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Mondesaufgang

Nutzer: Tiger-Lee
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geschrieben am: 17.05.2001    um 23:19 Uhr   
Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich
Und wartete, du mildes Licht, auf dich.
Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle,
Zerschmolzen schwamm des
Firmamentes Halle;
Der See verschimmerte mit leisem
Dehnen,
Zerflossene Perlen oder Wolkentränen?
Es rieselte, es dämmerte um mich,
Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden
Kamm,
Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm;
Im Laube summte der Phalänen Reigen,
Die Feuerfliege sah ich glimmend
steigen,
Und Blüten taumelten wie halb
entschlafen;
Mir war, als treibe hier ein Herz zum
Hafen,
Ein Herz, das übervoll von Glück und
Leid
Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen
ein -
Wo weilst du, weilst du denn, mein
milder Schein?
Sie drangen ein wie sündige Gedanken,
Des Firmamentes Woge schien zu
schwanken,
Verzittert war der Feuerfliege Funken,
Längst die Phaläne an den Grund
gesunken,
Nur Bergeshäupter standen hart und
nah,
Ein düstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß
Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß;
Ein Summen stieg im weiten Wassertale
Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale;
Mir war, als müsse etwas Rechnung
geben,
Als stehe zagend ein verlornes Leben,
Als stehe ein verkümmert Herz allein,
Einsam mit seiner Schuld und seiner
Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor,
Und langsam stiegst du, frommes Licht,
empor;
Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise,
Und aus den Richtern wurden sanfte
Greise;
Der Wellen Zucken ward ein lächelnd
Winken,
An jedem Zweige sah ich Tropfen
blinken,
Und jeder Tropfen schien ein
Kämmerlein,
Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.

O Mond, du bist mir wie ein später
Freund,
Der seine Jugend dem Verarmten eint,
Um seine sterbenden Erinnerungen
Des Lebens zarten Widerschein
geschlungen,
Bist keine Sonne, die entzückt und
blendet
In Feuerströmen lebt, im Blute endet -
Bist, was dem kranken Sänger sein
Gedicht,
Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.
(Annette von Droste-Hülshoff)

xxx
T.-Lee

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