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Warum eigentlich...

Nutzer: Celeste_
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geschrieben am: 11.04.2002    um 18:35 Uhr   

Warum eigentlich, scheinen ausgerechnet die Leute, die sonst so vehement die Todesstrafe für diverse Straftaten fordern, bei den Verbrechen von Nazideutschland, gerne das Mäntelchen des "längst vergangen" auszubreiten?

Warum ist man so leicht bereit, seine eigenen Rachegelüste zu legitimieren, die der andern aber in Abrede zu stellen?

Warum wird man, als entschiedene Gegnerin der Todesstrafe immer wieder mit dem Argument konfrontiert: Und was, wenn es deine Schwester/deinen Bruder etc. getroffen hätte? Aber mit der gleichen Regelmäßigkeit wird darauf hingewiesen , daß die Menschen, deren Schwester/Bruder von Nazideutschland deportiert und ermordet wurden, nun doch bitte endlich mal aufhören sollten in alten Geschichten zu wühlen?


So geschehen heute, bei einer Unterhaltung im Büro.......
So geschehen letzte Woche, beim Lauftraining.....

Celestine
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Nutzer: Gast_Rammsteiner
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geschrieben am: 11.04.2002    um 19:28 Uhr   
Dieses "Was würdest du tun wenn deine Schwester faselblaschwafellaber"-Zeugs ist eh eine Argumnetation des unterbelichteten Mittelstandes die das aus der tasche zaubern wenn sie die sachliche Diskussion aufnehmen wollen.
Deutschland hat die Mitschuld an zwei Weltkriegen, man muss aber auch beachten das sich die Poltik seitdem sehr verändert hat. Vor dem ersten Weltkrieg war Krieg fast eine Normalität um Konflikte zu lösen. das hat sich heute geändert und ich würde eher einem Saddam eine Rolle des Fschisten zuteilen als Gerhard Schröder, für mich ist dies auch perplex.

Zu der eigentlichen Frage: Leute die die Totestrafe fördern sind entweder nicht ganz dicht oder nich ganz dicht. "Was würdest du machen wenn deine Schwester ermordet wird?" *höhöhö* Hier liegt die Kunst im objektiven Betrachten liebe Mitbürger.

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Nutzer: grmpf
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geschrieben am: 11.04.2002    um 19:33 Uhr   
es geht nicht darum, den mantel des schweigens über die deutsche vergangenheit zu legen. es geht darum, ob es eine reale versöhnung zwischen deutschen und juden geben soll und kann. und diese versöhnung ist nur möglich, wenn man aufhört, von tätern und opfern zu reden.
klartext: eine versöhnung findet nicht statt, solange der zentralrat der juden aus finanziellen gründen die flagge vom allesmordenden deutschen hochhält. denn um sich versöhnen zu können, muß das opfer dem täter verzeihen. ist es dazu nicht bereit (wofür ich vollstes verständnis habe), findet eine versöhnung nicht statt. ist ganz einfach.
todesstrafe ist ein anderes thema.
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Nutzer: linné
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geschrieben am: 11.04.2002    um 22:53 Uhr   
Solche Fragen waren noch alltäglich Anfang der Achtziger, als es noch die "Gewissensprüfung" für Wehrdienstverweigerer gab. Das ist noch gar nicht so lange her. Obwohl ich gedient habe (1983), schüttelt es mich noch heute, wie man mit meinen Schulkameraden, die verweigerten, damals umgegangen ist. Immerhin, später kam dann die "Verweigerung per Postkarte", sprich die inoffizielle Anerkennung der Tatsache, dass auch der Ersatzdienst eine ehrwürdige Tätigkeit ist.


Linné
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Nutzer: donaldine
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geschrieben am: 14.04.2002    um 11:05 Uhr   
Die Erklärung ist - meiner Meinung nach - anscheinend sehr einfach: Weil man bei sich selbst und bei anderen eben sehr gerne mit zweierlei Maß mißt. Dagegen ist schwer anzuargumentieren, weil Du damit verlangst, daß Deine Gesprächspartner über das nachdenken, was sie sagen, und das natürlich wesentlich.. ungemütlicher ist; es verlangt Konsequenzen.
Wer mit dem Argument "und wenn es deine Schwester wäre" ankommt, hat noch nicht gelernt, zwischen Strafe und Rache zu unterscheiden. Mein Gegenargument ist immer, daß meine Schwester nicht dadurch wieder lebendig wird, daß der Täter stirbt. Und daß der getötete Täter auch nicht für seine Tat büßt, weil Tote weder büßen noch bereuen können.

Und bei den Opfern des Nationalsozialismus kann der Hinweis helfen, mal darüber nachzudenken, warum sie "keine Ruhe geben". Und auch - man muß ja immer differenzieren - wer es ist, der da keine Ruhe gibt. Was zum Beispiel die Finanzen angeht, ist ja tatsächlich erwiesen, daß nur etwa 10-20 Prozent der Wiedergutmachungszahlungen tatsächlich bei den Opfern angekommen sind (Falls Dich das Thema interessiert: Finkelsteins Bücher zur Ausbeutung der Juden durch die jüdischen Organisationen und die Regierungen der Opferländer sind eine recht zuverlässige Quelle). Sobald Organisationen oder Länder Wiedergutmachung fordern, kann man wirklich getrost sagen: Kehrt erst mal vor der eigenen Tür und laßt uns in Ruhe. Etwas ganz anderes sind die einzelnen Menschen. Hier hat die Gelddebatte ganz üble Auswirkungen, weil sie (was manchen sicher nur allzu lieb ist) den Blick dafür versperrt, wofür Wiedergutmachung geleistet werden soll, wofür die, die "keine Ruhe geben", Anerkennung verlangen. Und es ist doch nur menschlich, daß viele der Opfer jahrzehntelang alle schrecklichen Erlebnisse verdrängt haben, um überhaupt weiterleben zu können - die Opfer der Nazis genauso wie die Opfer der antideutschen Reaktionen. Nun, im Alter, können sich viele ihrer Vergangenheit stellen und haben ein Recht darauf, gehört zu werden.

Kurz gesagt: Wenn Du Dir die Grundlagen Deiner Meinung selbst klarmachst, kannst Du versuchen, gegen diese Doppelmoral zu argumentieren. Wenn Du Glück hast, triffst Du jemanden, der Dir auch zuhört und Deine Argumente annimmt. Wenn Du Pech hast und gegen eine Mauer aus "ich will nicht denken" anläufst, kannst Du nur sagen: Ok, schlaf weiter, es lohnt sich nicht, an Dich meine Energie zu verschwenden.

dona
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Nutzer: Gast_tinkerbell
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geschrieben am: 14.04.2002    um 12:44 Uhr   
Reinhard Mey
Immer Weiter, 1994
DIE KINDER VON IZIEU


Sie war`n voller Neugier, sie warŽn voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war'n genau wie Ihr, sie war'n wie alle Kinder eben
lm Haus in Izieu hoch überm Rhônetal.
Auf der Flucht vor den Deutschen zusammengetrieben,
Und hinter jedem Namen steht bitteres Leid,
Alle sind ganz allein auf der Welt geblieben,
Aneinandergelehnt in dieser Mörderzeit.
Im Jahr vierundvierzig, der Zeit der fleiß'gen Schergen,
Der Spitzel und Häscher zur Menschenjagd bestellt,
Hier wird sie keiner suchen, hier oben in den Bergen,
Die Kinder von Izieu, hier am Ende der Welt.


Joseph, der kann malen: Landschaften mit Pferden,
Thèodore, der den Hühnern und Küh'n das Futter bringt,
Liliane, die so schön schreibt, sie soll einmal Dichterin werden,
Der kleine Raoul, der den lieben langen Tag über singt.
Und Elie, Sami, Max und Sarah, wie sie alle heißen:
Jedes hat sein Talent, seine Gabe, seinen Part
Jedes ist ein Geschenk, und keines wird man denen entreißen,
Die sie hüten und lieben, ein jedes auf seine Art.
Doch es schwebt über jedem Spiel längst eine böse Ahnung,
Die Angst vor Entdeckung über jedem neuen Tag,
Und hinter jedem Lachen klingt schon die dunkle Mahnung,
Daß jedes Auto, das kommt, das verhängnis bringen mag.


Am Morgen des Gründonnerstag sind sie gekommen,
Soldaten in langen Mänteln und Männer in Zivil.
Ein Sonnentag, sie haben alle, alle mitgenommen,
Auf Lastwagen gestoßen und sie nannten kein Ziel.
Manche fingen in ihrer Verzweiflung an zu singen,
Manche haben gebetet, wieder andre blieben stumm.
Manche haben geweint und alle, alle gingen
Den gleichen Weg in ihr Martyrium.
Die Chronik zeigt genau die Listen der Namen,
Die Nummer des Waggons und an welchem Zug er hing.
Die Nummer des Transports mit dem sie ins Lager kammen,
Die Chronik zeigt, daß keines den Mördern entging.


Heute hör' ich, wir sollïn das in die Geschichte einreihen,
Und es muß doch auch mal Schluß sein, endlich, nach all den lahrïn.
Ich rede und ich singe und wenn es sein muß, werde ich schreien,
Damit unsre Kinder erfahren, wer sie warïn:
Der Älteste war siebzehn, der jüngste grad vier Jahre,
Von der Rampe in Birkenau in die Gaskammern geführt.
Ich werd' sie mein Leben lang sehn und bewahre
Ihre Namen in meiner Seele eingraviert,
Sie warŽn voller Neugier, sie warŽn voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie warŽn genau wie ihr, sie warŽn wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhônetal.






Ich denke, dem ist nicht viel hinzuzufügen.
Das darf nicht vergessen werden.

Ich bin froh, daß ich heute in der Bundesrepublik lebe...und nicht damals in Nazideutschland, vor einigen Jahren in Jugoslavien, heute in Israel...

Beim Lesen der obigen Zeilen fühle ich mich nicht schuldig, weil ich ein Deutscher bin. Ich fühle mich hundeelend, weil ich auch nur ein Mensch bin.
Ich bin schwach...ich weiß nicht ob ich den Mut hätte, um den Preis meines eigenen Lebens aufzubegehren...

nachdenklich

tinkerbell.

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"Autor"  
Nutzer: tiroxxx
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geschrieben am: 15.04.2002    um 09:15 Uhr   
ich meine, diese frage: "was wäre, wenn es deine schwester wäre..." auch ihre berechtigung hat. nicht allein, denn natürlich gehört auch die frage "was wäre, wenn es dein bruder wäre, der ihr das antat", dazu ebenso wie natürlich "warum tat er das"!
aber wichtig ist sie in jedem falle, um auch opfer (auch dessen angehörige etc.) zu verstehen.
für mein empfinden muß ein gerechtes rechtssystem alle seiten abwägen können und nicht nur die jeweils gewünschte +eine+ seite!
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