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geschrieben am: 11.06.2002 um 07:45 Uhr
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Mit einem leichten Schaudern entsann sie sich daran, wie sie in den Tempel des Todes zurückgekehrt war - ein widerwärtiger Ort, und jeder, der sich dorthin wandte, zahlte meist einen hohen Preis. Doch dort konnte man ein seltsames Wesen namens Sinister antreffen, und genau dort hatte sie auch Asmodel zum letzten Mal gesehen. Es war ihr nicht leicht gefallen, doch hatte sie sich überwunden. Sinister hatte eine eigentümliche Art, mit Wesen umzugehen, wenn er mit ihnen fertig war, waren sie nicht mehr sie selbst, sondern kaum mehr als zerbrochene Marionetten. Und dann hatte er ihr mitgeteilt, daß Asmodel gestorben war. Auf welche Weise wußte sie nicht, sie fragte ihn auch nicht danach. Das erste, woran sie gedacht hatte, war: meine Güte, nun muß ich sterben. Sie war noch nie zuvor gestorben. Ein paar Male war sie nah daran - doch einmal hatte selbst der Gott des Todes sie zurückgewiesen - so etwas prägte. Also brachte der Gedanke nicht die erwartete Furcht, sondern mehr eine Art gespanntes Kribbeln. Und da Sinister es ihr anscheinend nicht einfach machen wollte, hatte er sie aus seinem Tempel wieder ziehen lassen, ohne daß sie mit ihm spielen mußte oder einen anderen Preis bezahlen.
Das "nicht so einfach", das war es auch nun, was ihr Kopfschmerzen bereitete. Früher hatte es massenweise üble Gestalten gegeben, welche ihr an den Kragen wollten - man nehme nur Schakal, wenngleich der nicht nur an ihrem Kragen, sondern eher an dem der Welt interessiert gewesen war. Nun aber fand sich absolut niemand, der sie umbringen wollte, ausgerechnet jetzt, wo es darauf ankam. Und da sollte mal einer behaupten, sie kenne sich nicht mit seltsamen Situationen aus...
Höllenstern hatte bereits einiges versucht: sie wußte, wenn sie sich selbst umbrachte, würde sie nicht in das Totenreich gelangen. Der Schöpfer hatte das ganze sinnigerweise so eingerichtet, daß diejenigen, die ihr Leben eigenhändig beendeten, prompt wiedergeboren wurden, um die ganze Chose noch einmal zu probieren. Sie hatte versucht, durch einen Unfall zu sterben. Allein wenn sie durch die Wellen der Finsternis reiste, konnte das gut geschehen, allerdings neigte sie dazu, jeden Austrittspunkt aus der anderen Dimension schlichterhand zu überleben, was sich auf die Dauer als lästig erwies. Hölle hatte sogar versucht, gemein zu sein. Aber da sie eigentlich nicht gemein war und tief in sich noch immer die liebende Wärme eines Engels trug, welcher Freunde fand, schlug das gehörig fehl und wirkte eher albern denn effektiv. Als sie dann feststellen mußte, daß auch Provokation nicht ihre Stärke war, gingen ihr allmählich die Ideen aus.
Doch da es bekanntlich immer einen Weg gibt – wenn auch meistens einen, mit dem man nicht gerechnet hat – begegnete ihr am selben Abend noch ein alter Freund. Es war ein recht großer Engel, welcher ihrem Herrn einiges an Konkurrenz machte, wenn es darum ging, sie in peinliche Situationen zu bringen. Inmitten seiner Brust prangte ein gewaltiges Loch, und wenn er den Oberkörper entkleidete, konnte man geradewegs sprichwörtlich durch ihn hindurchsehen.
„Hallo, Spirit“, sagte sie, als er sich vor ihr aufgebaut hatte und ihr die Möglichkeit nahm, Genickstarre zu bekommen, weil sie in stummen vorwurfsvollem Zwiegespräch mit den Himmelreichen stand. Erst dann ging ihr auf, daß er kalt und zornig wirkte.
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