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geschrieben am: 01.10.2001 um 10:58 Uhr
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Hab noch einige Herbstgedichte gefunden..
Herbstmanöver / Ingeborg Bachmann
Ich sage nicht: das war gestern. Mit wertlosem
Sommergeld in den Taschen liegen wir wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Und der Fluchtweg nach Süden kommt uns nicht,
wie den Vögeln, zustatten. Vorüber, am Abend,
ziehen Fischkutter und Gondeln, und manchmal
trifft mich ein Splitter traumsatten Marmors,
wo ich verwundbar bin, durch Schönheit, im Aug.
In den Zeitungen lese ich viel von der Kälte
und ihren Folgen, von Törichten und Toten,
von Vertriebenen, Mördern und Myriaden
von Eisschollen, aber wenig, was mir behagt.
Warum auch? Vor dem Bettler, der mittags kommt,
schlag ich die Tür zu, denn es ist Frieden
und man kann sich den Anblick ersparen, aber nicht
im Regen das freudlose Sterben der Blätter.
Laßt uns eine Reise tun! Laßt uns unter Zypressen
oder auch unter Palmen oder in den Orangenhainen
zu verbilligten Preisen Sonnenuntergänge sehen,
die nicht ihresgleichen haben! Laßt uns die
unbeantworteten Briefe an das Gestern vergessen!
Die Zeit tut Wunder. Kommt sie uns aber unrecht,
mit dem Pochen der Schuld: wir sind nicht zu Hause.
Im Keller des Herzens, schlaflos, finde ich mich wieder
auf der Spreu des Hohns, im Herbstmanöver der Zeit.
Gedanken bey dem Fall der Blätter im Herbst / Barthold Hinrich Brockes
In einem angenehmen Herbst, bey ganz entwölktem heiterm Wetter,
indem ich im verdünnten Schatten, bald Blätter-loser Bäume, geh',
und des so schön gefärbten Laubes annoch vorhandnen Rest beseh';
Befällt mich schnell ein sanfter Regen, von selbst herabgesunkner Blätter.
Ein reges Schweben füllt die Luft. Es zirkelt, schwärmt' und drehte sich
ihr bunt, sanft abwärts sinkend Heer; doch selten im geraden Strich.
Es schien die Luft, sich zu bemühn, den Schmuck, der sie bisher gezieret,
so lang es möglich, zu behalten, und hindert' ihren schnellen Fall.
Hiedurch ward ihre leichte Last, im weiten Luft-Kreis überall,
in kleinen Zirkelchen bewegt, in sanften Wirbeln umgeführet,
bevor ein jedes seinen Zweck, und seiner Mutter Schooß, berühret;
Um sie, bevor sie aufgelöst, und sich dem Sichtlichen entrücken,
mit Decken, die weit schöner noch, als persianische, zu schmücken.
Ich hatte diesem sanften Sinken, der Blätter lieblichem Gewühl,
und dem dadurch, in heitrer Luft, erregten angenehmen Spiel,
der bunten Tropfen schwebendem, im lindem Fall formiertem, Drehn,
mit offnem Aug', und ernstem Denken, nun eine Zeitlang zugesehn;
Als ihr von dem geliebten Baum freywilligs Scheiden (da durch Wind,
durch Regen, durch den scharfen Nord, sie nicht herabgestreifet sind;
Nein, willig ihren Sitz verlassen, in ihren ungezwungnen Fällen)
Nach ernstem Denken, mich bewog, sie mir zum Bilde vorzustellen,
von einem wohlgeführten Alter, und sanftem Sterben; Die hingegen,
die, durch der Stürme strengen Hauch, durch scharfen Frost, durch schwehren Regen
von ihren Zweigen abgestreift und abgerissen, kommen mir,
wie Menschen, die durch Krieg und Brand und Stahl gewaltsam fallen, für.
Wie glücklich, dacht' ich, sind die Menschen, die den freywillgen Blättern gleichen,
und, wenn sie ihres Lebens Ziel, in sanfter Ruh' und Fried', erreichen;
Der Ordnung der Natur zufolge, gelassen scheiden, und erbleichen!
Herbst-Gefühl / Karl von Gerok
Müder Glanz der Sonne!
Blasses Himmelblau!
Von verklungner Wonne
träumet still die Au.
An der letzten Rose
löset lebenssatt
sich der letzte lose,
bleiche Blumenblatt!
Goldenes Entfärben
schleicht sich durch den Hain!
Auch Vergehn'n und Sterben
däucht mir süß zu sein.
Spät im Jahr / Albrecht Goes
Habt Vorrat ihr genug, ihr meine Augen,
für einen Winter, lang und weiß und grau?
Nehmt noch dies Asternrot, dies weiche Lila,
dies späte Gelb, dies herbstlich klare Blau,
Und nehmt den Silberglanz der großen Flüge
des Habichts und des Eichelhähers wahr,
und auch den Birnbaum nehmt, ein goldnes Gleichnis
des Überschwangs vom segensreichen Jahr.
Und endlich nehmt das Lächeln und die reine
Strahlung des schönen Menschenangesichts,
und alle Nacht wird herrlich euch erhellt sein
vom farbgen Widerschein geliebten Lichts.
Im Nebel / Hermann Hesse
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein.
Kein Baum sieht den andern,
jeder ist allein.
Voll von Freunden war mir die Welt,
als noch mein Leben licht war,
nun, da der Nebel fällt,
ist keiner mehr sichtbar.
Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von allen ihn trennt.
Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist einsam sein.
Kein Mensch kennt den anderen,
jeder ist allein.
Wünsche allen einen friedlichen Start in die neue Woche..
P.S.
Es gibt ein wundervolles Buch mit ca. 1000 Gedichten..
nennt sich "Der ewige Brunnen" ;-) |
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