Auf den Beitrag: (ID: 25518) sind "2" Antworten eingegangen (Gelesen: 575 Mal).
"Autor"

Die Bruderschaft

Nutzer: sam_naseweiss
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 08.08.2001
Anzahl Nachrichten: 271

geschrieben am: 04.10.1999    um 17:41 Uhr   
Die Bruderschaft
Samstag, der 24. April 2034, es ist Herbst - es ist immer Herbst.
Heute morgen ging ich an dem Schaufenster eines Reisebüros entlang: "Es ist noch Urlaub da!" war dort zu lesen - das öffnete mir die Augen.
Aber ich greife vor.
Nun, ich werde euch erzählen wie alles anfing.
Mit dem Verfall der letzten kommunistischen Staaten konnte sich der Kapitalismus frei entfalten, zum Wohle aller.
Von seinem Widerpart entledigt, wurde er zu einem Staatssystem ohne Namen, wozu sollte man ihn noch Kapitalismus nennen - es gab kein anderes nennenswertes Staatssystem mehr, von dem man ihn durch eine Namensgebung hätte abgrenzen müßen.
Alle anderen Ländern mußten sich, aus wirtschaftlichen Gründen, politisch und kulturell dem "kapitalistischen" Ideal anpassen, das heißt sie wurden multikulturell, relativistisch und demokratisch - Kriege gab es nun keine mehr, da sie wirtschaftlich nicht mehr tragbar waren - in einigen kleinen Ländern gab es zwar immer wieder Kriege, wie es in den Nachrichten zu sehen war, diese waren jedoch nur möglich, weil einige Nationen noch sehr rückständig und vor-"kapitalistisch" waren.
Mein Name ist Isthar, zusammen mit meinen Kollegen wohne ich im Wohnsilo 72 gleich auf dem Fabrikgelände, wo ich arbeite. Die Fabrik stellt Waffen her, das meiste davon war für den Export bestimmt, zumindest die schweren Waffen, die leichteren Waffen wurden für den Systemschutz hergestellt.
Das Fabrikgelände ist sehr groß, es bildet eine riesige Stadt für sich und uns Arbeitern wurde es in der Regel nicht erlaubt, das Firmengelände zu verlassen.
Dies hatte seinen Grund, denn die Arbeiter in der Firma waren die letzten gewalttätigen Menschen in der modernen Gesellschaft und Gewalt ist wirtschaftschädigend. Die modernen Staatssysteme konnten ihren Steuerzahlern die hohen Kosten nicht mehr zumuten, die mit der Bekämpfung von Verbrechen verbunden waren.
Der Segen der Gentechnik erlaubte es der modernen Menschheit, perfekte und gesunde Mitglieder heranzuzüchten, die "Perfekten", wie die Kinder der Gentechnologie genannt wurden.
Jenen irdischen Engeln standen alle Türen offen - gute Ausbildung, gute Jobs, und wohlgestaltete Lebenspartner.
Leider gab es immer wieder einige "romantische Spinner", die Kinder auf "normalem" Wege hervorbringen wollten - dies führte jedoch zur Geburt von "unnormalen" Kindern, die den "Perfekten" in nahezu allen Bereichen völlig unterlegen waren.
Doch in dem neuem Staatsystemen gab es keine Unterdrückung und Ungerechtigkeit mehr, auch die "unnormalen" Kinder konnten die Schule besuchen und eine berufliche Karriere anstreben. In der Praxis zeigte sich jedoch, daß sie mit den "Perfekten" nicht mithalten konnten und sich ihre Frustration darüber nur allzuoft in Gewalt gegenüber ihren Mitschülern äußerte, so daß sie bald in besonderen Schulen untergebracht wurden.
Später ging man dazu über, solche Kinder gleich in abgesonderte Schulen zu bringen.
Gentechnologie war für die Einkommensverhältnisse eines "Unnormalen" zu teuer, so daß "unnormale" Menschen auch wieder "unnormale" Kinder zeugen mußten.
Die einzigen Jobs, die man uns anbot, waren die Jobs in der Fabrik, für andere Tätigkeiten waren die Ansprüche zu hoch, wir besaßen nicht die nötige Ausbildung und unsere psyschologischen Gutachten disqualifizierten uns ebenfalls. In der Fabrik arbeiteten nur "Unnormale".
Die Fabrik war alles, so groß die Unterschiede zwischen "Perfekten" und "Unnormalen" auch war, die Fabrik verband alle miteinander.
Die einzelnen Fabriken waren Teil eines Konzernes und dieser Teil eines Wirtschaftsverbundes usw. Innerhalb der Fabrik gab es eine hierarische Abstufung, einige wenige hatten direkten Kontakt mit der außerhalb des Fabrikgeländes gelegenen Verwaltung, die gänzlich aus "Perfekten" bestand.
Diese Priviligierten bildeten die soziale Oberschicht der "Unnormalen", sie übten die Organisationsgewalt innerhalb der Fabrik aus. Von ihnen ging die hierariche Abstufung
  Top
"Autor"  
Nutzer: abalone
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 1200

geschrieben am: 04.10.1999    um 17:51 Uhr   
starker tobak - klasse ...
  Top
"Autor"  
Nutzer: eshran
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 526

geschrieben am: 06.10.1999    um 19:32 Uhr   
Sonntag, der 25. April 2034
Eigentlich fing gestern an, wie alle Tage - ein ganz normaler Arbeitstag in der Fabrik.
Ich wollte nicht mehr, als nach der Arbeit möglichst schnell nach Hause zu meinem
antiquierten aber funktionsfähigen 3D-Fernseher, denn Sonnabends werden immer
Reiseberichte gezeigt. Solange ich mich erinnern kann, wollte ich immer in ein fernes
Land fahren, doch hatte ich nie genug Geld dafür. Ich bin froh, daß ich auf dem
Fabrikgelände wohnen kann, denn außerhalb ist es sehr viel teuerer. Sagen sie.
Aber für mehr als mein Zimmer im Wohnsilo und die lebensnotwendigen Dinge hat es
finanziell nie gereicht. Das ist auch richtig so, denn schließlich bin ich nur einer
der Nicht-Perfekten. Zumindest dachte ich bis gestern so.
Als ich noch ein Kind war, glaubte ich, ich würde irgendwann auch einmal zu Ihnen
gehören - nicht nur älter, sondern perfekter werden. Damals war ich mit Ihnen in
derselben Schule und beinahe hätte ich mich sogar einmal mit einem von Ihnen
angefreundet. Wir sind nach der Schule zusammen die Straße hinunter gegangen. Aber dann
kamen seine Eltern und haben ihn schnell ins Auto gezerrt. Seine Mutter hat mich
angesehen, als hätte ich mich mit etwas Ekligem dreckig gemacht. Ich habe an mir
herabgesehen, aber da war nichts. Nichts, was ich sehen konnte zumindest. Am nächsten
Tag wollte ich den Jungen fragen, warum seine Eltern es so eilig hatten, aber er hat
sich nur umgedreht und ist gegangen. Er hat mich nie wieder angesehen. Im Jahr danach
mußten wir Unnormalen dann auf eine andere Schule gehen. Da wußte ich, daß ich nie
zu Ihnen gehören würde.
Aber eigentlich wollte ich ja von gestern erzählen. Bitte verzeihen Sie einem alten Mann,
daß er sich gelegentlich in Erinnerungen verliert. Die letzten Wochen waren sehr
anstrengend. Einige Kollegen in unserer Halle wurden verhaftet und einer sogar
erschossen, weil man entdeckt hatte, daß sie zur Bruderschaft gehören. Seitdem gab
es immer wieder Kontrollen auf dem gesamten Gelände. Letzte Woche haben sie im Stockwerk
unter meinem sogar die Wohnungen durchsucht. Für die ausgefallenen Kollegen gibt es nur
selten Ersatz denn mit der Einführung der Kindersteuer für Unnormale sind die
geburtenschwächeren Jahrgänge gekommen. So müssen wir Überstunden machen, um unser Soll
zu schaffen. Und daran ist nur die Bruderschaft schuld - würden die sich nicht gegen
das System stellen, könnten wir in Ruhe leben. Das sagt auch der Mann, der am Fließband
neben mir arbeitet. Erst gestern ist wieder einer von Ihnen gefaßt worden. Er soll in
einem der Silos nebenan gewohnt haben, erzählte mein Wohnnachbar mir vorhin.
Gestern...
Wo war ich? Ach ja, also ich wollte nur nach Hause zu meinem Reisebericht, als ich an
dem Sicherheitstrakt vorbeikam in dem die Untersuchungshäftlinge untergebracht sind.
Normalerweise meide ich den Weg, aber es ist der Kürzeste und ich war schon spät dran.
Plötzlich schwebte etwas Kleines Weißes über mir vorbei und landete so ca. 20 Meter vor
mir auf dem Bürgersteig. Es erinnerte mich an einen weißen Vogel, den ich als Kind
einmal gesehen habe. Wie hat meine Mutter den doch gleich genannt... So ähnlich wie
ein Tier in der Wüste... Löwe... ach ja, eine Möve war's. An dem Tag hat meine Mutter
mir vom Meer erzählt, von der unendlichen Weite und dem Gefühl der Freiheit, wenn
man am Ufer steht. Wenn ich mir einen Urlaub leisten könnte, würde ich ans Meer
fahren. Dorthin, wo man Möven schreien hören kann.
Aber das Weiße gestern war kein Vogel, sondern eine Seite eng beschriebenes Papier.
Erst wollte ich es wegwerfen, aber dann fragte ich mich, wer sich die Mühe macht,
etwas handschriftlich niederzulegen. Dafür gibt es doch Computer mit denen das viel
schneller geht. Zumindest seit in der Schule nicht mehr Handschrift, sondern
Maschineschreiben gelehrt wird. Da ich meine Brille nicht dabei hatte, habe i
  Top