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Deutschland ...

Nutzer: odinsson
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geschrieben am: 13.09.2001    um 18:35 Uhr   
Deutschland, ein Wintermärchen
(Ina Deter)

Paar kalte Winter nach dem Ende
paar lange Jahre mit leerem Bauch
und wie ein Phönix aus der Asche
hochgestiegen, aus dem Trümmerrauch

Ganz von vorne angefangen
alles geteilt was man besaß
und kräftig auf den Tisch gehaun
an dem man lange nicht mehr saß

Immer hungrig, auf der Suche
wie ein Panther, der auf der Lauer lag
bei deinem naiven Nachkriegscharme
wußte man noch, warum man dich mag

Du warst die Frau unserer Träume
als die Preise noch in Ordnung warn
hast ehrlich deine Haut getragen
doch jede Haut schabt ab nach Jahrn

Deutschland, ein Wintermärchen
du hast es weitgebracht
du hast die Liebe zu dir
unmodern gemacht

Hast deine Seele für Geld verkauft
im Stillen über den Deal gelacht
so kriegt man hungrige Herzen nicht satt
so kommt die Wahrheit in Verdacht

Bist weder verlorn, noch gerettet
willst immer Liebe um jeden Preis
um deine Haut lohnt nicht zu wetten
gibst nicht zu, was jeder weiß

Lebst weiter, wie man weiterlebt
wenn man nicht mehr zu retten ist
du bist so einsam, daß es donnert
hör auf zu sein, was du nicht mehr bist

Liebe ist was alle wollen
aber nicht mehr geboten kriegn
erlöse uns von diesem Übel
wir setzen neu und alles auf "Grün"

Deutschland, ein Wintermärchen
du hast es weitgebracht
du hast die Liebe zu dir
unmodern gemacht
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"Autor"  
Nutzer: odinsson
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geschrieben am: 24.09.2001    um 07:53 Uhr   
Deutschland (1952)

O Deutschland, wie bist Du zerrissen ...
Und nicht mit Dir allein.
In Kälte und Finsternissen
Schlägt eine aufs andre ein.
Und hättst so schöne Auen
Und stolzer Städte viel:
Tätst du dir selbst vertrauen
Wär alles Kinderspiel.

(Bertolt Brecht)
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Nutzer: odinsson
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geschrieben am: 28.09.2001    um 14:29 Uhr   
Deutscher Sonntag
(Franz Josef Degenhardt)

Sonntags in der kleinen Stadt,
sonntags in der kleinen Stadt.

1. Wenn die Spinne Langeweile
Fäden spinnt und ohne Eile
giftig-grau die Wand hochkriecht,
wennÂ’s blank und frisch gebadet riecht,
dann bringt mich keiner auf die Straße,
und aus Angst und Ärger lasse
ich mein rotes Barthaar stehn,
und lass’ den Tag vorübergehn,
hockÂ’ am Fenster, lese meine
Zeitung, decke Bein mit Beine,
seh’, hör’ und rieche nebenbei
das ganze Sonntagseinerlei.
Tada-da-da-dam ...

2. Da treten sie zum Kirchgang an,
Familienleittiere voran,
Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,
ihre Männer unterfassend,
die sie heimlich vorwärts schieben,
weil die gern zu Hause blieben.
Und dann kommen sie zurück
mit dem gleichen bösen Blick,
Hütchen, Schühchen, Täschchen passend,
ihre Männer unterfassend,
die sie heimlich heimwärts ziehn,
daß sie nicht in Kneipen fliehn.
Tada-da-da-dam ...

3. Wenn die Bratendüfte wehn,
Jungfraun den Kaplan umstehn,
der so nette Witzchen macht,
und wenn es dann so harmlos lacht,
wenn auf allen Fensterbänken
Pudding dampft und aus den Schenken
schallt das Lied vom Wiesengrund
und daß am Bach ein Birklein stund,
alle Glocken läuten mit,
die ganze Stadt kriegt Appetit,
das ist dann genau die Zeit,
da frier’ ich vor Gemütlichkeit.
Tada-da-da-dam ...

4. Da hockt die ganze Stadt und mampft,
daß Bratenschweiß aus Fenstern dampft.
Durch die fette Stille dringen
Gaumenschnalzen, Schüsselklingen,
Messer, die auf Knochen stoßen,
und das Blubbern dicker Soßen.
Hat nicht irgendwas geschrien?
Jetzt nicht aus dem Fenster sehn,
wo auf Hausvorgärtenmauern
ausgefranste Krähen lauern.
Was nur da geschrien hat?
Ich werdÂ’ so entsetzlich satt.
Tada-da-da-dam ...
5. Wenn Zigarrenwolken schweben,
aufgeblähte Nüstern beben,
aus Musiktruhn Donauwellen
plätschern, über Mägen quellen,
dann hat die Luft sich angestaut,
die ganze Stadt hockt und verdaut.
Woher kam der laute Knall?
Brach ein Flugzeug durch den Schall?
Oder ob mitÂ’m Mal die Stadt
ihr Bäuerchen gelassen hat?
Die Luft riecht süß und säuerlich.
Ich glaube, ich erbreche mich.
Tada-da-da-dam ...

6. Dann geht’s zu den Schlachtfeldstätten,
um im Geiste mitzutreten,
mitzuschießen, mitzustechen,
sich für wochentags zu rächen,
um im Chor Worte zu röhren,
die beim Gottesdienst nur stören.
Schinkenspeckgesichter lachen
treuherzig, weil Knochen krachen
werden. Ich verstopfÂ’ die Ohren
meiner Kinder. Traumverloren
hocken auf den Stadtparkbänken
Greise, die an Sedan denken.
Tada-da-da-dam ...

7. Und dann die Spaziergangstunde,
durch die Stadt, zweimal die Runde.
Hüte ziehen, spärlich nicken,
wenn ein Chef kommt, tiefer bücken.
Achtung, daß die Sahneballen
dann nicht in den Rinnstein rollen.
Kinder baumeln, ziehen Hände,
man hat ihnen bunte, fremde
Fliegen - Beine ausgefetzt -
sorgsam an den Hals gesetzt,
daß sie die Kinder beißen solln,
wenn sie zum Bahndamm fliehen wolln.
Tada-da-da-dam ...

8. Wenn zur Ruh’ die Glocken läuten,
Kneipen nur ihr Licht vergeuden,
dann wirdÂ’s in Couchecken beschaulich.
Das ist dann die Zeit, da trauÂ’ ich
mich hinaus, um nachzusehen,
ob die Sterne richtig stehen.
Abendstille überall. Bloß
manchmal Lachen wie ein Windstoß
über ein Mattscheibenspäßchen.
Jeder schlürft noch rasch ein Gläschen
und stöhnt über seinen Bauch
und unsern kranken Nachbarn auch.
Tada-da-da-dam


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"Autor"  
Nutzer: schlau
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geschrieben am: 28.09.2001    um 15:01 Uhr   
DAS NARRENSCHIFF

Das Quecksilber fällt die Zeichen stehen auf Sturm,
Nur blödes Kichern und Keifen vom Kommandoturm.
Und ein dumpfes Mahlen grollt aus der Maschine.
Und rollen und stampfen und schwere See,
Die Bordkapelle spielt "Humbatäterä"
Und ein irres Lachen dringt aus der Latrine.
Die Ladung ist faul, die Papiere fingiert,
Die Lenzpumpen leck und die Schatten blockiert.
Die Luken weit offen und alle Alarmglocken läuten
Die Seen schlagen mannshoch in den Laderaum
Und Elmsfeuer züngeln vom Ladebaum,
Doch keiner an Bord vermag die Zeichen zu deuten!

Der Steuermann lügt der Kapitän ist betrunken
Und der Maschinist in dampfe Lethargie versunken,
Die Mannschaft lauter meineidige Halunken,
Der Funker zu feig' um SOS zu funken.
Klabautermann fährt das Narrenschiff
Volle Fahrt voraus und Kurs aufs Riff


Am Horizont Wetterleuchter die Zeichen der Zeit:
Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit.
Auf der Brücke tummeln sich Tölpel und Einfaltspinsel.
Im Trüben fischt der scharf gezahnte Hai,
Bringt seinen Fang ins Trockne, an der Steuer vorbei,
Auf die Sandbank, bei der wahlbekannten Schatzinsel.
Die andern Geldwäscher und Zuhälter, die warten schon,
Bordellkönig, Spielautomatenbaron,
Im hellen Licht niemand muß sich im Dunkeln rumdrücken,
In der Bananenrepublik, wo selbst der Präsident
Die Scham verloren hat und keine Skrupel kennt
Sich mit dem Steuerdieb im Gefolge zu schmücken.

Ref.

Man hat sich glatt gemacht man hat sich arrangiert
All die hohen Ideale sind havariert
Und der große Rebell, der nicht müde wurde zu streiten,
Mutiert zu einem servilen, giftigen Gnom
Und singt lammfromm vor dem schlimmen alten Mann in Rom
Seine Lieder, fürwahr: Es ändern sich die Zeiten
sonst junge Wilde sind gefügig, fromm und zahm,
Gekauft narkotisiert und flügellahm,
Tauschen Samtpfötchen für die einst so scharfen Klauen.
Und eitle Greise präsentieren sich keck
Mit immer viel zu jungen Frauen auf dem Oberdeck
Die ihre schlaffen Glieder wärmen und ihnen das Essen vorkauen.

Ref.

Sie rüsten gegen den Feind doch der Feind ist längst hier
Er hat die Hand an deiner Gurgel, er steht hinter dir
Im Schutz der Paragraphen mischt er die gezinkten Karten.
Jeder kann es sehen, aber alle sehen weg,
Und der Dunkelmann kommt aus seinem Versteck
Und dealt unter aller Augen vor dem Kindergarten
Der Ausguck ruft vom höchsten Mast: Endzeit in Sicht!
Dach sie sind wie versteinert und sie hören ihn nicht.
Sie zieh'n wie Lemminge in willenlosen Horden.
Es ist als hatten alle den Verstand verlorŽn,
Sich zum Niedergang und zum Verfall verschwor'n,
Und ein Irrlicht ist ihr Leuchtfeuer geworden.

Ref.
(reinhard mey)
alle menschen sind gleich. gleich doof, gleich hässlich und gleich beleidigt.
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geschrieben am: 12.10.2001    um 19:34 Uhr   
Deutsche Kriegsfibel:

Die Oberen sagen: FRIEDE UND KRIEG
Sind aus verschiedenen Stoff.
Aber ihr Friede und ihr Krieg
Sind wie Wind und Sturm
Der Krieg wächst aus ihrem Frieden
Wie der Sohn aus der Mutter
Er trägt
Ihre schrecklichen Züge.
Ihr Krieg tötet
Was ihr Friede
Übrig gelassen hat.
WENN DIE OBEREN VON FRIEDEN REDEN
Weiß das gemeine Volk
Daß es Krieg gibt.
Wenn die Oberen den Krieg verfluchen,
sind die Stellungsbefehle schon geschrieben.

(B. Brecht)
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