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geschrieben am: 27.12.2000 um 23:05 Uhr
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Todesangst
oder
Unter meinem Bett...
Unter meinem Bett liegt sie, Tag und Nacht, immer.
Tagsüber schläft sie tief und fest, nur wenn die Sonne durch die violetten Vorhänge sickert wie giftiger Dunst und grob auf den dunkelgrauen Teppich knallt, wacht sie manchmal auf und weint vor Angst. Dann lasse ich ganz schnell die Jalousien herunter; mir wird immer ganz flau von ihrem lautlosen Schluchzen.
Wenn sich in der Dämmerung die ersten Mückenschwärme um den Teich vor meinem Fenster tummeln und das Quaken der Frösche zu einem lautstarken Konzert anschwillt, darf ich die Rollläden wieder hochziehen. Meistens bleibe ich dann noch eine Zeitlang auf dem kalten Fensterbrett sitzen und beobachte, wie die Sonne langsam am Horizont stirbt und die zerrissenen Wolken am Himmel mit ihrem purpurroten Blut tränkt. Dabei lese ich oft alte Briefe, die ich schon längst auswendig kann, und stelle mir vor, alles wäre wie früher.
Vorbei.
Wenn es dunkel ist und der fahle Mond inmitten von unzähligen Sternen am Himmel steht, schlüpfe ich unter die rote Wolldecke und verkrieche mich im Bett, bis über beide Ohren zugedeckt und zusammengerollt wie ein ängstlicher, mutterloser Welpe. Ich wäre gern ein Stern; vielleicht würde ich dann nicht so furchtbar frieren.
Gegen Mitternacht wird sie hungrig, wälzt sich von einer Seite auf die andere und stößt dabei jedes Mal mit ihren spitzen Schultern gegen die Unterseite des Bettes. Es geschieht jedoch selten, dass sie mich aus meinem flatterigen Dämmerschlaf weckt, denn normalerweise schlafe ich erst in den frühen Morgenstunden ein, Baldrian hin oder her. Es ist immer das gleiche; anfangs versuche ich, ihr leises Wimmern und ihre unruhigen Bewegungen zu ignorieren, aber wenn sie dann mit ihrer schwachen, brüchigen Stimme meinen Namen in die dunkle Stille hineinruft, schneidet es zu tief, als dass ich sie wegstoßen könnte. Ich atze sie mit meinen Tränen und lasse sie meine blutigen, eiternden Wunden küssen, auch wenn es mich so schrecklich ekelt, dass ich am liebsten schreien möchte. Ich hasse es, wenn ihre gierigen Augen mich anstarren wie zwei tiefe schwarze Löcher, die danach lechzen, alles Bittere zu verschlingen, aber ich muss sie füttern, sie ist schließlich die einzige. Und sie braucht mich, sie braucht es, sonst stirbt sie. Mein Wohl wäre ihr Tod, sie würde verhungern ohne meine Marter.
Wenn sie dann endlich satt ist, nach hunderttausend schmerzvollen Ewigkeiten, hebt sie ganz langsam ihren ebenmäßigen Kopf mit dem langen, kupferglänzenden Haar und wendet mir ihr blasses, ovales Gesicht zu. Ihr farbloser, blutleerer Mund lächelt mich boshaft an, doch ihre Augen bleiben ernst und traurig.
„Du hast Angst, nicht wahr?“ flüstert sie.
„Nein!” fauche ich jedes Mal und verachte die spöttische Überlegenheit in ihren schwarzen Krateraugen. Dann legt sie ihre kalte Hand auf meine Brust und ich möchte weglaufen, aber ich halte still wie ein Lamm beim Schlächter. An der Stelle, auf die sie ihre kalten, knochigen Finger drückt, spüre ich nur einen gefühllosen Fleck, der sich seltsam taub und pelzig anfühlt wie nach einer Operation und schneidende Schmerzen erahnen lässt. Ich kann mein Herz nicht fühlen, aber ich weiß, dass sie es kann. Sie legt ihren Kopf schief und lacht boshaft; ihre Zähne sind so weiß, dass es mir vorkommt, als ob sie in der Dunkelheit phosphoreszieren.
„Du hast Todesangst.“
© Nandris
Geändert am 24.11.2001 um 18:01 Uhr von Arachne Geändert am 24.11.2001 um 18:02 Uhr von Arachne |
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