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geschrieben am: 14.04.2002 um 12:44 Uhr
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Reinhard Mey
Immer Weiter, 1994
DIE KINDER VON IZIEU
Sie war`n voller Neugier, sie warŽn voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war'n genau wie Ihr, sie war'n wie alle Kinder eben
lm Haus in Izieu hoch überm Rhônetal.
Auf der Flucht vor den Deutschen zusammengetrieben,
Und hinter jedem Namen steht bitteres Leid,
Alle sind ganz allein auf der Welt geblieben,
Aneinandergelehnt in dieser Mörderzeit.
Im Jahr vierundvierzig, der Zeit der fleiß'gen Schergen,
Der Spitzel und Häscher zur Menschenjagd bestellt,
Hier wird sie keiner suchen, hier oben in den Bergen,
Die Kinder von Izieu, hier am Ende der Welt.
Joseph, der kann malen: Landschaften mit Pferden,
Thèodore, der den Hühnern und Küh'n das Futter bringt,
Liliane, die so schön schreibt, sie soll einmal Dichterin werden,
Der kleine Raoul, der den lieben langen Tag über singt.
Und Elie, Sami, Max und Sarah, wie sie alle heißen:
Jedes hat sein Talent, seine Gabe, seinen Part
Jedes ist ein Geschenk, und keines wird man denen entreißen,
Die sie hüten und lieben, ein jedes auf seine Art.
Doch es schwebt über jedem Spiel längst eine böse Ahnung,
Die Angst vor Entdeckung über jedem neuen Tag,
Und hinter jedem Lachen klingt schon die dunkle Mahnung,
Daß jedes Auto, das kommt, das verhängnis bringen mag.
Am Morgen des Gründonnerstag sind sie gekommen,
Soldaten in langen Mänteln und Männer in Zivil.
Ein Sonnentag, sie haben alle, alle mitgenommen,
Auf Lastwagen gestoßen und sie nannten kein Ziel.
Manche fingen in ihrer Verzweiflung an zu singen,
Manche haben gebetet, wieder andre blieben stumm.
Manche haben geweint und alle, alle gingen
Den gleichen Weg in ihr Martyrium.
Die Chronik zeigt genau die Listen der Namen,
Die Nummer des Waggons und an welchem Zug er hing.
Die Nummer des Transports mit dem sie ins Lager kammen,
Die Chronik zeigt, daß keines den Mördern entging.
Heute hör' ich, wir sollïn das in die Geschichte einreihen,
Und es muß doch auch mal Schluß sein, endlich, nach all den lahrïn.
Ich rede und ich singe und wenn es sein muß, werde ich schreien,
Damit unsre Kinder erfahren, wer sie warïn:
Der Älteste war siebzehn, der jüngste grad vier Jahre,
Von der Rampe in Birkenau in die Gaskammern geführt.
Ich werd' sie mein Leben lang sehn und bewahre
Ihre Namen in meiner Seele eingraviert,
Sie warŽn voller Neugier, sie warŽn voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie warŽn genau wie ihr, sie warŽn wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhônetal.
Ich denke, dem ist nicht viel hinzuzufügen.
Das darf nicht vergessen werden.
Ich bin froh, daß ich heute in der Bundesrepublik lebe...und nicht damals in Nazideutschland, vor einigen Jahren in Jugoslavien, heute in Israel...
Beim Lesen der obigen Zeilen fühle ich mich nicht schuldig, weil ich ein Deutscher bin. Ich fühle mich hundeelend, weil ich auch nur ein Mensch bin.
Ich bin schwach...ich weiß nicht ob ich den Mut hätte, um den Preis meines eigenen Lebens aufzubegehren...
nachdenklich
tinkerbell.
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