|
|
|
geschrieben am: 12.12.2000 um 09:43 Uhr
|
|
Mein geliebtes unbekanntes Wesen,
wenn die zarten Knospen, die jetzt an den Pflanzen durch dem Winter dem Frühling entgegenschlafen, träumen könnten – würden sie davon träumen, daß sie im Herbst als Laub zu Boden fallen werden? Nein, sie würden von warmen Sonnenstrahlen träumen, die, wenn sie Blatt oder sogar Blüte geworden sind, über sie streicheln. Nicht vom Vergehen würden sie träumen, aber vom Werden.
Vielleicht hätten sie eine Ahnung, daß ihr Sein eine ständige Wandlung ist. Aber dann würden sie auch ahnen, daß es kein Ende gibt, sondern daß es etwas Ewiges gibt, dessen Offenbarung ihre momentane Zeitgestalt ausmacht. Und in diesem Ewigen würden sie träumen, während es um sie herum kalt und dunkel ist, weil die Sonne durch den Winter geht, die Sonne, die das Leben in ihnen weckt.
Wir aber tragen die Sonne in uns, die aus unserem Geist in unsere Seele strahlt. Und wenn sich zwei Seelen nahe kommen, kann es geschehen, daß sie ganz leise anfangen zusammen zu schwingen. Sie bewegen sich in einem vorsichtigen, zärtlichen Gleichklang. Ein Ton entsteht dabei, aber dieser Ton kommt nicht aus den Seelen selbst, sondern sie werden zum Instrument für diesen Ton. Durch ihre zarten, vorsichtigen Bewegungen lassen sie etwas durch sich hindurchfließen, was viel größer ist als sie selbst und sie ganz erfüllen kann. Es ist Ton, es ist Licht, es ist Wärme, was sie erfüllt, und es ist Teil eines ganz großen Geheimnisses, das uns umgibt.
Habe keine Angst, daß es aufhört, bevor es angefangen hat. Nimm meine Hand, und wir wollen dieses Geheimnis suchen gehen. Das, was wir träumen, ist ein Abglanz davon, und selbst dieser Abglanz erscheint uns schon so unendlich, daß er viel zu groß ist für unsere Seelen und sie manchmal überlaufen wollen. Ich spüre Deine Hand in meiner, sie fühlt sich warm an, spüre den zarten Druck Deiner Finger. Komm, wir gehen durch die Nacht hindurch, die uns blau umgibt, wir spüren uns in ihr, nur uns zusammen. Irgendwann wird es Morgen werden in rötlichem Licht. Du, vielleicht müssen wir unsere Hände dann loslassen bis zum Abend. Aber wenn wir das Licht gefunden haben, das uns die kalte Dunkelheit samtblau und warm werden lässt, brauchen wir uns nicht zu sorgen, daß wir uns verlieren - weil wir dann Teil des großen Geheimnisses geworden sind, weil wir ein kleines Stück vom Werden und Vergehen ins zeitlose Sein gebracht haben. Und unsere Hände werden sich immer wieder finden, um Hand in Hand durch die Nacht zugehen.
Komm, mein geliebtes, unbekanntes Wesen, wir wollen suchen gehen...
|
|
|
|
|