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Brief an J.

Nutzer: Gilraen
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geschrieben am: 08.12.2003    um 17:01 Uhr   
Als der Morgen graute, erschien die junge Frau, eingehüllt in einem wärmenden, bodenlangen Umhang aus braunem Filz, am schattigen Rande der Lichtung. Leisen Schrittes begab sie sich zum dunklen Seeufer. Dort hielt sie kurz inne, sah sich um und ging dann langsam den alten Steg entlang, dessen morsches Holz unter ihren Stiefeln knarrte. Am Ende des Steges ließ sie sich nieder, strich sich die Kapuze vom Kopf, so dass ihr rotbraunes, schulterlang gewelltes Haar zum Vorschein kam, und öffnete ihre alte, verschlissene Tasche, die sich bei sich trug. Sie holte behutsam eine bereits angebrannte Kerze, Streichhölzer, ein in Leder gebundenes dünnes Büchlein und Schreibzeug hervor. Nachdem sie die Kerze entzündet und neben sich auf dem Steg plaziert hatte, schweifte ihr wacher Blick über den gefrorenen, verlassenen See. Der milde Kerzenschein war das einzige Licht um sie herum und bis auf das ferne Rufen einer Eule war zu dieser frühen Stunde kein Geräusch zu vernehmen. Die junge Frau seufzte leise und zog ihren Filzmantel zurecht, um sich zu wärmen.
In ihren Gedanken sah sie das bekannte Gesicht einer geliebten Person, von der sie nicht wusste, wie es ihr in den vergangenen Jahren ergangen war. Vergebens hatte sie Ausschau gehalten und viele Wesen nach dieser Person gefragt, niemand wusste Antwort oder Rat auf ihre vielen Fragen. Rastlos war sie durch die wilden Länder und Wälder gereist, doch nie fand sie das erfüllende Glück wieder, das ihr diese besagte Person in ihrer kurzen, gemeinsamen Zeit geschenkt hatte. Ihr Herz war gebrochen und sie wagte nicht zu glauben, jemals Linderung zu erfahren... In dieser langen Zeit war sie trotz (oder vielleicht auch wegen) des inneren Schmerzes reifer geworden und weiser; aus einem sprunghaften und naiven Mädchen war eine erwachsene und ruhigere Frau geworden. Sie hatte sich letztendlich in der großen Hafenstadt namens Sandres niedergelassen, wo sie als Buchhalterin im Rathaus eine Anstellung gefunden hatte. Doch blieb sie eine Einzelgängerin, die es unermüdlich in die Felder und Wälder der Umgebung trieb.
So trug es sich zu, dass es sie nach langen Jahren an einem kalten Dezembernachmittag auch wieder in die Nähe des Zauberwaldes verschlug. Zunächst unentschlossen, ob sie diesen ihr so vertrauten Ort betreten sollte, beobachtete sie das Treiben aus sicherer Entfernung. Viele unbekannte Geräusche drangen zu ihr vor, doch vernahm sie auch einige Stimmen, von denen sie glaubte, sie zu kennen. Der Gedanke, wieder umzukehren, missfiel ihr mehr und mehr und so nahm sie all ihren Mut zusammen und begab sich auf die belebte Lichtung. Augenblicklich fühlte sie sich wieder dem unbeschreiblichen Zauber dieses geheimnisvollen Ortes verfallen. Aufmerksam musterte sie all die Wesen, einige alte Bekannte waren unter ihnen, die sie jedoch nicht erkannten... Dennoch fühlte sie sich sogleich wieder heimisch und geborgen. Den ganzen Nachmittag lang spazierte sie durch die Haine und Alleen des Waldes und genoß die milde Wintersonne. Als sie das Seeufer erreichte, schlenderte sie wie früher über den Steg und setzte sich an dessen Rand. Sie schloß die Augen und fühlte seit langem wieder ein Gefühl der inneren Ruhe und Zufriedenheit. Viele Stunden saß sie dort, bis sie plötzlich das Gefühl beschlich, beobachtet zu werden. Einige Zeit konnte sie ihr Unbehagen verdrängen, doch dann bemerkte sie eine Bewegung hinter sich, ein Scharren von Füßen auf dem gealterten Holz des Steges. Ihr Kopf wandte sich um und was sie erblickte, verschlug ihr die Sprache. Sie meinte, ihr Herz bliebe stehen und sie würde in den See stürzen. Geschockt sah sie eine Person auf sich zukommen und ein Zittern überkam sie. Dies muss ein Traum sein, dachte sie bei sich, das kann nicht wahr sein! Völlig entgeistert sah sie dem jungen Mann in seine dunklen Augen, als er sich neben sie setzte, ebenso überrascht und starr vor Schreck. So saßen sie einige Zeit nebeneinander; sie brachte kein Wort heraus, er stammelte einige zusammenhangslose Dinge und sah starr auf den See hinaus. Als sie langsam realisierte, dass der Mann neben ihr keine Illusion war, sondern ER, nachdem sie so lange Ausschau gehalten hatte und den sie so sehr vermisst hatte, kamen ihr die Tränen. Den Kopf auf seine Schulter gelegt, ließ sie ihren Gefühlen freien Lauf: Die Verwirrung und die Freude, ihn nach all den Jahren so plötzlich wiederzusehen und die Angst, dass es vielleicht doch nur ein Traum sein könnte...
Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, als sie nach dem dünnen Büchlein und dem Schreibzeug neben sich auf dem Steg griff. Ein leichter Wind war aufgekommen und fuhr ihr durchs dichte Haar. Vorsichtig trennte sie eine Seite aus dem Lederheft und mit einer Feder in der zierlichen Hand verfasste sie folgende Zeilen:


Geändert am 08.12.2003 um 17:02 Uhr von Gilraen

Geändert am 08.12.2003 um 17:03 Uhr von Gilraen
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Nutzer: Gilraen
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geschrieben am: 08.12.2003    um 17:04 Uhr   
Liebster Jerry,

noch immer bin ich sprachlos und bewegt und mir fallen wohl kaum die passenden Worte ein... Als ich dich gestern Nacht am Seeufer wiedersah, glaubte ich, zu träumen; es war einfach zu schön, um wahr zu sein! Doch langsam erwache ich aus meiner Starre und ich sehe dich vor meinem inneren Auge und für mich bist du immer noch der Jerry, den ich damals im Zauberwald kennengelernt habe. Unsere Reisen und die damit verbundenen Erinnerungen haben sich fest in mein Gedächtnis gebrannt und ich werde sie auf ewig in meinem Herzen tragen.
Nun bist du wieder da und ich kann es kaum erwarten, dich heute Abend am Steg wiederzutreffen.


Ich danke dir, dass du zurückgekehrt bist.
Deine Rose (Gilrael)


Nachdem sie den letzten Satz vollendet hatte, legte sie den Brief in einen Umschlag, verschloss diesen und adressierte ihn an Jerry. Dann verstaute sie all ihre Sachen wieder in ihrer Umhängetasche und erhob sich langsam. Noch immer in Gedanken versunken, setzte sie ihre Kapuze wieder auf und machte sich langsam auf den Weg zurück zum Seeufer, den Brief in ihren Händen haltend. Am Ufer angekommen, sah sie sich kurz um. Die ersten Sonnenstrahlen des frühen Morgen durchbrachen bereits das Laubdach und ergossen sich auf die einsame Lichtung. Die junge Frau kniete sich neben einen größeren Felsen in der Nähe des Ufers und schob den Brief vorsichtig darunter, sodass er kaum mehr sichtbar war. In der Hoffnung, er möge den Brief finden, machte sie sich stillschweigend auf den Rückweg nach Sandres, um dort nach dieser aufwühlenden Nacht ein wenig Schlaf zu finden...

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