Felice zischende Stimme vermittelte seine Gefühle besser, als alles andere, wenn man von seinem Gesichtsaudruck absah, als diese Stimme dann immer lauter wurde, lächelte Lucien nur sanft und ließ den Jungen zu Ende reden. Es tat gut nach so vielen Jahren wieder so starke Gefühle erleben zu dürfen, vor allem, weil sie ihn selbst betrafen.

„Wenn Sie mich schon vor den Leuten in diesem bescheidenen Etablissement, als Gedankenleser bezeichnen“ Raunte er „so denken sie doch bitte daran, dass Sie dadurch leicht in den Ruf kommen, dass bei Ihnen einige synaptische Verschaltungen nicht mehr vernünftig arbeiten. Mäßigen Sie ihre Tonlage, als kleiner Ratschlag meinerseits.“
Als Felice sein Hemd endlich losgelassen hatte, strich er es sich beiläufig glatt und sagte noch immer leise.

„Glauben Sie mir, ich weiß, wie wichtig Ihnen Ihre Gedichte und Ihr Bruder sind. Sie sind Ihnen das Lebenselixier, wichtiger noch als alle anderen Verbindungen, wichtiger, als Nahrung, wichtiger, als Freunde! Und nun beruhigen Sie sich!“
Lucien sah, wie sich Felices Arm hob, und er ergriff sein Handgelenk, bevor er zum Schlag ausholen konnte. Es war unglaublich, wie kräftig er war und dass es ihn nicht im Geringsten anstrengte den Arm den Jungen unter Kontrolle zu halten.

„Es ist unklug sich in der Öffentlichkeit zu Schlagen, merken Sie sich das. Erledigen Sie das besser im Schutz der Nacht und ohne Zeugen. Außerdem sollten Sie sich nun lieber besinnen, leise und ruhig werden, bevor einer der Gäste noch die Polizei oder ähnliches ruft. Ich sage es Ihnen jetzt ein letztes Mal: Entweder haben Sie den Mut und lassen sich von mir helfen, oder Sie laufen in Ihr Verderben und stürzen Ihren Bruder mit sich. Sie können frei entscheiden. Ich verspreche Ihnen Freiheit, die Sie auf andere Weise nicht erlangen könnten. Denken Sie darüber nach!“
Damit ließ er Felice Arm los und sah ihm tief in die dunklen Augen. Wie mutig bist du? Wie stark dein Verlangen nach Freiheit?
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geschrieben am: 30.03.2005    um 00:30 Uhr   IP: gespeichert
Als seine Hand wieder losgelassen wurde, rieb er sich das Handgelenk mit einem verblüfften Gesichtsausdruck. Nicht, dass er so einfach aufgehalten wurde, nein, ehe die Kraft die dahinter gesteckt hatte, ließ ihn kurz aus der Reihe tanzen. Schnell, wohl schneller als eigentlich geglaubt, fasste er sich wieder.
Sagte ich nicht, Ihr sollt aufhören meine Gedanken zu lesen? Wie viel Respekt könnt Ihr einmal am Tag aufbringen? Wohl nicht viel mehr, als Euch entgegengebracht wird, oder? Ja, ich habe langsam Mitleid mit Euch erbärmliche Kreatur!

„Lassen sie mich – in Ruhe.“
Wiederholte er mit leisem Nachdruck, aber ruhiger Handlung.
Ich werde mich niemandem unterstellen um Freiheit zu erlangen, dafür ist mein Stolz zu groß. Bislang habe ich alles allein geschafft und an dieser Kleinigkeit wird es sicher nicht scheitern! Nein, ich werde einen Weg finden, der passabel für mich ist. Für mich und meinen Bruder.

„Ich finde meinen eigenen Weg. Ich habe immer einen Weg gefunden, sei er noch so unscheinbar und schwierig gewesen. Ich brauche Ihre Hilfe nicht, trotzdem… .“
Er schmunzelte leicht.

„…, danke.“
Er schien die Ruhe selbst zu sein. Er machte einen kleinen Schritt zurück, da hinter ihm ein Möbelstück namens Tisch stand, ehe er sich erneut abwendete. Er hatte zu tun – und wie schon erwähnt – wurde er erwartet. Würde Lucien es wagen, ihm erneut irgendwelche Dinge hinterher zu werfen, würde er sicher nicht mehr darauf achten. Im Moment fühlte er sich leer, ausgelaugt. Die lange Reise setzte sich in seine Knochen nieder und forderte ihren Tribut. Er wollte jetzt nur noch in sein Zimmer. In sein Zimmer, wo der hellste Sonnenschein auf ihn wartete und er sich etwas entspannen konnte.
Sicher, der Drang nach Entspannung kam nicht nur durch die Reise auf, sondern auch durch jenes unnatürliche Ereignis. Schwunghaft landete der pechschwarze Zopf, der ihm eben bei jener Aktion über die Schulter gerutscht war, zurück auf seinen breiten Rücken. Die Schritte lenkten sich von Lucien und den anderen Anwesenden, obwohl etliche Blicke noch auf ihm lagen. Nicht einmal sah er zurück, sondern schien entschlossen sein Ziel aufzusuchen. So kam es auch, dass er einmal mehr die Treppe hinauf zu den Zimmern ansteuerte.
Nein, Vico. Ich werde dich doch nicht so schnell aufgeben! Wir finden einen Weg, der angenehmer ist, denn ich weiß doch selbst wie es ist, auf so einem Kunstinternat zu sein. Ich möchte auf dich achten und ich weiß genau, wo die Gefahren liegen.
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geschrieben am: 30.03.2005    um 00:30 Uhr   IP: gespeichert
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Geändert am 30.03.2005 um 00:30 Uhr von FeliceFoscari
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 30.03.2005    um 00:54 Uhr   IP: gespeichert
Oh, so stolz, Felice? Wahrscheinlich hat dir noch niemand gesagt, dass falscher Stolz nicht der richtige Weg ist. Aber, wie du meinst. Ich könnte dich aufhalten, aber warum sollte ich es tun? Weil du interessant bist? Vielleicht. Ja, die Idee ist nicht schlecht. Zu schade nur, dass du gar nicht weißt, dass ich normalerweise nicht viel davon halte Kinder in meine Angelegenheiten zu ziehen. Aber wenn es gar nicht anders geht… . Nein, ich rühre deinen Bruder nicht an.
Wenn Felice seine Taschen durchsuchen würde, würde er eine kleine Karte mit dem Namen und der Handynummer des Franzosen finden. Mehr nicht.
Lucien genoss noch seinen Wein, wenn man es denn so nennen wollte, denn, als er aufstand, war das Glas noch genau so voll, wie vorher. Seine weichen, federnden Schritte führten ihn die Treppe hinauf in sein Zimmer. Er sollte sich vorbereiten und aus diesem Grund öffnete er den Aktenkoffer, den er mitgebracht hatte und holte einen Stapel Briefe heraus. Mit diesen setzte er sich an den Schreibtisch, der in jedem Zimmer stand. Es wirkte ein wenig unwirklich, wie der zarte, siebzehnjährige Junge mit großem Ernst und noch größerer Sorgfalt die Briefe las und sich Notizen machte. Wenn Rasmus morgen Abend kam, mussten sie sofort aufbrechen, es gab keine Zeit, die sie hätten verschwenden können. Nach guten drei Stunden, es war mittlerweile schon fast vier Uhr am frühen Morgen, war Lucien diese Arbeit leid und packte seine Sachen zusammen. Aus einer Laune heraus verließ er seine Suite noch einmal um in den Garten zu gehen, denn dieser Ort hatte es ihm angetan. Langsam ging er über den Kiesweg, so dass die Steine leise Geräusche machten. Schließlich fand er sich wieder auf der Bank ein. Er wollte nicht nachdenken, deswegen konzentrierte er sich auf die Wellen, die der Wind in den kleinen See zauberte.

Geändert am 30.03.2005 um 00:56 Uhr von LucienAmadeus
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geschrieben am: 30.03.2005    um 15:54 Uhr   IP: gespeichert
Als er in seinem Zimmer angekommen war, sprang Vico freudig auf. Seltsame Töne drangen an sein Gehör, die später als eine Nachrichtensprecherin ausgemacht wurde. Ja, einen Fernseher hatten sie sich zumindest ergattern können, ein bisschen Luxus brauchte jeder Mensch auf der Welt. Die Kleinen Arme des Jungen schmiegten sich um Felice hüfte und er strich ihm durch das kurze, pechschwarze Haar.
Ja, du hattest Angst, dass ich dich einfach hier zurücklasse, nicht wahr? Aber das wird nicht passieren, ich passe gut auf dich auf! Es wird nichts geben auf dieser Welt, was uns zwei trennen kann, noch nicht mal unser Vater!
Er fasste Vico an den schmalen Schultern und drückte ihn einen Schritt von sich, damit er in die Hocke gleiten konnte. Die großen, unerfahrenen Augen blickten ihn mit ihrer sanften Dunkelheit vertrauensvoll an. Sanft ließ er seine Hand über die zarte Wange des Burschen gleiten, die so lebendig wirkte. Sie war warm und lebendig – es wird nicht das letzte Mal sein, dass er sie anfassen würde. Plötzlich begann er aber zu Lachen, schier unbegründet kam es auf, dementsprechend blinzelte Vico überrascht.

„Alles in Ordnung, Felice?“
„Ja, ja sicher doch! Ach, komm her, du!“
Vico fand sich augenblicklich in den Armen seines Bruders, der ihn fest an sich drückte. Vor Schreck und nun aus Angst, keine Luft mehr zu bekommen, begann er mit den Armen zu rudern und mit den Beinen zu strampeln.

„Ah, uh…, ich kriege keine Luft mehr! Felice, aaaah, Hilfeeee!“
Sie verfielen beide ihn ein munteres Lachen. Irgendwann ließ er seinen jüngeren Bruder auch wieder los und gab ihm einen sanften Kinnhaken.

„Hör mal, Vico. Ich lasse dich nie alleine, okay? Du darfst nie vergessen, dass ich immer für dich da sein werde! Ich mache alles für dich, also wenn du einen Wunsch hast, lass es mich wissen! Es soll keine Geheimnisse zwischen uns geben, ich bin immerhin dein Bruder.“
Mit einem bestätigendem Nicken hatte er wieder nach den Schultern Vicos gepackt. Der Junge senkte kurz den Blick, als würde er überlegen. Aber als er wieder aufsah, schwimmten die hellen Augen in salziges Wasser, welches bald drohte auszubrechen. Felice zog die Brauen zusammen und verlor das glückliche Gesicht schnell, als er dies sah. Was hast du denn, mein Bruder? Habe ich wirklich etwas Falsches gesagt? Ich wollte doch nur, dass du weißt, dass ich bei dir bin!

„Hey…, was hast du?“
Vorsorglich strich er ihm die Tränen von den Wangen, die sich ihren Weg hinunter gesucht hatten. Vico lächelte bitter, aber er stand nicht untätig im Raum herum, so half er seinem Bruder beim Wegwischen.

„Felice. Ich mag da nicht hin! Ich mag zurück zu Mammi. Ich will bei dir und Mammi bleiben! Bitte, schick mich nicht dahin!“
Er sah überrascht drein, als er diese Worte hörte.
Natürlich, du bist nicht dumm und du weißt, warum wir hier sind.

„Keine Sorge…, ich bringe dich nicht dorthin, Vico, das hatte ich nie vorgehabt. Ich will nicht, dass du dasselbe wie ich erlebst. Komm, wir schlafen etwas!“
Er nahm seinen jüngeren Bruder auf die Arme und brachte ihn ins Bett.
Es gab keine Zeit, in der er nicht über ihn wachte, bis er eingeschlafen war. Er hatte nie seine Aufmerksamkeit von ihm genommen und würde dies auch nie tun. Erst nach einer halben Stunde hörte er auf, sanft seinen Bruder zu kraulen. Eine halbe Stunde hatte er ihm mehr geschenkt, als benötigt gewesen war. Nun zog er jedoch die Hand zurück, deckte ihn ordentlich zu und stand auf. Seine Schritte führen ihn auf die Terrasse hinaus, die bald drohte abzubrechen. Klammert legten sich seine Finger um das kühle, meist vom Rost zerfressene, Geländer. Der Wind war selbst zu dieser späten Stunde nicht still und es zwitscherte hier und da ein Vögelchen, was früh auf den Beinen war um den ersten Wurm zu fangen.
Lässig wendete er sich um und lehnte sich mit dem Rücken nun gegen jenes alte Geländer, bevor er schwer aufseufzte.
Du möchtest da nicht hin, was ich verstehe kann. Aber wohin dann? Ich bin mir nicht sicher, ob wir so einfach zurückgehen können… . Nun, ich kann versuchen, dass sie dich nicht aufnehmen, aber selbst das ist ein Risiko. Was, wenn sie die Lüge bemerken? Vater würde sofort eine Nachricht erhalten und ich will nicht, dass du bestraft wirst.
Aber, aber was dann?
Schmerzend verzog sich sein Gesicht und er fasste sich an die Stirn. Diese ewigen Kopfschmerzen!
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 30.03.2005    um 18:38 Uhr   IP: gespeichert
Fahles, graues Dämmerlicht zeichnete sich am Horizont weit hinter der Stadt ab. In einigen Stunden würde die Sonne aufgehen und alles in ihr strahlend-goldenes Licht tauchen. Ein neuer Tag würde anbrechen. Niemand, auch nicht Lucien Écrisivont, wusste was er bringen würde. Bis dahin war es auch noch etwas hin, doch schon jetzt spürte der Franzose dieses übermächtige Verlangen den Garten zu verlassen und sich in seinem Zimmer zu verschanzen. Tapfer kämpfte er gegen die aufsteigende Angst in sich an und zwang seine Gedanken in eine andere Richtung.
Den Jungen, den er zuvor in diesem Garten getroffen hatte, er wirkte auf ihn so verletzlich, auch wenn, oder gerade weil, er sich kalt und unnahbar gab. Diese Mischung gefiel ihm sehr gut und er hatte eine Vermutung warum es so sein könnte. Damals, vor vielen Jahren, war er kaum anders gewesen. Schon immer war er von zierlicher Gestalt gewesen, was dazu geführt hatte, dass er sich körperlich Auseinandersetzungen so gut, wie entzog, weil er keine Chance gegen die meist viel stärkeren Jungen hatte. Er fühlte sich in seinem Stolz verletzt und so entwickelte er langsam aber Sicher Charakterzüge, die sich fast mit denen des Italieners deckten. Lucien war kaltherzig und gerissen geworden, intelligent und sehr geschickt, was das schmieden von Intrigen betraf. Das war notwendig, weil er sich anders nicht zu behaupten wusste. Wahrscheinlich ging es Felice genau so. Er wusste es nicht, machte sich aber auch nicht die Mühe sich darüber zu informieren. Dieser Italiener war nur ein Mensch, mit menschlichen Problemen und Lucien hatte keine Lust sich wegen ihm in Umstände zu stürzen, denn wenn Felice in sein Verderben rennen wollte, so sollte er es tun. Irgendjemanden würde es schon freuen. Zumindest den machtgeilen Vater der beiden Jungen.
In einer fließenden Bewegung erhob er sich von der Bank und strich seine Jeans glatt. So ganz hatte er sich noch nicht an den Stoff gewöhnt. Mit leisen Schritten spazierte er über den Kieselweg und steckte die langen, zerbrechlich wirkenden Finger in die Hosentaschen. Sein Blick ging an der Fassade des Gebäudes hinauf in den noch dunklen Himmel!
Verdammt Rasmus, warum kannst du nicht einmal, nur ein einziges Mal, deine verdammte Angst überwinden und deinen A.rsch in ein Flugzeug setzen? Wir wären dann heute Nacht aufgebrochen. Aber nein! Der Signore Votcelli hat es ja nicht nötig… .
Lucien zog seine feinen Augenbrauen zusammen. Hatte er sich nicht erst vor einigen Stunden selbst ermahnt, dass Wut niemandem weiterhalf? Es dauerte nicht lange, da war er wieder vollkommen ruhig. Nur wenn seine Finger über den kleinen, silbernen Schlüssel in seiner Hosentasche strichen, glomm diese Wut unterschwellig wieder auf. Er hatte das verdammte Ding in seinem Zimmer und je früher er es loswurde, desto früher würde er wieder beruhigt schlafen können. Warum konnte er sich nicht. Allegro… warum hast du ausgerechnet mit damit beauftragt? Ein leises Seufzen kam über seine Lippen, die schön und kühl, wie Alabaster aussahen.

„Du weißt, was es für eine Verantwortung ist, Lucien.“
„Ja, natürlich. Seid ohne Sorge, ich werde nicht eher ruhen bis…“
„Ruhig! Nicht in diesen Räumen.“
„Verzeiht!“
Lucien erinnerte sich noch genau, wie Allegro seine Hand gehoben hatte und mit einer abwertenden Bewegung bedeutet hatte, dass es nicht der Rede Wert war. Langsam legte Allegro Zeige – und Mittelfinger unter Luciens Kinn und hob es an.
„Steh auf, und beweise, dass du es würdig bist meinen Namen zu tragen. Ein Scheitern werde ich nicht dulden, aber ich bin gewiss, dass du es schaffen wirst! Lucien, noch niemals habe ich jemandem, wie dir erlaubt mir Gesellschaft zu leisten. Ehrt dich das?“
„Ja… .“
„Dann geh jetzt und enttäusch mich nicht! Vergiss nicht: Du bist der Beste von ihnen.“
Er spürte noch jetzt, wie Allegro ihn aus der demütigenden, knienden Haltung auf die Beine riss und ihn in Richtung Tür schubste. In diesem Augenblick hatte er geschworen, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde.

Jetzt, wo er hier stand, schien ihm dieser Tag so weit entfernt, dabei war er erst seit einer Woche aus Frankreich raus. Rasmus würde ihn bis an die italienische Grenze begleiten. Ab da musste er andere Aufgaben erfüllen. Und was war mit ihm, Lucien? Sollte er es etwa ganz alleine schaffen?
Bequemlich ging er weiter um die Gaststätte herum. Er würde sich die Beine vertreten und abwarten, als er bemerkte, dass er nicht allein war. Auf einem alten, modrigen Balkon lehnte ein junger Mann an einem Gitter. Ein Schmunzeln huschte über Luciens Gesicht.
Du kannst nicht schlafen, kleiner Felice? Gehen dir die Gedanken nicht aus dem Kopf? Lucien suchte mit dem Rücken Halt an einer kleinen Birke, damit er den Menschen besser beobachten konnte. Ja, es lenkte ihn ein wenig ab… .
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geschrieben am: 30.03.2005    um 19:40 Uhr   IP: gespeichert
Als er die Hand streichend von seiner Stirn nahm, lenkte er den Kopf zurück und sah in den anbrechenden Morgen. Schwermütig glitt die Seele in Erinnerungen ab, die das Herz noch in sich trug…

„Du…, du musst etwas dagegen tun! Bitte, Felice… .“
„Nein, Mama. Es wird schon alles einen Weg finden, glaub mir.“
„Aber du kannst doch nicht einfach…! Nein, ich - ich lasse das nicht zu!“
„Gottes Wege sind unergründlich… .“


Es tat ihm leid zu sehen, wie seine Mutter wimmerte. Er konnte nur ihre Hand halten, da es seine Entscheidung gewesen war. Dabei glaubte er noch nicht mal an den HerrnÂ… .
War es falsch gewesen, es ohne Gedanken an andere zu entscheiden? Hatte er nicht eben versprochen, seinen Bruder zu beschützen? Er wird ihn beschützen, solange er konnte, daran würde sich auch nie etwas ändern!
Ein trauriges Lächeln bildeten seine jungen Lippen und er schloss einen Augenblick die Lider, um die Sorgen zu vergessen.
Was denkst du an morgen, wenn es noch ein heute gibt?
Nachdem er sich wider gefasst hatte, streckte er sich aus. Die Hände reckten sich dem Firmament entgegen und die Haare spielten mit dem Wind. Flüssig und edel fasste er nach seinem Zopf, wo er ein schwarzes Band löste was seine Haare gebändigt hatte.
Haha, ich bin frei, frei wie der Wind! Ich werde jede Sekunde in meinen Leben genießen, auch wenn sie noch so bitter ist!
Der junge Italiener wendete sich um und sah dem Band nach, was aus seiner Hand geglitten war und wie ein Reiter auf den Wind sprang, der es fort trug.
Nichts auf diese Welt gibt es, was mich bändigen wird, nichts… .

Als er den Blick bemerkte, oder dachte, zu bemerken, sah er sich um. Die nun offenen Haare fielen immer wieder in sein Gesicht, darum musste er es mit einem weisen der Hand zu Recht legen. Es dauerte eine Weile, bis er Lucien an der kleinen Birke gelehnt wieder fand. Die braunen Augen lagen recht neutral auf das Gesamtbild des anderen. Würde er es versuchen, so würde er merken, dass keinerlei Gedanken Felice zu erschüttern versuchten. Nach Minuten drückte sich Felice mit einem sicheren Lächeln von dem Geländer ab und verneigte sich grüßen vor Lucien, ehe er die Hand hob und mit wenigen Schritten im Innenraum verschwunden war. Dort legte er sich zu seinem Bruder, um welchen er schützend einen Arm legte.
Ich bin immer bei dirÂ… .
Geändert am 30.03.2005 um 19:40 Uhr von FeliceFoscari
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geschrieben am: 30.03.2005    um 20:07 Uhr   IP: gespeichert
„Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt… und das hier ist mein persönlicher Krieg.“ Flüsterte seine Stimme in den Wind, der sie mit sich trug, wie er zuvor das schwarze Band mit sich getragen hatte. Lucien war so diesem einen Bild beeindruckt, dass er nicht versuchte zu erfahren, was in Felice Kopf vor sich ging. Jetzt, wo das Band in einem grünen Strauch hängen geblieben war, konnte er der Verlockung nicht wiederstehen und es an sich nehmen. Für den Bruchteil einer Sekunde betrachtete er es noch, dann steckte er es zu dem Silberschlüssel in seine Hosentasche.
Seine hellen Augen wanderten zu dem leeren Balkon herauf. Manchmal muss man sein Wort brechen, zum eigenen und fremden Vorteil, und wenn es nur ein Wort ist, das man sich selbst gegeben hat. Mit den gleichen, federnden Schritten, mit denen er den Garten betreten hatte, ging er nun noch einmal in Richtung Foyer um sich umzuschauen. Hier war alles dunkel. Die Hausherrin schlief, und die letzten Kerzen, die auf den Tischen standen, waren vor einer Stunde gelöscht worden, ebenso, wie das elektrische Licht. Zufrieden nickte er und schaute noch einmal durch die Glastür, bevor er sich wieder dem Balkon zuwandte, der zu dem Zimmer der beiden Jungen führte, die er heute den ganzen Abend schon beobachtet hatte. Seine Finger berührten die weiß gestrichene Wand. Er spürte die Backsteine darunter. Sieben Meter. Das sollte kein Problem sein. Vorsichtig setzte er seine Fußspitze in die erste Vertiefung. Seine Finger krallten sich weiter oben ein und er zog sich das erste Stück hinauf, mit einer Eleganz, die selbst Zirkusartisten nicht besaßen. Er kletterte die glatte Fassade herauf, als wäre es für ihn gar kein Problem. Es war auch kein Problem, denn seine übernatürlichen Sinne hatten sich perfekt angepasst an ein Leben in Verstohlen – und Dunkelheit. Eine Minute später schwang er sich über das rostige Geländer des Balkons. Mit einem „Klack“ kamen, die etwas erhöhten Absätze der Lackschuhe auf den bemoosten Fliesen auf. Er betrachtete die Tür vor sich. Einfach Glas, in einer einfachen Angel mit einer gelblich weißen Gardine davor. Einen Augenblick sah er noch in den Garten herab, dann berührte er mit den Fingerspitzen die Tür um sie sacht aufzudrücken. Er war gespannt, ob sie verschlossen war und wie er die Brüder dahinter vorfinden würde.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 30.03.2005    um 20:25 Uhr   IP: gespeichert
Von der Reise war selbst Felice erschöpft gewesen, sodass er schnell neben seinem Bruder in Schlummer gefallen war. Die Terrassentür musste gar nicht aufgedrückt werden, denn sie stand sperrangelweit offen. Der Wind machte auch vor diesem Raum nicht halt und spielte mit den vergilbten Gardinen, die ab und an aufflatterten. Ruhe lag in dem Raum, Ruhe und das regelmäßige Atmen zweier Menschen.
Unbewusst oder bewusst – wer vermag es schon zu wissen? – hatte sich Vico an seinen Bruder gedrückt, der noch immer seinen Arm beschützend um ihn gelegt hatte. Mit leicht geöffnetem Mund und entschärfte Sinne, atmete er gleichmäßig den vertrauten Duft seines jüngeren Bruder ein. Sie lagen nicht oft zu beieinander, aber gerade die häusliche Distanz hatte sie wohl nur noch mehr zusammen geschweißt, auch wenn gute zehn Jahre zwischen ihnen lagen. Aber was sagen den Zahlen schon aus, wenn die Seelenverwandtschaft vorhanden war und so gut wie nicht weichen wollte? Sie trugen ein gemeinsames Laster: Die Gabe, künstlerische Fähigkeiten in diese Welt zu bringen und die Gier, die von ihrem Vater ausging, den sie eigentlich bewundern sollten. Richtig, sie taten es nicht. Es gab niemanden, den sie bewunderten, außer ihrer Mutter, die so stark und standhaft war, dies alles mit ihnen durchzustehen. Die sich tagtäglich für sie einsetzen musste, nur, damit es ihnen besser ging. Sie hatten eine wirklich gute Mutter!

Felice bekam in seinem Schlaf nichts von dem seltsamen Besuch mit. Er hatte auch nicht damit gerechnet aufpassen zu müssen, das jemand in ihr Zimmer auf Zeit einbrechen würde. Auch Vico schlief seinen gerechten Schlaf weiter, der sich sowieso mit dem Wissen, dass sein Bruder in seiner Nähe war, keine Sorgen zu machen brauchte.
Willst du den Schlaf der beiden wirklich stören? Willst du das, was du getan hast, noch schlimmer machen?
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geschrieben am: 30.03.2005    um 20:37 Uhr   IP: gespeichert
Ob ich das, was ich bereits angefangen habe, vollenden möchte, willst du wohl eher wissen…
Lucien setzte einen Schritt vor den anderen, bis er in der Mitte des Raumes stand. Es war ähnlich aufgebaut, wie sein eigenes, vermittelte aber nicht die Geborgenheit, die er in Frankreich verspürte. Einen Moment stand er schweigend da und betrachtete die beiden Brüder. Sie waren eine Einheit, nicht von einander zu trennen, das sah man, aber das hatte er auch gar nicht vor. Langsam und darauf bedacht jedes Geräusch zu vermeiden, schlich er sich an das Bett heran. Dort nahm er Felice Arm sacht von dem Körper seine Bruders, womit er sich Zeit ließ, damit dieser auch nicht aufwachte. Entschuldige, Felice, aber du wolltest nicht auf mich hören… .
Lucien schob seine weißen Hände unter den Rücken des Kindes, um es auf seinen Arm zu heben. Als er den Jungen an seinen Körper drückte, ging er auf den Gang hinaus. Ohne zu überlegen hielt er auf sein Zimmer zu. Dort setzte er Vico auf dem Bett ab und schüttelte leicht an seiner Schulter.

„Vico, wach auf! Wach auf und hab keine Angst!“
Vorsorglich hatte er ihm aber eine Hand auf die Lippen gelegt. Sicher, war eben sicher.
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 30.03.2005    um 21:00 Uhr   IP: gespeichert
Niemand bekam die Anwesenheit von Lucien mit, da niemand wach war. Es sollte dem Franzosen ein leichtes sein, das neunjährige Kind auf die Arme zu nehmen. Da er es auch mit einem übersinnlichen Geschick tat, wachte der kleine Vico nicht auf, sondern drückte sich an den Leib des anderen in Gedanken, sein Bruder würde es sein, der ihn genommen hatte – oder eben bewegt.
Felice schlief ruhig weiter, als Lucien seinen Bruder entführte. Er war viel zu leise gewesen, auf das seine Alarmglocken hätten schellen sollen. Aber…, wenn dieser seltsame Mann es schon auf diese Weise schaffte, wie wollte er dann Vico vor anderen beschützen? So jedenfalls nicht!
Als der Kleine auf das Bett Luciens gelagert wurde, dazu noch gerüttelt, wollte er nur schwer seine Lider heben. Irgendwann kam er aber nicht daran vorbei… .

„Was, was ist denn los? Felice, nur noch ein bisschen… .“
Ich bin doch gerade erst eingeschlafen!
Doch dann, als er die Hand auf seinen Lippen spürte, kam seine innerliche Unsicherheit auf. So hob er die Lider gänzlich und blinzelte unsicher in die Gegend. Irgendwann, nachdem das Verschwommene vom Schlaf endlich Klarheit gab, schreckte er auf. Er meinte für einen Moment, keine Luft zu bekommen, als er lernte durch die Nase zu atmen, was wohl besser für ihn gewesen wäre. Die schmalen Kinderhände klammerten sich an Luciens Handgelenk und versuchten es von sich zu drücken.
Der seltsame Mann! Was will er denn nur von mir? Wo ist mein Bruder, wo ist Felice? Ich will sofort zurück zu meinem Bruder!
Wild strampelte der Bursche, auch wenn er gerade erst aufgewacht war. Der Überlebensdrang eines Menschen konnte eben ab und ab groß sein, auch, wenn Lucien ihm nichts anhaben wollte. Er, Vico, konnte dies ja schlecht ahnen, nicht wahr?
Die Augen blickten noch halb vom Schlaf bedeckt ängstlich zu Lucien auf. Jene Augen, die Felice so fasziniert hatten, weil sie das Kostbarste auf der Welt für ihn waren.
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 30.03.2005    um 22:59 Uhr   IP: gespeichert
Flackernd hoben sich die Lider und gaben den Blick auf diese unschuldigen, dunklen Kinderaugen frei. Du hast mich noch gar nicht erkannt, nicht wahr, kleiner Vico? Ah, jetzt versuchen deine kleinen Händchen dich zu befreien, aber du merkst, dass ich viel zu stark für dich bin. Wie große deine Augen werden! Du hast Angst. Wehr dich nicht, es nützt dir doch nichts.
„Keine Angst, Vico. Ich werde dir nichts tun. Wenn du mir versprichst, dass du nicht schreist, nehme ich meine Hand von deinem Mund. Du wirst nicht schreien, oder?“
Wieder wartete Lucien keine Antwort ab. Für den Fall, dass der Junge doch so dumm sein sollte und sich wagen würde rum zu krakeelen, würden die weißen, starken Finger sofort wieder auf seinem Mund landen.

„Erinnerst du dich noch an mich? Wir haben uns heute Abend im Garten gesehen. Ich heiße Lucien.“
Er lächelte dem Jungen zu und überschlug die Beine. Ach, wie niedlich eure Gedanken sind. Die deinen und die deines Bruders. Herzerweichend! Ihr hängt wirklich sehr aneinander. Dein Bruder versteht nur leider nicht, dass ich euch beiden helfen könnte, eure Probleme zu lösen. Armer, kleiner Vico. Ein bisschen Kooperation aufseiten Felices und schon müsstest du nicht auf ein Internat.

„Möchtest du was essen, oder was trinken? Ich habe ein bisschen Schokolade in dem Schrank“ Er meinte die Mini-Bar „dort drüben gesehen. Wenn du willst, hole ich dir etwas. Und du musst dich nicht fürchten. Felice geht es gut. Er ist in eurem Zimmer und schläft.“
Wenn sich Vico Luciens Gesicht genauer ansehen würde, so würde er erkennen, dass er überhaupt nicht böse aussah, höchstens ein bisschen blass, als würde er sehr viel drinnen arbeiten. Seine Züge waren noch zu weich um wirklich, als männlich angesehen zu werden, aber bereits zu hart um noch die eines Jungen zu sein. Jetzt lächelte Lucien nur.
„Na, was ist?“
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Nutzer: FeliceFoscari
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geschrieben am: 31.03.2005    um 00:08 Uhr   IP: gespeichert
Als Vico die Hand von seinen Lippen genommen bekam, drückte er sich weit in die Ecke des Bettes. Er hatte nicht vor, zu schreien, aber er hatte es auch nicht vor gehabt den Worten des Fremden glauben zu schenken. Sein Bruder hatte ihn immer vor solchen Personen gewarnt, denn er wusste, wie schlecht die Welt doch war. Dazu sagte sein Bruder immer, er sollte wegrennen und nach Hilfe rufen, aber dies war nun wohl eher weniger angebracht gewesen. Zudem schien man immer Weise zu sein, bevor etwas passiert, aber wenn es passiert, vergaß man so einiges.
Zumindest antwortete er auf die Frage, ob er schreien würde, mit einem passenden Kopfnicken. Schließlich kamen zu seinen Antworten nicht nur Gesten, sondern auch die junge Stimme.

„Ja, ich erinnere mich noch. Aber woher wissen Sie denn meinen Namen?“
Das hatte ihn zu jener Stunde im Park auch schrecklich interessiert. Dieser Mensch scheint viel über ihn zu wissen, wohl dann auch über seinen Bruder, doch woher? Er kannte ihn nicht, hatte ihn auch nie in seinem jungen Leben gesehen…, vielleicht ein Freund Felice? Nun, dann hätte er ihn auch früher zu Gesicht bekommen!

„Ich – ich will keine Schokolade. Ich habe keinen Hunger und keinen Durst. Ich will zu meinem Bruder zurück! Warum – warum bin ich hier?“
Das Aussehen des anderen interessierte ihn im Augenblick nicht sonderlich, obwohl er bemerkt hatte, dass Lucien definitiv jünger sein musste, als sein Bruder. Dennoch, die Angst schien nicht weichen zu wollen. Die gesunde Vorsicht, die im Leib eines jeden Menschen steckte besiegte man eben so schlecht, besonders in seinen jungen Jahren.

„Bitte…, bringen Sie mich zu Felice zurück! Was holen Sie mich Mitten in der Nacht hier her? Wie, wie sind Sie überhaupt in unserem Zimmer gekommen?“
Er hatte die feinen Brauen zusammen gezogen und übte große Skepsis auf Lucien aus. Der Kleine schien meist wie sein großer Bruder voll Fragen zu sein, die in jedem Satz nach Antworten verlangten. Ja, sie waren Seelenverwandte, eindeutig.
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Nutzer: LucienAmadeus
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geschrieben am: 31.03.2005    um 14:18 Uhr   IP: gespeichert
[BevorÂ’s ans Lernen geht: Hier die FortsetzungÂ…]

So viele Fragen, nichts als Fragen, Fragen, Fragen, kleiner Vico. Du bist wissbegierig. Pass nur auf, dass dein Wissensdurst dich nicht in die Fänge der falschen Leute treibt, ich weiß wovon ich rede.
Lucien blieb auf der Bettkante sitzen und schaute aus seinen tiefen, blauen Augen zu dem Neunjährigen hinüber. Wie verletzlich du wirkst. Ob du weißt, dass ich dein Leben in der Hand habe? Vermutlich nicht, und es ist besser so, denn ich möchte dir keine Angst machen. Dein junges Herz schlägt so stark. So stark… . Lucien schloss für einen Moment die Lider und fuhr sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe. Erst nach einigen Sekunden legte sich sein Blick wieder auf Vico, der wie ein verängstigtes Tier an die Wand drückte.

„Habe ich dir nicht gesagt, dass du keine Angst haben musst, kleiner Vico? Ich bringe dich zu deinem Bruder zurück. Dir wird nicht passieren, aber lass mich erst deine Fragen beantworten. Woher ich deinen Namen kenne? Weißt du, manchmal können andere Leute mehr, als man selbst und man tut gut daran nicht zu fragen, warum es so ist. Belass es dabei. Aber warum du hier bist, will ich dir gerne sagen. Ich habe erfahren, dass du ein großer Künstler bist. Künstler muss man fördern, das weißt du sicherlich. Aber auch um jeden Preis? Dein Vater will dich in eines dieser Internate für begabte Kinder schicken, wo du lernen sollst noch tollere Bilder zu malen. Du bist ein schlauer Junge und ich erzähle dir hier nichts Neues. Aber weißt du auch, wie es in diesen Schulen ist? Nach außen wahren sie ihren Glanz. Es gibt Partys und Ausstellungen, Konzerte und Feiern, aber wenn die Öffentlichkeit nicht beteiligt ist, ist es eine ganz andere Sache. Du wirst mit vielen anderen Jungen in einem Schlafsaal schlafen und jede Nacht Angst haben müssen, dass dich die, die größer, stärker oder einfach nur klüger sind, als du verprügeln und auf andere, noch viel schrecklichere Arten ärgern. Sie werden dich aus deinem Bett in die Badezimmer ziehen und deinen Kopf in die Toilette stecken, sie werden die Fotos deiner Familie, deines Bruders zerreißen und lachen, wenn du dann darüber weinst. Die anderen, die dich nicht so zurichten, werden alle ihren Mund halten, weil sie nicht selbst Opfer werden wollen.
Aber auch die Lehrer werden nicht sehr freundlich zu dir sein. Sie werden dich vielleicht wegen deines Dialekts auslachen, oder sie werden sagen, dass jeder Affe schönere Bilder malt, als du. Deine Familie wird dich bald vergessen. Niemand wird dich besuchen. Dein Vater nicht, weil er keine Zeit hat, deine Mutter, weil sie Angst vor deinem Vater hat und dein Bruder nicht, weil sie ihn nicht zu dir lassen werden. Ja, du bist völlig allein, ganz allein, sogar ohne Felice. Wenn du dann deine Schullaufbahn beendet hast, wird dich dein Vater abholen um mit deinem Talent Geld zu verdienen. Deine Mama wird weinen, weil sie dich nicht beschützen konnte und Felice… wer weiß das schon.
Willst du das, kleiner Vico? Bestimmt nicht. Ich kann dir helfen, aber dein Bruder möchte das nicht. Er ist viel zu stolz Hilfe anzunehmen. Er wird dich irgendwann auf dieses Internat stecken müssen.“
Lucien seufzte bedauerlich. Seine blauen Augen lagen voll Mitleid auf der kleinen Gestalt vor ihm. Ob er dieses Mitleid wirklich empfand, oder nur vorspielte, war schwer zu sagen.

„Es sei denn… du kannst ihn überreden meine Hilfe anzunehmen. Ich mache eine große Reise und könnte euch beide mitnehmen! Wir werden Italien verlassen und in andere Länder von großen Künstlern reisen. Ihr könntet malen und schreiben ohne Angst haben zu müssen, dass jemand euer Talent ausnutzen würdet. Willst du das, kleiner Vico? Willst du mit mir kommen und immer bei Felice sein? Oder willst du lieber in dieses grausame Internat? Entscheide dich schnell, denn du hast nicht mehr viel Zeit. Überrede Felice, mich zu begleiten, oder lebe in Einsamkeit….“
Damit verstummte er und schaute in das kleine Gesicht.

„Lucien, deine Vorliebe für menschliche Gesellschaft wird dich noch mal in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.“
„Ich weiß, Adrian. Aber lass mir den Spaß.“


Vico, du hast jetzt eine schwere Entscheidung zu treffen, und ich wünsche mir für dich, dass du weise genug bist, richtig zu entscheiden.


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