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Missverständnis (6)

Nutzer: zwoork
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geschrieben am: 08.03.2001    um 18:18 Uhr   
Alex wohnt eine Woche im Adriano. Er hat noch sehr viel Geld. Er war immer schon geizig. Und es wäre doch Verschwendung zu sterben, solange sein Geld noch nicht ausgegeben ist.
Dann zieht er in eine billige Pension um. Einige Wochen vergehen. Sehr langsam erwacht Alex aus seiner Verzauberung.
An den ersten Tagen ist er nur auf dem Marsfeld herumgewandert. Auf den Wegen, die er mit Ine gegangen ist.
Aber wo soll Mario sterben ? Wo er den Abschiedsbrief an Tessi geschrieben hat ? Wo er gesungen hat- für Ine?
Die Stadt nimmt ihn gefangen. Er studiert Rom. Wo er schon einmal hier ist....
Er spaziert durch die Strassen, setzt sich hierhin und dorthin und blickt auf die alte Stadt.
Einen ganzen Tag verbringt er im Museum. Den nächsten Tag widmet er dem Petersdom. Und hier gibt Alex seinen Entschluss auf.
Der Tod stellt keine Versuchung mehr da. Er ist hier doch ohnehin von allen Seiten von Tod umgeben. Von so viel Leidenschaft. So viel gelebtem Leben.
Warum sollte Alex sterben? Er ist doch schon tot. In Deutschland wird er von niemandem vermisst. Er hat alle Brücken hinter sich abgebrochen.
Alex ist in der Unterwelt. Er ist ein umherirrender Schatten.
Alex will nicht sterben. Dazu liebt er diese Stadt zu sehr. Dazu liebt er die Erinnerung an Ine zu sehr.
Alex kann zeichnen. Er hat einige Jahre an der Kunsthochschule studiert. Er kann die Touristen zeichnen. Für 10.000 Lire pro Porträt.
Er kauft eine Staffelei. Dir Geschäfte laufen nicht schlecht. Und er hat immer noch 8000 DM von seinem Studiendarlehen übrig.
So vergeht ein Winter. Alex wird immer mehr zum Römer. Anfangs hat er Angst davor, von irgendwelchen Landsleuten erkannt zu werden. Es ist sicherlich nicht komisch, in Rom einem verstorbenen Freund über den Weg zu laufen. Er lässt sich einen Bart wachsen. Er hört auf, sich die Haare zu schneiden. Manchmal schminkt er seine Augen. Oder er setzt sich eine Sonnenbrille auf.
Er lernt Italienisch. Eines Tages zeichnet er einen ehemaligen Klassenkameraden, ohne von diesem erkannt zu werden. Da fühlt er sich sicher.
Da ist die Metamorphose vollkommen.

Inzwischen sieht er nicht mehr Ine in jeder Frau, in jeder Touristin. Noch immer widmet er die Vormittage seinen Studien. Er besucht viele Kirchen. Manchmal sieht er Ine in einem Madonnenbild.
Wie sehr sie ihm doch fehlt. Ine,Ine!!
Zu Hause in Deutschland liegt Ine auf dem Sofa und weint. Sie wacht morgens auf und schleppt sich in die Küche. Sie klammert sich an den Frühstücktisch. Schlägt die Hände vors Gesicht und weint in ihren Kaffee, der ganz kalt wird.
Sie sitzt mit Tränen in den Augen im Bus.
Stunden, Tage, Wochen,...
Alex! Seltsamer verhexter Alex ! Woher bist du gekommen ? Wohin bist du gegangen ?
Wie konntest du ... Hast du denn nicht begriffen, dass ich dich geliebt habe ?
Ich habe es ja selbst nicht verstanden!
Dann fällt der Schnee. Packt den Herbst in weiche Watte. Verhüllt alle Spuren. Heilt alle Wunden.
Ab und zu trifft sie sich mit Tobias. Sie sind jetzt wie Geschwister. Sie hat ihren Geliebten verloren. Und er seinen besten Freund.
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