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geschrieben am: 06.05.2000 um 00:36 Uhr
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Die brennende Lampe (Kurt Tucholsky *1890- +1935)
Wenn ein jüngerer Mann, etwa von 23 Jahren, an einer verlassenen Strassenecke liegt, stöhnend, weil er mit einem tödlichen Gas ringt, das eine Fliegerbombe in der Stadt verbreitet hat, er keucht, die Augen sind aus ihren Höhlen getreten, im Mund verspürt er einen widerwärtigen Geschmack und in seinen Lungen sticht es, es ist, wie wenn er unter Wasser atmen sollte -: dann wird dieser junge Mensch mit einem verzweifelten Blick an den Häusern hinauf fragen:
"Warum-?"
Weil junger Mann, zum Beispiel in einem Buchkladen einmal eine sanfte grüne Lampe gebrannt hat. Sie bestrahlte, junger Mann , lauter Kriegsbücher, die man dort aufgestellt hatte; sie waren vom ersten Gehilfen fein um die sanft brennende Lampe herumdrapiert worden, und die Buchhandlung hatte für dieses ebenso geschmackvolle wie patriotische Schaufenster den ersten Preis bekommen.
Weil, junger Mann, deine Eltern und Großeltern auch nicht den leisesten Versuch gemacht haben, aus diesem Kriegsdreck und Nationalwahn herauszukommen. Sie hatten sich damit begnügt-bitte stirb noch nicht, ich möchte dir das noch schnell erklären, zu helfen ist dir ohnehin nicht mehr-,sie hatten sich damit begnügt, bestenfalls einen allgemeinen, gemäßigten Protest gegen den Krieg loszulassen: niemals aber gegen den, den ihr sogenanntes Vaterland geführt hat, gerade führt, führen wird. Man hatte sie auf der Schule und in der Kirche, und, was noch wichtiger war, in den Kinos, auf den Universitäten und durch die Presse national vergiftet, so vergiftet , wie du heute liegst: hoffnungslos. Sie sahen nichts mehr. Sie glaubten ehrlich an diese stumpfsinnige Religion der Vaterländer, und sie entweder garnicht, wie ihr eigenes Land aufrüstete: geheim oder offen, je nach den Umständen; oder aber sie wußten es , und dann fanden sie es sehr schön. Sehr schön fanden sie das. Deswegen liegst du, junger Mann.
Was röchelst du da - ? "Mutter?"- Ah, nicht doch. Deine Mutter war erst Weib und dann Mutter, und weil sie Weib war, liebte sie den Krieger und den Staatsmörder und die Fahnen und die Musik und den schlanken, ranken Leutnant. Schrei nicht so laut; das war so. und weil sie ihn liebte, haßte sie alle die, die ihr die Freude an ihrer Lust verderben wollten. Und weil sie das liebte und weil es keinen öffentlichen Erfolg ohne Frauen gibt, so beeilten sich die liberalen Zeitungsleute, die viel zu feige waren, auch nur ihren Portier zu ohrfeigen, so beeilten sie sich, sage ich dir, den Krieg zu lobpreisen, halb zu verteidigen und jenen den Mund und die Druckerschwärze zu verbieten, die den Krieg ein entehrendes Gemetzel nennen wollten, und weil deine Mutter den Krieg liebte, von dem sie nur die Fahnen kennte, so fand sich eien ganze Industrie, ihr gefällig zu sein, und viele Buchmacher waren auch dabei. Nein, nicht die von der Rennbahn; die von der Literatur. Und Verleger verlegten das. Und Buchhändler verkauften das.
Und einer hatte diese sanft brenende Lampe aufgebaut, sein Schaufenster war so hübsch dekoriert; da standen die Bücher, die das Lob des Tötens verkündeten, die Hymne des Mortdes, die Psalmen der Gasgranaten. Deshalb junger Mann.
Eh du die letzte Zuckung tust, junger Mann:
Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also garnicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegsablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend. Du bist ihre Frucht; du bist einer von ihnen- so, wie dein fliegender Mörder einer von ihnen gewesen ist.
Darf ich deinen Kopf weicher betten? Oh, du bist schon tot. Ruhe in Frieden! Es ist der einzige, den sie dir gelassen haben.
Bitterböse diese Satire, nicht? Aber die Zeit, in der sie geschrieben wurde war auch bitterböse. Es war Nazizei |
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