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Ein Gedanke – Nach Tod Nr. 237

Nutzer: Sorry555
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geschrieben am: 13.08.2002    um 14:13 Uhr   
Ein Gedanke – Nach Tod Nr. 237
Der Motor der Harley-Davidson heulte auf, als sein Fahrer, ein ungefähr fünfundzwanzig Jahre alter Mann mit langem, braunen Haar und einem Vollbart das Gaspedal durchdrückte. Mit einer kriminellen Geschwindigkeit von zweihundert Meilen die Stunde schoss die Harley an einem Treibstofflaster vorbei.

Auf ihren Flanken waren Engelsflügel gemalt. Der Auspuff war als blau-weißer Blitz maskiert, die gesamte Harley glänzte und es war nicht schwer zu erkennen, welche Liebe in sie gesteckt wurde. Der Fahrer wirkte unter seiner Schutzbrille absolut verrückt, aber niemand, der ihn sah, konnte sich der Sympathie erwehren, die einen sofort beim Anblick dieses Mannes traf. Er war etwas besonderes.

An einer Raststätte machte er halt. Er betrat ein kleinen, sauberen, und nicht einmal verrauchten Schankraum und begab sich an die Bar. „Einen O-Saft. Ich muss noch fahren.“ erklärte er. Der Wirt zauberte ein süffisantes Lächeln auf sein Gesicht und servierte ihm einen 100%-Konzentrat-O-Saft.

„Wie heißt Du?“ löcherte er ihn anschließend. „Wir kennen Dich hier nicht.“ Die Kneipe kämpfte darum, ein Westernflair aus ihrer Identitätslosigkeit zu zaubern und versagte kläglich. „Ihr könnt mich Jesse nennen.“ antwortete der Motorradfahrer, als ob er den Wirt aufmuntern wollte und vortäuschte, dessen Idyllenillusion für bare Münze zu nehmen. Der Wirt hob eine Braue, er hätte keinen schlechten Schauspieler in einem alten Western abgegeben, und begann mit einem semischmutzigen Tuch, den Tisch zu polieren.

Jesse drehte sich eine Zigarette und wollte sie gerade anzünden, als der Wirt einschritt, hier werde nicht geraucht. Es war Jesses Zug, die Braue zu heben, aber er steckte den Glimmstängel weg. „Sie sehen nicht gut aus. Sie könnten mal einen Luftwechsel vertragen.“ stellte er in Bemühung um eine coole Appearance fest. „Ich bin tatsächlich etwas krank.“ gestand der Wirt ein. „Und meine Frau liegt schon seit Wochen nieder.“ Die ganze Szene löste nun nicht mehr die geringsten Assoziationen zu einen Western aus. Jesse hatte die Sorgenfalten auf dem Gesicht seines Gegenüber absolut richtig gedeutet. „Hast Du kein Vertrauen, dass sie wieder gesund wird?“ „Vertrauen?“ „Glaubst Du an Gott?“ attackierte er hinerhältig. Verdutzt sah der Wirt ihn an. Der letzte John-Wayne-Zug verabschiedete sich aus dessen Gesicht. „Doch, schon...“ „Und warum sorgst Du Dich dann?“ Der Wirt wurde immer unruhiger. „Es sterben doch so viele an Krankheiten... Gott hat da wahrscheinlich überhaupt keine Zeit für meine Frau... ich – “ „Schon okay, mein Alter. Ist schon verstanden. Geh’ mal zu ihr, ich denke, es geht ihr schon wieder besser.“ Bevor der Wirt etwas erwidern konnte, drehte er sich um und verließ die Raststätte. Über ihm sprang die Leuchtschrift „Holy Springs Inn“, die seit einem halben Jahr kaputt war, wieder an. Er war etwas besonderes.

Die Frau hörte überhaupt nicht mehr auf zu heulen. Er setzte sein Geduld-Nächstenliebe-Verständnis-Gesicht auf und begann tröstend auf sie einzureden. „Ich wusste, dass es irgendwann einmal geschehen würde!“ Sie meinte, dass ihr Kind von einem der Autos auf der nahen Schnellstrasse überfahren würde. Das war soeben geschehen. Ihr anderes Kind spielte noch in der Nähe.

„Vielleicht ist sie jetzt in einer besseren Welt...“ begann er zu trösten. „Unsinn!“ schrie sie ihn an. „Erzählen sie mir jetzt nichts vom lieben Vater und so weiter. Warum hat er denn nicht soeben mein Kind gerettet und mir dieses Unglück erspart?“ Den puren Egoismus in ihrem Ausbruch freundlich – wie immer – übergehend legte er ihr seine Antwort dar: „ Wir Menschen hatten schon immer das Recht, für uns selbst zu entscheiden. Gott greift nur selten in unser Leben ein. Und dann nur, wenn wirkliches Unrecht vorliegt.“ „Wirkliches Unrecht? Sie... sie...“ Er wartete ihren hysterischen Anfall nicht ab, sondern rannte los. Es zählte jede Sekunde. Im letzten Moment erwischte er das Kind und warf es von sich weg. Dann wurde er vom Laster ergriffen und zermalmt.

In der Nacht meinten viele Leute, einen Mann auf einer Harley zum Himmel fahren gesehen zu haben, aber verständlicherweise beschlossen sie, es niemandem zu erzählen.
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geschrieben am: 13.08.2002    um 14:14 Uhr   
„Jim Beam, wie immer, mein Alter.“ Sein Gegenüber, ein bärtiger, alter Mann, runzelte ärgerlich die Stirn. „Du weißt genau, dass ich es hasse, wenn Du mich so nennst.“ „Stimmt aber doch.“ sagte der erste Sprecher mit einem spöttischen Lächeln. Der Ältere entspannte sich jetzt und nahm gleichzeitig einen ernsten Gesichtsausdruck an. „Unsere Mission läuft nicht gut, überhaupt nicht gut,“ setzte er an. In letzter Zeit nölt er nur, dachte der jüngere sich. Der Ältere wusste natürlich sofort bescheid und lächelte nun zur Abwechslung auch einmal. „Schon okay, Du hast wie immer gute Arbeit geleistet. Trotzdem muss in Leben Nr. 238 Einiges anders laufen.“ Er schob seinem Partner den gewünschten Drink hinüber. Sich selbst versorgte er mit einem Martini.

„Deine letzte Mission hat mir klargemacht, dass unsere Kunden uns nicht mehr vertrauen. Das Problem ist, dass wir definitiv nicht genügend Personal haben – dieser Wirt hatte verdammt recht. Wir müssen uns etwas ausdenken, Jesus.“

Jesse – Jesus – nickte und nippte an seinem Drink. „Ein anderes Problem ist, dass die Menschen nicht kapieren, dass wir ihnen zum einen ihre Freiheit lassen wollen, zum Anderen aber größtes Unrecht verhindern wollen und ihnen auch unsere Liebe offenbaren wollen. Zu dumm, dass Du für Bodeneinsätze zu alt geworden bist. War viel lustiger damals mit Dir zusammen.“ „Ja, ja.“ seufzte der Herr. „Das waren noch Zeiten...“

Jesus, dem es nun genug der Sentimentalität wurde, lenkte das Gespräch wieder auf den roten Faden zurück. „Mehr Personal. Schwierig. Knifflig. Verteufelt knifflig.“ Er erntete einen bösen Blick, ließ sich aber nicht irritieren, sondern dachte weiter nach. Endlich fand er eine Lösung.

Um exakt 15 Uhr mittags fiel die gesamte Bevölkerung der Erde auf einmal in Ohnmacht. Wohltönende Worte durchströmten die Gedanken der Gefallenen. Sie sagten nur zwei Sätze.

„Ihr existiert.“ und ein jeder sah ein Ei am Anfang eines Strahls, der sich zu einem Kreis bog. Am Anfang saß das Ende. „Wir also auch.“ Ein jeden durchströmte ein Gefühl der Liebe und Wärme, denn sie wussten, dass sie ein Produkt unglaublicher Gnade sind und ihre Existenz der Beweis ist.
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