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geschrieben am: 16.01.2002 um 15:00 Uhr
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Das Sternenkind war glücklich in dieser Zeit, auf seine ganz eigene Weise. Selbst die unerreichbare Ferne seines Sterns erfüllte ihn mit einer süßen Schwere. Hätte ihm einer auf die Sinnlosigkeit der Situation hingewiesen, so hätte er ihn mit großen Augen angesehen und gefragt: “Wieso? Heißt es nicht, Liebe kennt keine Grenzen? Eines Tages werde ich mit meinem Stern vereint sein, das weiß ich sicher.” Doch niemand wußte von dieser seltsamen Liebe, und so wurde die Frage nie gestellt.
Vielleicht wäre diese liebe wirklich ewig gewesen, wenn nicht eines Tages eine neue Familie in das Dorf gezogen wäre. Dies war an sich nichts ungewöhnliches, denn Arbeitskräfte wurden immer benötigt, und der Vater war ein angesehener Schmied. Nun hatte er jedoch eine Tochter, deren Schönheit ebenso bekannt war wie das Geschick des Schmiedes. Ihr Haar und ihre Augen waren rotbraun wie das Fell eines Fuchses, ihre Haut weich wie Samt, ihre Hände schmal und zart. Viele junge Männer hatten um ihre Gunst geworben, doch keiner konnte in ihren Augen lange bestehen. Nun war sie noch nie zuvor einem Menschen wie dem Sternenjungen begegnet, und ihr Herz war vom ersten Moment an verloren. Jede freie Minute saß sie bei ihm, sprach zu ihm oder sah ihm schweigend in die Augen. Die seltsame Distanz, die den Jungen wie eine Aura umgab, machte ihr keine Angst. Sie spürte sie wohl, aber sie wollte sie überwinden und war überzeugt, daß es ihr gelingen würde.
Und wahrhaftig, als der Herbst ins Land ging, sah man den Sternenjungen mit dem Mädchen zusammen am Teich sitzen, in vertauschten Rollen. Sie hörte ihm zu, während er zu ihr sprach, über all die tausend Geheimnisse der Natur und der Welt, die er gesehen hatte in seinen einsamen Stunden, über die tausend Geheimnisse im Menschen, die er erfahren hatte, wann immer er schweigend gelauscht hatte. Das Mädchen nahm alles in sich auf und blieb offen für den Sternenjungen. Wahr ist, daß manches von dem erzählten ihr Herz erschreckte, denn der Junge wußte auch von den verborgenen, dunklen Seiten der Menschen zu berichten, den Abgründen der menschlichen Seele. “Deshalb”, so sagte er eines Abends, als es dunkel wurde und sie wieder am Teich saßen, “liebe ich diesen Stern so. Er ist nur Licht”, und deutete auf seinen Stern, der eben erst am Himmelszelt erschienen war.
Nie zuvor hatte er das Mädchen so lange bei sich geduldet, und die Tochter des Schmieds erkannte den Stern sofort, so wie eine betrogene Frau ihre Rivalin erkennt. Sanft legte sie ihren Kopf auf des Sternenjungen Schulter. “Erzähl mir von diesem Stern.” bat sie ihn, und der Junge begann zu erzählen, erst zögerlich, doch dann immer schneller und flüssiger. Und um so mehr er von dieser geheimen Liebe preis gab, um so realer wurde die Entfernung zwischen ihm und dem Stern, und um so bewußter wurde er sich der Nähe des Mädchens an seiner Seite. Als er geendet hatte, blickte sie ihm tief in die Augen und fragte: “Ein schöner Stern, aber ist er nicht viel zu weit entfernt? Wie willst Du ihn je erreichen?”
Der Junge wollte antworten, wollte sagen, Liebe kenne keine Grenzen. Statt dessen küßte er das Mädchen, lange und zärtlich, und der Stern war vergessen.
Hätte in diesem Moment zum Himmel geblickt, so hätte er seinen Stern fallen sehen als wunderschöne Sternschnuppe.
Der Tochter des Schmiedes wurde er freilich bald zu langweilig, denn er hatte das Geheimnisvolle verloren, nun, da sein Stern gefallen war. Bald zog der Schmied weiter, und das Mädchen mit den rotbraunen Augen verschwand aus dem Leben des Jungen. Als dieser Trost suchte bei seinem Stern, konnte er ihn nicht mehr finden. Da erfüllte großer Schmerz sein Herz, und etwas in ihm starb. Das Leuchten verschwand aus seinen Augen, und mit der Zeit nannte ihn keiner mehr Sternenkind. Den Teich mied er, und bald schon zog er hinaus in die Welt, ruhelos und ohne Frieden.
Vielleicht begegnest Du ihm eines Tages, denn er wandert immer noch durch die Welt. Nie hält es ihn lange an einer Stelle, er ist auf der Suche, rastlos und ohne Ziel. Er ist nicht leicht zu erkennen. Nur in der Nacht blickt er immer wieder sehnsüchtig hinauf zu den Sternen, bis der Funken Hoffnung in seinen Augen, der alte Zauber der Sterne, verlischt. Doch wenn Du ihm begegnest, dann höre ihm zu, denn er kann Dir eine Geschichte erzählen von der dunklen Seite der Seele.
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Wenn ich scherzen will, sage ich die Wahrheit. Das ist immer noch der größte Spaß auf Erden.
(George Bernard Shaw) |
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