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Nutzer: elendil
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geschrieben am: 01.02.2000    um 00:26 Uhr   
von Jizchak Katzenelsons
"Großem Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk"
1
"Du, sing! greif die zerhackte, deine nackte Harfe, singe doch
Schmeiß ins Gewirr der Saiten deine Finger für ein Lied
Sing schmerzgebrochne Herzen. Sing diesem Europa noch
Den großen Abgesang von seinem allerletzten Jid"
2
Wie kann ich singen, aus zertretner Kehle kommt kein Laut
Greul über Greul: nur ich blieb übrig, ich allein
Wo blieb mein Weib, wo unsre beiden Vögelchen, mir graut
Ich hör ein Weinen - meine ganze Welt ist voll Gewein
3
"Sing! und erheb die Stimme, sing mit Schmerz und Wut
Such! such, da oben, ob es IHN noch gibt und seine Welt sich dreht
Sing IHM hoch oben seines letzten Jidden letztes Lied: Der Jud
Gelebt, krepiert und ohne Grab vom Wind verweht"
4
Wie soll ich singen mit erhobnem Haupt. Mein Weib
Verschleppt mit Ben, mit Jomele - der Jüngste war noch Kind
Aus meinen Lichtgestalten wurden Schatten ohne Leib
Ich selbst bin schon ein Schatten, kalt und blind.
5
"Ja, schrei ein letztes Lied in diese Welt und wirf dein Haupt
In' Nacken, wende nicht von IHM den Blick in deiner Not
Greif in die Saiten, sing: Dein Volk, Gott, das dich glaubt
Ist abgeschlachtet. Alle, alle, alle Juden tot."
6
Wie singen! wie die Augen hoch zum Himmel drehn
Erstarrte Tränen kleben mir im Lid. Ich zerr
Die Tränen aus dem Aug und kann nicht sehn
Ich kenn DICH nimmer, seh DICH nicht, o HERR.
7
"Sing dennoch! Hebe blind zum Himmel auf dein' Blick
Als gäbs ein' Gott da oben, wink ihm, wink
Als käm uns von dort und leuchtete ein Glück
Hock auf Ruinen deines Volks, das ausgerottet ist, und sing!"
8
Wie kann ich singen, da die Welt mir wüste ward und öd
Wie kann ich spielen, seit mir die Hände gebrochen sind
All meine Toten such ich, Gott! auf jedem Müll wie blöd
In jedem Haufen Asche. Kinder, sagt, wo ich euch find'.
9
Schreit auf, aus jeder Grube, unter jedem Stein
Aus Staub, aus allen Flammen, schreit aus jedem Rauch
's ist euer Blut und Fleisch, drum sollt ihr schrein
's ist euer Lebensmark, drum schreit! Schreit laut!
10
Die ihr verfüttert wurdet, schreit aus Fischen in dem Teich
Aus dem Gedärm der wilden Tiere wehklagt, Groß und Klein
Im Kalk, mein abgeschlachtet Volk, schrei los! jetzt gleich
Ich brauche dein Gebrüll am Spieß, hilf mir mit deinem Hilfeschrein
11
Schrei nicht zum Himmel, der ist taub wie Dreck im Erdenloch
Nicht tauben Ohren predige, ach und zur Sonne schreie nicht
Auslöschen möcht ich sie. In dieser Mördergrube braucht es doch
Gar keine Lampe, denn in meinem Volk leuchtet das hellste Licht.
12
O zeig dich mir, mein Volk, beweise dich! Die Händ streck aus
Den Massengräbern, kilometerlang! Und dicht an dicht
Vom Kalk verbrannt, ihr Toten, kommt herauf, kommt raus
Die Untersten zuerst, kommt alle wieder, Schicht um Schicht
13
Kommt alle, von Treblinka, Auschwitz, Belzec, von Ponar
Von Sobibor, mit aufgerissnen Augen kommt, macht los!
Ich will, daß Euer stummes Schrein zu einem Schrei erstarrt
Im Schlamm, im Sumpf versunken und in faulem Moos
14
Kommt, ihr Verdorrten, aufgerieben und zermahlt, lauft los!
Macht einen Kreis um mich! Rück weiter, rück!
Komm, Opa! Oma, Mama mit dem Kindchen aufm Schoß
Nun seid ihr Dünger, Knochenmehl und Seifenstück
15
Ich muß euch alle nochmal anschaun. Grade drum
Kommt alle, denn ich muß euch spürn. Ich muß ja und ich will
Mein Volk sehn, ausgerottet, letzter Blick, versteinert, stumm
Ich singe ... gib die Harfe her ... ich spiel!
Österreich am 31.01.2000
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