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geschrieben am: 25.05.2001 um 02:47 Uhr
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gefunden im www
eine Frau - eine junge Frau - steht auf dem Dach des höchsten Hochhauses der Stadt. Sie steht da ganz am Rand und rührt sich nicht, denn sie nimmt Abschied.
Sie denkt:
Leb wohl, Himmel. Mich von dir zu trennen, fällt mir am schwersten,
denn du warst mir fast schon ein Freund. Immer hatte ich das Gefühl, du weinst mit mir, wenn ich im Regen stand, und sich meine Tränen mit deinen vermischten.
Lebt wohl, Sterne. Euer Glanz war nur eine gutgemeinte Illusion, aber ich habe ihn trotzdem geliebt. Dieses Funkeln hat mich zum Träumen gebracht, aus dieser großen Entfernung. Niemand sonst hat das geschafft, und was ist ein Mensch ohne Träume?
Leb wohl, Mond. Heute bist du so weiß und weich und glatt
wie immer, aber du siehst so traurig aus wie nie zuvor. Kein Wunder, bei all dem Blut, das du schon sehen musstest, und dabei kannst du noch nichtmal weinen.
Leb wohl, Wind. Deinetwegen hat niemand mein Weinen gehört,
du warst die Entschuldigung aller. Du hast es fortgetragen, ganz weit fort, zu einem, der mich nicht kennt und nichts damit anzufangen wusste. Doch es bescherte ihm schlaflose Nächte bis heute.
Leb wohl, Meer. Wie oft habe ich mir gewünscht, deine Wellen
könnten mich ganz sanft und ohne zu fragen davontragen und
dabei leise streicheln. Dennoch habe ich mich gegen dich entschieden, weil ich nicht in etwas einschlafen wollte, das mich an das Salz meiner eigenen Tränen erinnert.
Leb wohl, Hoffnung. Du warst meine unzuverlässigste Freundin, denn zu oft warst du außer Reichweite. Ich habe dich nicht vermisst, erst ganz zum Schluss, als du nicht wiederkehrtest.
Lebt wohl, Träume. Ich mochte euch irgendwie. Auch wenn ich
wusste, dass Realität etwas anderes ist - ihr habt so vieles
möglich gemacht für mich. Auf euch konnte ich mich meistens verlassen, und darauf, dass ihr nicht wahr werdet.
Leb wohl, Nacht. Meine liebste und beste Freundin, die einen zärtlich umhüllen und so viel verbergen kann. Sensibel und selbstlos schweigst du und hörst mir immer zu, selbst jetzt, wo auch die Hoffnung so fern ist in der Stunde des Todes.
Leb wohl, Schmerz. Du hast mir oft geholfen, das alles zu ertragen. Nur wenige erkennen dich an, und noch weniger lieben dich. Dabei kann keiner ohne dich leben. Ohne deine bittersüße Schwere und das Purpur von Blut.
Leb wohl, Melancholie. Dir bin ich wohl am meisten schuldig, verdanke ich dir doch all meine Inspiration und tausend Gedichte. Du warst für mich da, wenn ich nicht wusste, wohin mit meinen Gefühlen. Du hast mich verstanden.
Lebt wohl, Worte. Ausdruck meiner Seele, meines Innersten, ihr allein wisst die ganze Wahrheit. Euch durfte ich benutzen, um Schönheit und Hässlichkeit zu schaffen. So mächtig ihr seid - helfen könnt auch ihr am Ende nicht.
Das denkt sie, und noch einiges mehr.
Leb wohl, Einsamkeit. Leb wohl, Liebe. Leb wohl, Augenblick.
Und dann springt sie.
(geschrieben von Julia G., 18.6.2000)
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