|
|
|
geschrieben am: 10.05.2001 um 01:39 Uhr
|
|
Mag sein, daß draußen die Sonne scheint, die Vögel zwitschern und die Menschen wieder leichtbekleidet durch die Straßen wandern.
Schon möglich, daß die Leute fröhlicher werden und miteinander lachen, flirten, lieben.
Aber ich bevorzuge die private Dunkelheit meines Schlafzimmers, die Stille im ganzen Haus, und das Leben, das durch den kleinen Monitor in den Raum strömt.
Millionen von Menschen in der ganzen Welt, die wie ich durch das Internet surfen und die Seiten durchstöbern, auf der Suche nach Menschen, nach Leben. Und nach Liebe.
Doch das weiß ich erst jetzt, seit ich ihn kenne. Moonman nennt er sich, seinen wahren Namen kenne ich nicht. Und eigentlich will ich ihn auch gar nicht wissen.
Zu schön, zu intensiv ist das Bild, das ich von ihm gezeichnet habe. In meiner Phantasie existiert er, und ich fürchte die Wirklichkeit wie das Erwachen aus einem wunderschönen Traum.
Jede Nacht sitze ich nun hier, gespannt wartend, und jede Nacht geht ein freudiges Beben durch meinen Körper, wenn sein Name in unserem chat auftaucht und ein herzliches "Hallo Schönheit!" mich begrüßt.
Meine Finger zittern, während ich ein glückliches "Schön, daß Du da bist" in die Tastatur tippe.
Nervös ziehe ich an der Zigarette und harre darauf, daß seine Einladung kommt. Wie wird er unseren privaten Raum heute nennen?
In welcher Gestalt wird er mich verführen, welche Worte werden heute meine Lust entfachen und mich die Beine eng zusammenpressen lassen vor Begierde?
"Sie haben eine Einladung für Rosengarten" blinkt es auf dem
Bildschirm. Zigarette ausdrücken, Wein nachschenken, das Licht dimmen und die Musik etwas lauter drehen.
Natürlich nehme ich die Einladung an, wie jede Nacht, und
selbstverständlich werde ich in den nächsten Stunden nicht auf die Uhr sehen, werde nicht bemerken, wie es hell wird und die Vögel schon wieder zu singen anfangen, daß mein Nachbar aufsteht und duscht und zur Arbeit fährt.
Auch heute will ich versinken in diesem Reich der Phantasie, in dem ich sein kann, was ich will, und in dem es keine Tabus, keine Peinlichkeiten gibt
"Küßt sie zärtlich auf den Mund und streicht sanft über ihren Rücken". Schreibt mein Moonman. Und die Elfenfee, die ich heute nacht für ihn bin, erwidert seine Zärtlichkeiten.
Seine Küsse werden fordernder, leidenschaftlich drängt seine Zunge zwischen ihre Lippen. Ihre Hand gleitet in seinen Schoß und streichelt ihn zart.
Seine Hände fahren über ihre festen Brüste, zupfen vorsichtig an den kleinen Knospen, während er sie weiter küßt. Sie spürt seine Erregung und beugt sich über ihn. Zerwühlt leidenschaftlich ihr Haar und drängt ihr seine Hüften entgegen. Vorsichtig umschließen ihre Lippen seine
Männlichkeit, preßt ihre Zunge gegen die Spitze. Stöhnt auf.
Ich stelle mir gar nicht vor, wie er wohl aussehen mag. Es spielt keine Rolle. Ich will nicht wissen, was für ein Mensch er ist, was er tut, wenn
er nicht gerade virtuell Liebe mit mir macht.
Er ist ein Fremder für mich, und er wird es immer bleiben. Ich denke nicht mehr nach, automatisch sprudeln die Worte aus meinem Kopf direkt in die Finger, die geübt auf der Tastatur schreiben. Das einzig reale in dieser Situation ist das Kribbeln zwischen meinen Schenkeln, das immer stärker wird.
Doch heute ist alles anders. Der virtuelle Höhepunkt rückt näher, und was ich fühle, ist ein schales Gefühl. Ein Schmerz durchfährt mich, und mir wird klar, wie einsam ich plötzlich bin. Das geschriebene Wort ist auf einmal kein Ersatz mehr für die körperliche Nähe, für warme
Lippen auf meinem Mund, für zärtliche Hände auf meinem Körper.
Ich lege die Finger auf die grauen Tasten, doch ich kann nichts mehr sagen, nichts schreiben. Zu tief ist das Loch, aus dem ich herauskriechen möchte. Brennende Hitze steigt in meine Augen, ein übel schmeckender Klumpen steckt in meiner Kehle, und ich glaube
fast daran zu ersticken.
Hallo? Bist du noch da? Mit zitternden Fingern greife ich zur Maus und schiebe den kleinen Pfeil langsam auf die obere rechte Ecke des Bildschirms. ??? Klick – und fort ist er. Und das einzige, was er jetzt noch lesen wird, ist ein endgültiges Elfenfee ist online nicht erreichbar.
Und ich hoffe , daß er dabei einen besseren Geschmack im Mund verspürt als ich....
|
|
|
|
|