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geschrieben am: 12.10.2000 um 17:28 Uhr
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Hallo Madnes,
wie immer so bewundere ich auch diesmal wieder, in Deiner Antwort, Deinen Mut zur Ehrlichkeit und Offenheit.
Ganz allgemein: jeder Mensche besteht aus Körper, Geist und Seele. Körper und Intellekt bestreitet ja auch niemand, als vorhanden. Nur die Seele muss leider ein Schattendasein führen. Die Seele ist jener Ort in uns, in dem wir fühlen: Freude, Glück, Verzweiflung, Trauer, Angst, Wut, Hass, Schmerz, Unsicherheit.
Unangenehme Gefühle stören, daher gibt es eine große Pharmaindustrie, die sich auf Beruhigungsmitttel spezialisiert hat und an uns Menschen hervorragend verdient.
Die Industrienationen basieren auf dem Leistungsprinzip. Leistung und Trauer heben sich auf. Wir dürfen uns nicht die Zeit nehmn für unangenehme Gefühle, da wir leisten müssen. Leisten wir nicht, riskieren wir unseren Job.
Eltern, die ihre Kinder nach dem Zusammensturz 45 aufzogen, hatten keine Zeit sich um Gefühle zu bemühen, sie kämpften auf verschiedenen Gebieten um's Übrleben. Die Kinder dieser Generation sind ziemlich hart aufgewachsen, ohne eigentliche Mutterliebe, es hatte nie jemand Zeit für sie. Sie wurden so nebenher groß. Zur Generation dieser nebenher großgewordenen Kinder gehören Deine Eltern, Madnes.
Und nun kommt Ihr .. die nächste Generation ... Kein Mensch weiß, was Gefühle sind, nur jeder hat sie. "Was ist das, warum fühle ich mich so beschissen? Bin ich krank?"
Du schaust Dich um: "hm, den anderen scheint es gut zu gehen, die sind ja recht fröhlich, keiner leidet so wie ich ... dann bin ich wohl unheilbar krank?"
Sich gehen lassen, nicht Meister seiner Gefühle zu sein, gilt als schwach. "Du hast einen schwachen Charakter." "Du bist ein Schwächling." "Ein Mann weint nicht." Diese Aussagen leben heute noch. Wer traut sich zu zeigen, was er/sie fühlt? Wer traut sich seinen Schmerz zu leben? Tust Du es, macht irgendjemand dir ein schlechtes Gewissen, "weil Du nur rumhängst und nichts tust"...
Jeder Mensch hat diese Gefühle, auch Psychologen. Was Du sagst, Madnes, trifft auf viele psychisch geschulte Helfer zu, da unser Staat ein NummerusClausus-Prinzip eingeführt hat, nur die schulisch Besten dürfen dieses Fach studieren, und sie können natürlich an dem Leid der unendlichen Zahl Leidender viel Geld verdienen. Es trifft aber nicht auf alle zu.
Es gibt verdammt gute Therapeuten. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie Menschen sind und leiden. Und es ist erwiesen, daß Menschen, die selbst leiden, sich am besten in ihre Patienten einfühlen können. Nur darf eben eigenes Leid nicht auf die Patienten verlagert werden, die Patient-Therapeut-Beziehung muss gewährleistet bleiben. Um u.a. das zu können, lernt man das Fach an der Uni.
Als guter Therapeut steht man nicht über seinem Patienten und ist gegen alles Leid immun, sondern man steht neben seinem Patienten - auf gleicher Höhe und leidet möglicherweise genauso, auf ähnlichen oder anderen Bereichen. Aber man kann helfen, aufgrund seiner Erfahrung und seines Wissens, daß Schmerzzustände vorübergehenden Charakters sind, daß man aus diesen uangenehmen Gebieten wieder raus kommt, daß das Leben weitergeht, daß es wieder bessere Zeiten geben wird. Es gibt immer Hoffnung.
Trauerphasen und Zeiten des Glücklichseins wechseln... und das weißt Du auch, Madnes. Du schreibst in Phasen tiefster Trauer, dann bist Du glücklich und lebst einfach. Wie tief wir das Leid erfahren, bzw. die Erfahrung des Leides zulassen, ist unterschiedlich.
Ich würde Dir, Madnes, und jedem anderen Leidenden empfehlen, in Zeiten tiefster Trauer die Hoffnung nicht außer Acht zu lassen, nämlich die Hoffnung und eigentlich auch das Wissen: es geht wieder aufwärts, es kommen bessere Zeiten! Sie waren da und sie kommen wieder. Den Schubs fühlen, den Dir irgendeiner gibt, durch ein Lächeln, durch ein paar Worte: "ich weiß, wie's fühlt, doch mach weiter, es lohnt sich!"
Es gibt sehr gute Therapeuten, Madnes. Man muß sie halt finden. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie an Schweigepflicht g |
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