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Missverständnis (4) |
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geschrieben am: 08.03.2001 um 18:17 Uhr
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Ine kommt nicht auf die Idee er könnte sich 10.000 Meter über dem Boden befinden. Eher kann sie sich ihn irgendwo in Baden-Württemberg vorstellen. Auf dem Grund eines stillen Waldsees...
Doch Alex sitzt im Flugzeug hoch über den Alpen. Seit einer Stunde sitzt er und starrt den Notausgang an. EXIT. EXIT. Diese Wort hat er in Gedanken schon hundertemale gesagt. Wie ein geheimes Mantra. Hier sitzt einer, der seinen Ausstieg plant. Seinen Abgang aus Deutschland, aus Ines Leben, aus der Geschichte.
Dann setzt das Flugzeug über der Po-Ebene zur Landung an. In Mailand muss er umsteigen.
"Es war ein Rollenspiel. Verstehst du Tobias? Ich glaube, wir haben uns auf fast überirdische Weise geliebt..."
"es war jedenfalls nicht schwer zu sehen, dass es etwas ganz Besonderes war."
"Wenn es umgekehrt gewesen wäre, wenn er sich als erstes zurückgezogen hätte, wenn er mir nur um eine Sekunde zuvorgekommen wäre, dann hätte ich wie er reagiert. Ich hätte versucht, ihn mit Gewalt zurückzuholen."
"Und er hätte sich noch weiter zurückgezogen?"
"Ja! Glaubst du nicht , dass es möglich ist, an Liebe zu ersticken? Wir brauchen Luft..."
"Er war also das Feuer und ich die Luft?"
"Vielleicht kann man es so sagen. Ich hoffe, du verstehst..."
"Ich verstehe..."
"Es war ein purer Zufall, dass ich als erste meinen Blick abgewandt habe. Und ich kann seine Verzweiflung verstehen. Wir waren so glücklich miteinander."
"Du darfst dir jedenfalls keine Vorwürfe machen."
"Das tue ich ja auch gar nicht. Es musste einfach so enden."
Aber Alex ist nicht tot. Zum drittenmal an diesem Tag hebt er von einem Flughafen ab.
Rechts unter sich sieht er Genua, die weiße Märchenstadt am Golf von Genua. Dann fliegt er hoch über der Toskana, bevor er die Rückenlehne geradestellt und die Sicherheitsgurte geschlossen werden und das Schild mit der Aufschrift "BITTE ANSCHNALLEN" aufleuchtet. Der Anflug auf Rom hat begonnen.
Auch hier gibt es keine Passkontrolle. In Mailand hat es genügt mit dem Passheftchen zu winken. Alex landet in Rom als Nicht-Person.
Zu Hause in Deutschland suchen Ine und Tobias nach Alex. Ine kennt Alex erst seit einem halben Jahr. Aber sie kennt ihn besser als irgendeinen anderen Menschen. Tobias kennt ihn seit seiner Schulzeit.
Sie suchen gemeinsam jeden Lieblingsplatz von Alex auf und rufen nach ihm und suchen ihn. An jedem See bleiben sie stehen und halten ausgiebig Ausschau.
"Irgendwie ist das zu blöd. Ich habe diese heftigen Gefühle noch nie verstehen können."
"Glaubst du ans Schicksal, Tobias?"
"Nein..."
"An allem ist ein Missverständnis schuld. Er glaubt, vor seinen Eltern zu fliehen. Und damit läuft er ihnen mitten in die Arme."
"Und als ihm die Wahrheit aufgeht..."
"..sticht er sich die Augen aus. Das ist logisch. Im grunde ist er doch die ganze Zeit blind gewesen."
"Hast du aufgegeben? Glaubst du wirklich dass er..."
"Ich spüre, dass er verschwunden ist. Ich werde ihn niemals wiedersehen. Hörst du? Er ist nicht mehr da..."
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