|
|
|
geschrieben am: 21.03.2003 um 08:59 Uhr
|
|
Offener Brief des
Autors Paulo Coelho
an das Weiße Haus.
Danke, großer Staatsmann George W. Bush.
Danke, dass Sie jedem gezeigt haben, welche Gefahr Saddam Hussein darstellt.
Viele von uns hätten sonst womöglich vergessen, dass er chemische Waffen
gegen sein eigenes Volk, gegen die Kurden und die Iraner eingesetzt hat.
Hussein ist ein blutrünstiger Diktator und eine der augenfälligsten
Verkörperungen des Bösen in der heutigen Welt.
Aber n i c h t allein dafür wollte ich Ihnen danken.
Während der ersten zwei Monate dieses Jahres 2003 haben
Sie der Welt eine Reihe anderer,
wichtiger Dinge gezeigt.
Ich möchte mich daher in Anlehnung an ein Gedicht,
das ich als Kind gelernt habe, bei Ihnen bedanken:
Danke, dass Sie allen gezeigt haben, dass das türkische Volk und sein
Parlament nicht käuflich sind, auch nicht für 26 Milliarden Dollar.
Danke, dass Sie der Welt gezeigt haben, welch tiefe Kluft zwischen den
Entscheidungen der Machthaber und den Wünschen des Volkes liegt.
Danke, dass Sie uns vor Augen führen, dass weder José Maria Aznar
noch Tony Blair ihren Wählern die geringste Achtung und
Wertschätzung zeigen.
Aznar bringt es fertig, darüber hinwegzusehen, dass 90 Prozent der
Spanier gegen den Krieg sind, und Blair ist die größte Demonstration der
vergangenen dreißig Jahre in England schlichtweg egal.
Danke, dass Sie Tony Blair dazu gebracht haben, mit einem Dossier, das ein
Plagiat einer Arbeit war, die ein Student zehn Jahre zuvor geschrieben
hatte, vor das britische Parlament zu treten und es als vom britischen
Geheimdienst erbrachten schlagenden Beweis vorzustellen.
Danke, dass Sie Colin Powell gestatten, sich selbst zum Narren zu machen,
indem er dem UN- Sicherheitsrat Fotos vorlegt, die eine Woche später von
Hans Blix, dem Chef der UN-Rüstungskontroll- kommission zur Entwaffnung des
Irak, öffentlich angefochten werden.
Danke, dass Sie mit Ihrer Haltung dafür gesorgt haben, dass bei der
UN-Vollversammlung der französische Außenminister Dominique de Villepin mit
seiner Anti- Kriegsrede Applaus geerntet hat, was meines Wissens vorher
nur einmal in der Geschichte der UNO, im Anschluss an eine Rede Nelson
Mandelas, geschehen ist.
Danke, dass Sie mit allen Ihren Bemühungen, den K r i e g
voranzutreiben, dazu beigetragen haben, dass die sonst unterein- ander
zerstrittenen arabischen Nationen sich bei ihrem Treffen in Kairo in der
letzten Februarwoche erstmals einstimmig gegen jedwede Invasion
ausgesprochen haben.
Danke, dass Sie mit Ihrer rhetorischen Behauptung, die UNO habe nun die
Chance, ihre wahre Bedeutung zu zeigen, sogar die zöger- lichsten Länder
dazu gebracht haben, sich gegen jede Art von Angriff gegen den Irak
auszusprechen.
Danke, dass Sie mit Ihrer Außenpolitik den britischen Außenminister Jack
Straw zu der Erklärung verleitet haben, im 21. Jahrhundert könne es Kriege
geben, die sich moralisch rechtfertigen ließen, wodurch Straw seine ganze
Glaubwürdigkeit verlor.
Danke , dass Sie versucht haben,
ein Europa auseinander zu dividieren,
das für seine Vereinigung kämpft.
Es wird ihm als Warnung dienen.
Danke, dass Sie geschafft haben, was nur wenigen in diesem Jahrhundert
gelungen ist: Millionen Menschen auf allen Kontinenten im Kampf für
dieselbe Idee zu vereinen, auch wenn diese Idee nicht ihre ist.
Danke, dass Sie uns wieder fühlen lassen, dass unsere Worte, wenn sie
vielleicht nicht gehört, so zumindest ausgesprochen wurden. Das wird uns
in Zukunft noch mehr Kraft geben.
Danke, dass Sie uns missachten, dass Sie alle marginalisieren, die sich
gegen Ihre Entscheidung stellen, denn die Zukunft der Erde gehört den
Ausgeschlossenen.
Danke, denn ohne Sie hätten wir nicht erkannt,
dass wir fähig sind, uns zu mobilisieren.
Möglicherweise wird es uns diesmal nichts nützen,
aber ganz sicher später einmal.
Nun, da es keinen Weg zu geben scheint, die Trommeln des Krieges zum
Schweigen zu bringen, möchte ich wie ein europäischer König einst zu seinem
Invasoren sagen: Möge dein Morgen schön sein, möge die Sonne auf den
Rüstungen deiner Soldaten strahlen, denn noch am Nachmittag werde ich dich
besiegen.
Danke, dass Sie uns - einer Armee anonymer Menschen, die wir die Straßen
füllen, um einen Prozess a ufzuhalten, der bereits im Gange ist - erlauben
zu erfahren, wie man sich fühlt, wenn man machtlos ist, und aus diesem
Gefühl zu lernen und es zu verwandeln.
Also, genießen Sie Ihren Morgen und welchen Ruhm er Ihnen auch immer bringen
mag.
Danke, dass Sie uns nicht zugehört
und uns nicht ernst genommen haben.
Doch Sie sollten wissen, dass wir Ihnen sehr wohl zugehört haben und Ihre
Worte niemals vergessen werden.
Danke,
großer Staatsmann George W. Bush. |
|
|
|
|