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~Der Sammler~

Nutzer: Ceceli
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geschrieben am: 03.09.2003    um 16:17 Uhr   
VOR JAHRTAUSENDEN IN DER ARABISCHEN WÜSTE

Es gibt heilige Orte in der Weite der ausgedörrten, feindlichen Wüste. Sie sind freigiebige Geschenke des einen Gottes, der Allah ist. Möge er für seine unendliche Güte und Großzügigkeit gepriesen werden.
Wenn ein gläubiger Beduine durch den Sand der Äonen wandert, die Sonne unbarmherzig auf seinen Körper brennt, die Wüste keinen Schatten spendet und sich seine Seele und sein Leib nach einer Zuflucht verzehren, dann kann es geschehen, dass Allah sie zur Verfügung stellt. Er schenkt seinen treuen Nomaden einen Blick auf das kommende Paradies, durch ein Miniaturfenster auf Erden.
Diese verlockenden Fenster sind die Oasen. Wo gerundete Dünen aus samtenem Sand mit sanften Hängen Freude und Erquickung versprechen, kann sich der treue Mensch von der brennenden Sonne erholen. Sinnlich und einladend wie eine Houri raschelt dort dichtes Schilf über frischem, süßem Wasser. Saftige Früchte hängen an sich wiegenden Palmen. Kühlende Schatten liebkosen sonnenverbrannte Haut.
Es gibt jedoch auch andere Orte. Sie ähneln den Oasen in vielerlei Hinsicht und sind doch ganz anders. Sie sind nicht durch die Güte Gottes geschaffen. Es sind Lügen, Trugbilder. Niemand weiß, warum sie existieren,aber man hört weise Stimmen, die erzählen, dass sich die bösen Djinn von der menschlichen Verzweiflung nähren.
Diese Trugbilder sind die gefürchteten Luftspiegelungen. Wo kein Wasser sich kräuselt, sehen durstige Menschen auf Kamlerücken labende Seen. Wo keine Feigen an üppigen Bäumen hängen, stolpern unglückliche Normaden herbei und stecken ihre Arme aus, um die süßen Früchte zu pflücken.
Die weißen, kahlen Skelette dieser getäuschten Reisenden werden jahre später entdeckt. Sie greifen immer noch nach etwas, das niemals da war.
Vor unendlich langer Zeit wurde in einer üppigen Oase im Herzen der Sinaiwüste eine Fata Morgana geboren. Ein Trugbild inmitten der unendlichen güte Gottes. Gut und Böse hatten soeben erst ihren endlosen Kampf aufgenommen, und noch hatte der Finger des Schicksals keinen Helden berührt, keinen unglückseligen Märtyrer zerschmettert.
Am Grunde des Oasensees sammelte sich irgendwann eine kaum wahrnehmbare, zähe Flüssigkeit. Dies war die geburt der Fata Morgana, aber woher sie kam und was sie vorher war, hat nie jemand erfahren.
Die Verdichtung hatte keine Funktion,aber eine Eigenschaft : Sie war reines und unbewusstes Böses. Sie existierte lediglich, um den Wesen des Bösen eine Form zu geben. Ein dunkler Splitter der Verderbtheit, an dessen Zustand sich äonen lang nichts änderte. Während der Sand um die Oase wanderte, war er nicht dem Wandel der Zeit unterworfen. Jahrhunderte,nein, Jahrtausende lang veränderte sich nichts.
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Nutzer: Ceceli
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geschrieben am: 05.09.2003    um 17:11 Uhr   
Dann,eines Tages,hüpfte ein winziger Sandfloh am Ufer entlang. Was trieb diese kleine Kreatur dazu, sich zu nahe ans Wasser zu wagen und schließlich hineinzufallen ? Und woher wusste die Verdichtung, dass dort oben etwas war ? Auf diese Fragen gibt es keine Antwort, aber irgendwoher wusste sie es. Sie stieg vom Grund des Sees herauf, zog den Floh hinab in die Tiefe und verschlang ihn
Die Lebensenergie des Flohs verwandelte die Verdichtung in etwas, das ein wenig mehr war als ihr früherer Zustand. Vormals vollkommen unwissend und unbewusst, enzündete der Lebensfunke in ihr eine Art von Bewusstsein. Auf einer äußerst primitiven Stufe, tief in der zähflüssigen Masse, entstand das denkbar vageste, ungeformteste Gefühl dafür, dass sie eigenständig existierte und anders war als alles, was sie umgab.
Dies beunruhigte die nun zum Leben erwachte Kreatur. Es durfte nichts anderes als sie selbst existieren ! Sie war schon immer das Zentrum des Universums gewesen, obwohl sie dies nur instinktiv erfasste, und genau so sollte es bleiben.
Wieder vergingen Jahrhunderte.
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Nutzer: Ceceli
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geschrieben am: 05.09.2003    um 17:32 Uhr   
Eines Tages landete ein brauner Sperling am Ufer des Sees. Niemand kann sagen, wie er dorthin gelangte. Die Hand Gottes entschied, dass es so sein sollte, und keinem Wesen, ob nun Engel oder Mensch, ist es vergönnt, die göttliche Vorsehung zu begreifen.
Als nun der Vogel nach dem funkelnden, nassen Diamanten pickte, die er auf der Wasseroberfläche meinte zu sehen, wurde auch er von der in der Tiefe lauernden Kreatur gepackt. Sie zog ihn hinunter und verschlang ihn.
Das Bewusstsein der eigenen Existenz wurde erneut in ihr gestärkt. Energie galvanisierte ihre Triebe : Die Kreatur verlangte nach mehr.
Wieder verging eine endlose Zeit, und die Verdichtung wuchs zu einem zähflüssigen Klumpen heran, voller jetzt und dichter, wie der fächerförmige Kopf einer Kobra.
Und dann verschlang sie eine Kobra und wieder gewann sie mehr Selbsterkenntnis. Sie begriff, dass die Energie, die sie konsumierte, sie wachsen und gedeihen ließ. Sie erfuhr, was es bedeutete zu leben und macht zu haben.
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Nutzer: Ceceli
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geschrieben am: 06.09.2003    um 14:55 Uhr   
Wie es dem Lauf der natürlichen Ordnung entspricht, die Allah, der Allwissende, dieser Welt auferlegt hat, wollte die Massse immer mehr.
Sie wollte mehr und wartete, und die Erfahrung, etwas zu begehren, das außerhalb von ihr war, bestärkte weiter das Gefühl ihres Selbst. Sie verstand allmählich, was Mangel bedeutete, und dies erlaubte ihr, zwischen Haben und Nichthaben zu unterscheiden.
Ehrgeiz, den Mangel zu stillen, wurde zu Begierde. Ungestillte Begierde führte zu Frustration und wurde schließlich zu Zorn. Zorn, der kein Ventil fand, wuchs an zu rasender Wut. Diese unbändige Wut brachte sie dazu, Pläne zu schmieden, um ihr Ziel zu erreichen.
Die nächsten Opfer waren Ziegen, dann eine Antilope, ihr folgte ein Kamel.
Dann, in einer Wüstennacht, kam ein Fremder angeritten, um eine Frau zu treffen. Er durfte sie nicht haben, er sollte sie nicht haben. Er war von weit her gekommen, denn er hatte das Recht zu reisen. Sie war die verschleierte Schönheit eines ebenso skrupellosen wie mächtigen Paschas, und es war ihr unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich aus dem Haremsbereich zu entfernen. Falls ihre Abwesenheit bemerkt werden sollte, würde sie bei lebendigem Leibe in siedendes Öl geworfen werden.
Wenn darüber hinaus ihre Untreue entdeckt werden sollte, erwartete sie ein noch grausameres Schicksal.
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Nutzer: Ceceli
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geschrieben am: 07.09.2003    um 12:48 Uhr   
Was die Gesetzgebung für das Fehlverhalten des Mannes vorsah, so war es besser, den Mantel des Schweigens darüber zu werfen. Die vorgesehenen Qualen und die Pein für denjenigen, der eine Haremsdame dieses Paschas liebte, waren an Grausamkeit kaum zu überbieten.
Unter der Sichel des Mondes hing beider Leben an einem seidenen Faden. Aber in dieser klaren Wüstennacht waren ihre Liebe und ihr Begehren stärker als ihre Furcht. Sie lagen sich in den Armen. Die Nacht war erfüllt von Lippen, die sich suchten, Händen, die berührten, Seufzern voller Sehnsucht und Erfüllung. Schwarzes üppiges Haar wallte aufgelöst über ihre Schultern, kostbare Öle und Düfte berauschten die Sinne, Erschöpfung wurde abgelöst von neu entflammtem Begehren,Herzschlägae rasten im Einklang.
Plötzlich erschütterten Hufe den Wüstenboden. Furchtsam, voll böser Ahnung, blickte sie auf und spähte durch die sternenreiche Nacht. Die Reiter des Paschas! Sie waren verloren !
Auf das Drängen ihres Geliebten hin sprang sie in den See. Mit der prachtvollen Streitaxt an seinem Gürtel schnitt er ein Schilfrohr ab, damit sie unentdeckt atmen könnte. Sie steckte es in den Mund und sank unter die Oberfläche.
Während er mit der Axt in der Hand dastand, und sich für den Kampf wappnete, bemerkte er nicht das Wesen, dass sich um die zarten Fesseln seiner Geliebten legte. Unerbittlich zog es sie nach unten. Sie wehrte sich,sie schrie - doch niemand hörte sie, niemand half ihr. Als ihre Kräfte ermatteten, wurde sie verschlungen.
Die gebogenen Spitzen kostbarer Schuhe und die klimpernden Münzkettchen um ihre Knöchel. Ihre hauchdünnen Pantalons, ihre Schärpe, ihre Bluse. Ihr zarter Schleier. Ihr goldener Reif.
Mit einem Rülpser wie der eines fetten, vollgefressenen Kaufmanns nach einem Festmahl spuckte das Wesen ihre unverdaulichen Überreste aus.
Ihr Schädel, sauber abgenagt, stieg an die Oberfläche, trieb einen Moment dahin, und die schwarzen, leeren Augenhöhlen schienen den Mord an dem Geliebten zu beobachten. Binnen weniger Sekunden war der Fremde von den übermächtigen Soldaten des Paschas in Stücke gehackt.
Seine reich verzierte, kostbare Axt landete am Ufer des Sees. Das Böse, das sich nach dem Verschlingen eines Menschen im gesamten Wasser ausgebreitet hatte, leckte gierig die Klinge ab und sie blieb für alle Zeit verflucht. Der Wächter des Paschas jedoch, der die Axt aufhob und in den Falten seiner Kleidung versteckte, wusste dies nicht.
Er ließ drei Duplikate der Waffe anfertigen, Brüder der ersten - eine für jeden seiner Söhne. Einzeln waren sie exquisit; Als Quartett war ihre Pracht jedoch unübertroffen. Statt sie wie geplant seinen Söhnen zu schenken, bewahrte er sie nun doch lieber gierig und stolz in einer mit Intarsien und Ornamenten reich verzierten Holzkiste auf. Aber wie sich schließlich das Böse von einer Klinge auf die nächste übertrug, weiß niemand.
Dies ist auch nicht weiter wichtig.
Wichtig ist, dass es geschah.
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geschrieben am: 20.09.2003    um 13:49 Uhr   
VOR 800 JAHREN IN DER ARABISCHEN WÜSTE

Sallah ibn Raschad verstand jetzt, warum man ihn nicht bis zum Hals im Sand begraben und zum Sterben zurückgelassen hatte. Schlimmer als der Tod war das Leben, dass er jetzt führen musste. Er wurde in dieses gottverlassene Nest von einer Stadt verbannt, um als Arzt für den widerlichsten menschlichen Abschaum zu arbeiten, der dort lebte.
Die Stadtmauer war schon vor langer zeit zerfallen. Der örtliche Pascha, Nachfahre eines ehemals mächtigen Herrschers, der sich als tapferer und gnadenloser Eroberer erwiesen hatte, war ein zügelloser Mann, der sich nur für seine Wassserpfeife und seinem Harem interessierte. In den heruntergekommenen Straßen des >Königreichs< - ein Labyrinth aus verdreckten Lehmhütten, bewohnt von Degenerierten, Dieben und Huren - wurde über einen Anschlag auf König Suleiman geredet. Aber dabei blieb es auch, denn eigentlich wollte sich niemand ernsthaft die Mühe machen, einen derart unfähigen Herrscher zu ermorden. Er tat nichts Gutes, beging aber andererseits auch keine Verbrechen.
>Schlafende Hunde soll man nicht wecken<, argumentierten die Leute.
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