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geschrieben am: 20.06.2001 um 12:46 Uhr
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Fortsetzung:
Rooda trägt einen durchsichtigen rosa Chiffon-Schleier, der ihr volles dunkles Gesicht umrahmt und die großen, schwarzen Augen betont. Der Schleier ist über und über mit Rosen bestickt und wirkt wie ein hauchzarter Widerspruch, zu dem, was sie durchleiden mußte. Cutting the rose, so nennen die Somalierinnen das grausame Ritual: Sechs oder sieben Jahre alt war Rooda, noch zu Hause in einem kleinen Dorf im Norden Somalias, als ihre Mutter sagte, nun würde sie eine Frau werden". Die ältere Schwester war längst beschnitten, Rooda sagt: "Ich sah die vielen Geschenke, die sie bekommen hatte, und ich wollte das endlich auch. Ich war stolz und neugierig." Keiner bereitete sie auf das vor, was dann kam.
Drei Frauen des Dorfes hielten das Kind fest, eine kniete auf ihrer Brust und hielt die Arme nieder, zwei zogen die Beine auseinander. An Rooda wurde - wie an den meisten somalischen Frauen - die schlimmste Form der Beschneidung vollzogen, die "pharaonische": Mit einer Rasierklinge amputierte eine der alten Frauen die Klitoris und die kleinen Schamlippen, schabte die großen Schamlippen aus und stichelte sie bis auf eine winzige, stecknadelkopfgroße Öffnung mit Akaziendornen zusammen - ohne jede Betäubung. Mit zusammengebundenen Beinen lag Rooda tagelang in ihrer Hütte, bis die blutende Wunde zusammengewachsen war.
Sie spricht sachlich über ihre Beschneidung, sie ist dazu erzogen werden, die Zähne zusammenzubeißen. "Sie hat's nicht geschafft", sagt sie über ihre Kinderfreundin, die am selben Tag wie Rooda beschnitten wurde. Das andere Mädchen ist daran gestorben, verblutet wie viele. Mit ihren Händen deutet die 32 Jahre alte Rooda an, daß ihre Scham nun völlig flach ist, so flach wie ihr Handrücken, ein dichtes Narbengewebe, das in ihrer Hochzeitsnacht aufgebrochen wurde.
In jener Nacht nahm ihr Mann ein Messer, "das Käsemesser", sagt Roda, und schnitt seine Frau auf. Er vollzog den Verkehr in der offenen Wunde.
Rooda sagt stolz über ihn: "Er ist ein guter Mann. Er hat nichts anderes getan als viele somalische Männer." Rooda bekam drei Kinder, bei jeder der Geburten wurde sie wieder aufgebrochen. Der Glaube, Schmerzen seien klaglos zu ertragen, ist ihr anerzogen worden. "Liebe tut dreimal weh", zitiert Rooda eine Redensart somalischer Frauen," bei der Beschneidung die Liebe der Eltern, bei der Hochzeit die Liebe des Mannes und bei der Geburt die Liebe zu den Kindern." Und: "Sex ist für Männer, nicht für Frauen."
Die Immigranten gehorchen den Geboten ihrer Ahnen, nicht den Gesetzbüchern ihrer Gastländer. Sie sprechen Europäern das Recht ab, sie dafür zu verurteilen "Es ist unsere Tradition", sagt eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen möchte, "ihr westlichen Frauen könnt das nicht verstehen." Auf ihrem Schoß knuddelt sie ihr eineinhalb Jahre altes Mädchen, ihre älteste Tochter, Amina, fünf Jahre alt, läuft quietschend durch den Raum. "Sie ist bald soweit", sagt die Mutter, "für Amina werden wir bald jemanden finden müssen. "Wozu ist das gut? "Gut ist das nicht", antwortet die Mutter, "aber es muß so sein. Gerade hier, wo wir fremd sind, müssen wir unsere Tradition bewahren." Als sie später alleine ist, erzählt sie zögerlich, sie wolle ihre Töchter eigentlich nicht beschneiden lassen,aber das dürfe hier keiner erfahren. Sonst könnte sie ihre Kinder nicht mehr mit der Großmutter allein lassen. Sie habe Angst, die lasse die Kinder verstümmeln, wenn sie nicht da sei. Die Frauen, die mit derTradition brechen, werden als "Verräterinnen" beschimpft, deren Moral von den Jahren im Exil korrumpiert wurde. "Sie sind Feinde", sagt eine alte Frau unter ihrer roten Alaya. "Wer ein echter Muslim ist", entgegnet Jane Inebe, "kann nicht wollen, daß seine Tochter verstümmelt wird. Allah hat die Frau als Frau und den Mann als Mann geschaffen." Jane Inebe versucht zu erklären, daß die Religion nur ein Vorwand ist. Nirgendwo sagt der Koran, Frauen müßten beschnitten sein.Auch christliche und jüdische Gemeinschaften in Afrika beschneiden ihre Töchter. Sogar in Europa und Amerika wurden um die Jahrhundertwende Mädchen verstümmelt, vor allem höhere Töchter - als vermeintliches Mittel gegen Masturbation. Einen religiösen Hintergrund gibt es nicht, einen medizinischen schon gar nicht.
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