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geschrieben am: 30.03.2002 um 15:29 Uhr
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Sie saß an ihrem Schreibtisch und hatte den Blick verloren für das, was draußen vor sich ging. Der Flughafen, dessen Lichter nachts den Himmel gräulich rot färbten und die Sterne verblassen ließen, drang nicht mehr bis in ihren Geist vor. Auch das Rumpeln vorbeifahrender Laster nahm sie nicht wahr, und das Knarzen der Wände in ihrer Wohnung unter der sommerlichen Hitze konnte sie nicht hören. Sie hätte es sehr wohl gekonnt, doch sie war in eine andere Welt gegangen, eine Welt, die aus Gedanken bestand und in der man kommunizierte, wenn man das Denken in Buchstaben, Worte, Sätze faßte. Man kommunizierte mit sich selbst. Die Buchstaben, Worte, Sätze schauten sie vom Papier aus an und konfrontierten sie mit Dingen, welche sie sonst nicht hätte sehen oder fassen können. Sie warf alles weit von sich und ließ es von den Blättern reflektieren.
Angefangen hatte es, das schrieb sie nieder, den Stift sicher in den Fingern haltend, vor Stunden. Oder waren es nicht schon Jahre, die sie schrieb? Sicher waren es Jahre. Sie schrieb alles auf. Es war ihr ganzes Leben, und Zeit spielte keine Rolle. Sie machte keinen Unterschied mehr zwischen ihrem Schreiben und ihrem Leben und schaltete jedes Argument dafür aus, daß dem anders sein könnte.
Sie schrieb sich das Fett von den Rippen. Jedes Gramm, das sie zuviel mit sich herumtrug. Und sie verzeichnete jede Träne, welche sie geweint hatte, weil man sie auslachte oder sie übersah; sie wie einen Menschen behandelte, der gar kein Mensch war, sondern nur ein schattiges Abbild davon. Sie schrieb davon, wie sie vor inneren Schmerzen geschrien hatte, wenn ihre Eltern nicht da waren und niemand sie hatte hören können. Der Füllfederhalter zog rasche Bahnen auf dem Untergrund, zog Spuren aus blauer Tinte hinter sich her, und diese Spuren bedeuteten alles, was sie Zeit ihres Lebens in Fesseln hielt.
Daß die bereits beschriebenen Seiten irgendwann vom Tisch glitten und sich auf dem Teppich verteilten, interessierte sie nicht. Als ihr die Tinte ausging, huschte sie wie eine Süchtige aus dem Haus, hielt sich nah an den Hauswänden und kaufte im erstbesten Kramladen ein paar neue Patronen. Kaum Zuhause angekommen warf sie ihre Schuhe von sich und setzte ihre Arbeit fort, als sei sie gar nicht weg gewesen. An diesem Tag öffnete sie den Kühlschrank nicht, vergaß völlig Hunger und Durst, auch die hereinbrechende Dunkelheit konnte sie nicht stoppen. Sie schaltete erst das Licht ein, als sie ihre Handschrift nicht mehr erkennen konnte. Der Stift hatte Druckstellen auf ihren Fingern hinterlassen, und die verkrampfte Haltung der Hand schmerzte sie, ohne daß sie sich dessen bewußt wurde.
Der grausame Moment, als ihre Mutter ihr sagte, daß ihr Vater sie nicht mehr bei Unternehmungen dabei haben wollte, weil sie so traurig war... mufflig nannte ihre Mutter das. Dabei war sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr so gewesen. Früher, da war es ihr oft so ergangen, und ihre Umgebung hatte es irgendwann nicht mehr ertragen wollen. Aber das war schon lange vorbei. Und nun, kaum da sie einmal traurig war, nur Frieden wollte, als sie sogar bereit war, sich zurückzuziehen, nur um niemanden damit zu belasten; nun bekam sie an den Kopf geworfen, daß es doch schon seit Jahren so ginge. Oh, sie wußte genau, ihre Mutter hatte sie nur verletzen wollen. Und sie hatte es geschafft. Allein durch den Willen dazu hatte sie es geschafft. Sie schrieb in Großbuchstaben: NIEMALS MEHR. Kein Ausrufezeichen. Keine Unterstreichung. So wie sie es gemacht hatte, genügte es völlig. Sie schrieb aus ihrer Geschichte ihre Familie heraus. Alles woran sie sich erinnern konnte bannte sie auf das Papier. In einer Fußnote vermerkte sie, daß unbedingt eine Entschuldigung angebracht war, eine echte. Nicht auf die Art, wie ihre Mutter bisher jeden Zwist übergangen hatte, jedesmal. Es war doch immer das gleiche gewesen. Die Tochter hatte sich nicht mehr gemeldet, verletzt. Hatte so lange gegrübelt, bis sie die Schuld bei sich fand. Wissend, daß es nicht allein ihre Schuld war, wissend, daß meist zwei dazu gehören. Irgendwann rief die Mutter dann an, fragte etwas belangloses, die Tochter entschuldigte sich und alles war wieder gut. War alles wieder gut? Sie schrieb: Vergebung ist die größte Tugend von allen. Und um Vergebung bitten gehört dazu. Sie schrieb nicht auf, daß sie selbst genügend um Vergebung gebeten hatte. Das wußte sie einfach. Es war nicht notwendig, es aufzuschreiben. Mit den niedergelegten Worten packte sie ihre Eltern in Zellulose, bis es Zeit war, sie wieder hervorzuholen.
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