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geschrieben am: 17.01.2002 um 07:09 Uhr
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Opium fürs Volk?
Ein Gottesmann ruft das aufgebrachte Amerika zur Besinnung. Von Thomas Klein
In den USA sind gegenwärtig nur rund zehn Prozent der Bevölkerung gegen einen militärischen Gegenschlag? Andere Nachrichten lauten: Es kam zu Übergriffen gegen arabisch anmutende Menschen, es gibt Rufe nach der »Vernichtung der Terroristen«.
Hierzulande gefällt sich der hessische Innenminister in der Rolle des Einpeitschers. Volker Bouffier (CDU), Kochs Mann fürs Grobe, sprach von »Extremismus unter dem Deckmantel des Islam« und warnte vor islamischen Terroristen, die sich als »brave Bürger« tarnten.
Der Islam als Feindbild? Wer meint, Religion sei ohnehin nur Opium fürs Volk, unterschätzt, zu welch beachtlichen Analysen Gottesmänner fähig sind - klingt wie Ironie, ist aber ernst gemeint.
Robert Bowman ist Bischof der Vereinigten Katholischen Kirche in Melbourne Beach, Florida, und hat sich Gedanken zum Thema Terrorismus gemacht. Auf die nun viele Menschen beschäftigende Frage, wie man die Bürger besser schützen und für mehr Sicherheit sorgen könne, kommt er zu Antworten, die gegenwärtig im Schlachtgetümmel - »Die Bundeswehr steht Gewehr bei Fuß« (Handlungsreisender Rudolf Scharping) - fast untergehen. Aber doch naheliegend sind.
»Gibt es denn nichts, wodurch wir unseren Bürgern Sicherheit bieten können? Doch!
Aber um das zu begreifen, müssen wir die Wahrheit über die Bedrohung kennen. Als Präsident Clinton dem amerikanischen Volk erklärte, warum wir Afghanistan und den Sudan bombardierten, sagte er nicht die Wahrheit. Er sagte, wir wären das Ziel des Terrorismus, weil wir für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte stehen. Unsinn! Wir sind das Ziel der Terroristen, weil unsere Regierung fast weltweit für Diktatur, Sklaverei und Ausbeutung steht. Wir sind das Ziel der Terroristen, weil wir gehaßt werden. Und wir werden gehaßt, weil unsere Regierung hassenswerte Taten begangen hat. In wie vielen Ländern haben die Vertreter unserer Regierung Führer, die von der Bevölkerung gewählt waren, abgesetzt und durch Militärdiktatoren ausgetauscht, die nichts anderes als Marionetten und bereit waren, ihre eigenen Bürger an amerikanische Großkonzerne zu verkaufen?«
Die Antworten gibt sich der US-amerikanische Bischof selbst: »Wir taten dies in Chile. Wir taten dies in Vietnam. Und wie oft haben wir es in Nikaragua und anderen Ländern getan? Wieder und wieder haben wir angesehene Führer verdrängt, die den Reichtum des Landes unter den Leuten, die dafür gearbeitet haben, verteilen wollten. Wir ersetzten sie durch mörderische Tyrannen, die ihre eigenen Leute verkauften, so daß der Reichtum des Landes durch Konzerne wie Domino Sugar, Folgers und Chiquita Banana ausgebeutet werden konnte. Wir taten dies im Iran, als die US-Marine und das CIA Mossadegh absetzten, weil er die Ölindustrie nationalisieren wollte. Wir ersetzten ihn durch den Schah, und wir bewaffneten, trainierten und bezahlten dessen gehaßte Geheimpolizei, die die Menschen im Iran versklavte und terrorisierte, nur um die finanziellen Interessen unserer Ölkonzerne zu schützen. Ist es da ein Wunder, daß es Leute im Iran gibt, die uns hassen?«
Diese Dinge hätten zwar die jeweiligen US-Regierungen zu verantworten, nicht die Menschen in den USA, aber zum Haßobjekt sei das ganze Land geworden. Und deswegen sei man das Ziel von Terroristen. »Der Haß, den wir säten, ist zurückgekommen, um uns in der Form des Terrorismus zu bedrohen.« Ketzerische Worte eines Gottesmannes?
Vielleicht (auch das keineswegs als Ironie zu verstehen) darf so nur jemand reden, der vormals Oberleutnant war, und mehr als 100 Kampfangriffe in Vietnam geflogen hat. Die Bomben auf unschuldige Zivilisten, auf »brave Bürger«, auf ein geschundenes Land haben offenkundig Spuren hinterlassen. Und Einsichten hervorgebracht, die gegenwärtig im Kettengerassel untergehen.
(Fortsetzung folgt:) |
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