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Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Nutzer: Gast_chicita
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geschrieben am: 29.10.2000    um 00:39 Uhr   
Es war eine kleine Frau, die den staubigen Feldweg entlangkam. Sie war wohl schon recht alt, doch ihr Gang war leicht, und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
Bei der zusammengekauerten Gestalt blieb sie stehen und sah hinunter. Sie konnte nicht viel erkennen. Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos. Es erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen. Die kleine Frau bückte sich ein wenig und fragte: "Wer bist du?"
Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich? Ich bin die Traurigkeit", flüstere die Stimme stockend und so leise, daß sie kaum zu hören war.
"Ach, die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.
"Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit mißtrauisch.
"Natürlich kenne ich dich! Immer wieder eimal hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
"Ja, aber ...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir? Hast du denn keine Angst?"
"Warum sollte ich vor die davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selbst nur zu gut, daß du jeden Flüchtigen einholst. Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"
"Ich ... ich bin traurig", antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr. "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."
Die Traurigkeit seufzte tief. Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen? Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht. "Ach, weißt du", begann sie zögernd und äußerst verwundert, "es ist so, daß mich einfach niemand mag. Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen. Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück. Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."
Die Traurigkeit schluckte schwer. "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen. Sie sagen: Papperlapapp, das Leben ist heiter. Und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot. Sie sagen: Gelobt sei, was hart macht. Und dann bekommen sie Herzschmerzen. Sie sagen: Man muß sich nur zusammenreißen. Und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken. Sie sagen: Nur Schwächlinge weinen. Und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe. Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."
"Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir schon oft begegnet.
Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen. "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen. Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen. Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen. Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut. Manches Leid bricht wieder auf wie eine schlecht verheilte Wunde, und das tut sehr weh. Aber nur, wer die Trauer zuläßt und all die ungeweinten Tränen weint, kann seine Wunden wirklich heilen. Doch die Menschen wollen gar nicht, daß ich ihnen dabei helfe. Statt dessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben. Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu." Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.
Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme. Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel. "Weine nur, Traurigkeit", flüstere sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten, damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr an Macht gewinnt."
Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin: "Aber ... aber – wer bist eigentlich du?"
"Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzeln, und dann lächelte sie wieder so unbekümmert wie ein kleines Mädchen. "Ich bin die Hoffnung".

(von Inge Wuthke)

(tztz..hat damals niemand gemerkt, daß der letzte halbsatz fehlte?!)
Geändert am 07.10.2001 um 11:48 Uhr von chicita
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"Autor"  
Nutzer: sharon-baby
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geschrieben am: 28.10.2000    um 23:15 Uhr   
Ich habe mir diese Geschichte durchgelesen, finde Sie wirklich schön, Man muß Sie nur verstehen, dann ist Sie gleich um das doppelte schöner......
*Wird sich mal die Internetadresse kopieren.....*
Danke für diesen Einblick, denn ich kannte die Autorin bisher nicht! Bin aber ein großer Fan von solchen Geschichten, die viel Aussagen und die Wahrheit sprechen....
Bis denn
Das sharon-baby (Angelwings)
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Nutzer: Gast_handra
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geschrieben am: 28.10.2000    um 23:37 Uhr   
Ich schließ mich sharon-baby an.Die Geschichte ist wunderschön und sagt gleichzeitig so vieles aus.Oft ist es leichter einen Sinn zu verstehen wenn er anhand von Bildern oder Geschichten ausgedrückt wird.
Also vielen Dank,daß du dir die Mühe gemacht hast sie auszutippen.handra
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"Autor"  
Nutzer: schlau
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geschrieben am: 30.10.2000    um 09:52 Uhr   
 
 
alle menschen sind gleich. gleich doof, gleich hässlich und gleich beleidigt.
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"Autor"  
Nutzer: roses
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geschrieben am: 30.10.2000    um 10:22 Uhr   
...[i]lächelt zu chicita[/i]
Unsere schmerzlichen Gefühle
sind nicht anderes als wir selbst,
oder;
genauer gesagt, sie sind ein Teil von uns.
Sie zu leugnen bedeutet,
uns selbst zu leugnen.
[i]Thich Nhat Hanh[/i]
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Nutzer: jace
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Anzahl Nachrichten: 46

geschrieben am: 31.10.2000    um 09:00 Uhr   
...ein bisschen kindlich der schreibstil....ein wenig romantisch und verklärt, die botschaft....wäre es so einfach.....dann ...gäbe es doch...die traurigkeit nicht mehr...
lächelnd ab
jace
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"Autor"  
Nutzer: Gast_chicita
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geschrieben am: 07.10.2001    um 11:45 Uhr   
hüstel etwas spät, aber ich dachte, ich reiche mal die quelle für das märchen nach:

es ist von Inge Wuthe,

was ich damals nicht wußte
ascheaufmeinhaupt :-)
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