Auf den Beitrag: (ID: 31930) sind "9" Antworten eingegangen (Gelesen: 355 Mal).
"Autor"

Tinte, Feder und...

Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 30.03.2002    um 15:29 Uhr   


Sie saß an ihrem Schreibtisch und hatte den Blick verloren für das, was draußen vor sich ging. Der Flughafen, dessen Lichter nachts den Himmel gräulich rot färbten und die Sterne verblassen ließen, drang nicht mehr bis in ihren Geist vor. Auch das Rumpeln vorbeifahrender Laster nahm sie nicht wahr, und das Knarzen der Wände in ihrer Wohnung unter der sommerlichen Hitze konnte sie nicht hören. Sie hätte es sehr wohl gekonnt, doch sie war in eine andere Welt gegangen, eine Welt, die aus Gedanken bestand und in der man kommunizierte, wenn man das Denken in Buchstaben, Worte, Sätze faßte. Man kommunizierte mit sich selbst. Die Buchstaben, Worte, Sätze schauten sie vom Papier aus an und konfrontierten sie mit Dingen, welche sie sonst nicht hätte sehen oder fassen können. Sie warf alles weit von sich und ließ es von den Blättern reflektieren.

Angefangen hatte es, das schrieb sie nieder, den Stift sicher in den Fingern haltend, vor Stunden. Oder waren es nicht schon Jahre, die sie schrieb? Sicher waren es Jahre. Sie schrieb alles auf. Es war ihr ganzes Leben, und Zeit spielte keine Rolle. Sie machte keinen Unterschied mehr zwischen ihrem Schreiben und ihrem Leben und schaltete jedes Argument dafür aus, daß dem anders sein könnte.

Sie schrieb sich das Fett von den Rippen. Jedes Gramm, das sie zuviel mit sich herumtrug. Und sie verzeichnete jede Träne, welche sie geweint hatte, weil man sie auslachte oder sie übersah; sie wie einen Menschen behandelte, der gar kein Mensch war, sondern nur ein schattiges Abbild davon. Sie schrieb davon, wie sie vor inneren Schmerzen geschrien hatte, wenn ihre Eltern nicht da waren und niemand sie hatte hören können. Der Füllfederhalter zog rasche Bahnen auf dem Untergrund, zog Spuren aus blauer Tinte hinter sich her, und diese Spuren bedeuteten alles, was sie Zeit ihres Lebens in Fesseln hielt.

Daß die bereits beschriebenen Seiten irgendwann vom Tisch glitten und sich auf dem Teppich verteilten, interessierte sie nicht. Als ihr die Tinte ausging, huschte sie wie eine Süchtige aus dem Haus, hielt sich nah an den Hauswänden und kaufte im erstbesten Kramladen ein paar neue Patronen. Kaum Zuhause angekommen warf sie ihre Schuhe von sich und setzte ihre Arbeit fort, als sei sie gar nicht weg gewesen. An diesem Tag öffnete sie den Kühlschrank nicht, vergaß völlig Hunger und Durst, auch die hereinbrechende Dunkelheit konnte sie nicht stoppen. Sie schaltete erst das Licht ein, als sie ihre Handschrift nicht mehr erkennen konnte. Der Stift hatte Druckstellen auf ihren Fingern hinterlassen, und die verkrampfte Haltung der Hand schmerzte sie, ohne daß sie sich dessen bewußt wurde.

Der grausame Moment, als ihre Mutter ihr sagte, daß ihr Vater sie nicht mehr bei Unternehmungen dabei haben wollte, weil sie so traurig war... mufflig nannte ihre Mutter das. Dabei war sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr so gewesen. Früher, da war es ihr oft so ergangen, und ihre Umgebung hatte es irgendwann nicht mehr ertragen wollen. Aber das war schon lange vorbei. Und nun, kaum da sie einmal traurig war, nur Frieden wollte, als sie sogar bereit war, sich zurückzuziehen, nur um niemanden damit zu belasten; nun bekam sie an den Kopf geworfen, daß es doch schon seit Jahren so ginge. Oh, sie wußte genau, ihre Mutter hatte sie nur verletzen wollen. Und sie hatte es geschafft. Allein durch den Willen dazu hatte sie es geschafft. Sie schrieb in Großbuchstaben: NIEMALS MEHR. Kein Ausrufezeichen. Keine Unterstreichung. So wie sie es gemacht hatte, genügte es völlig. Sie schrieb aus ihrer Geschichte ihre Familie heraus. Alles woran sie sich erinnern konnte bannte sie auf das Papier. In einer Fußnote vermerkte sie, daß unbedingt eine Entschuldigung angebracht war, eine echte. Nicht auf die Art, wie ihre Mutter bisher jeden Zwist übergangen hatte, jedesmal. Es war doch immer das gleiche gewesen. Die Tochter hatte sich nicht mehr gemeldet, verletzt. Hatte so lange gegrübelt, bis sie die Schuld bei sich fand. Wissend, daß es nicht allein ihre Schuld war, wissend, daß meist zwei dazu gehören. Irgendwann rief die Mutter dann an, fragte etwas belangloses, die Tochter entschuldigte sich und alles war wieder gut. War alles wieder gut? Sie schrieb: Vergebung ist die größte Tugend von allen. Und um Vergebung bitten gehört dazu. Sie schrieb nicht auf, daß sie selbst genügend um Vergebung gebeten hatte. Das wußte sie einfach. Es war nicht notwendig, es aufzuschreiben. Mit den niedergelegten Worten packte sie ihre Eltern in Zellulose, bis es Zeit war, sie wieder hervorzuholen.

  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 30.03.2002    um 15:30 Uhr   

- Fortsetzung -


Als sie jeden Fitzel Papiers, dessen sie habhaft werden konnte in ihrer Wohnung, beschrieben hatte, sah sie sich mit einer Art von ruhiger Entschlossenheit um. Es gab nichts mehr, was sie aufhalten konnte. Gelassen stand sie vom Tisch auf, holte sich den kleinen roten Hocker aus dem Schlafzimmer und stellte sich darauf. Dann setzte sie den Stift an und schrieb auf der Tapete weiter.

Es war nicht so, daß sie alles für jemanden niederlegen wollte. Es hatte eine Zeit gegeben, da es ihr wichtig war, daß jemand las, was sie fabriziert hatte, weil es bedeutet hätte, daß sich jemand für sie interessiere. Doch dies bewegte sie nicht länger. Was sie aufgeschrieben hatte, verschwand aus ihr, ohne daß sie es verlor. Sie vergaß es, ließ es los, aber es bestand nicht die Gefahr, daß es für immer verschwand. Sie schrieb alles heraus, was ihr an ihr nicht gefiel. Daß sie manchmal launisch war. Daß sie unzuverlässig sein konnte. Daß sie Angst hatte, auf Menschen zuzugehen. All das ließ sie hinter sich.

Schließlich hatte sie nicht nur die Wände ihres Zimmers beschriftet, sondern auch die Tischplatte, und als dort nicht ein einziger Buchstabe mehr Platz hätte finden können, streckte sie ihren Arm aus und machte weiter. Kein Stück ihrer Haut, an das sie heran langen konnte, blieb verschont.

Irgendwann war alles fort, was an ihr nicht so war, wie sie es haben wollte. Irgendwann sah sie genau vor sich, wie sie wirklich war, tief im inneren, denn es war alles durchschaut, was bis dahin die Sicht darauf versperrt hatte. Einen Moment lang hielt sie inne, um letztlich ihre Entscheidung zu treffen.

Die große gläserne Öllampe mit den Rosen darin zertrümmerte sie über dem Schreibtisch und sah zu, wie der Teppich, die unzähligen Blätter bis zu den Wänden hin sich mit dem Öl durchtränkte. In ihren Augen lag weder Wahnsinn noch Verzweiflung, nur Wissen. Wissen, daß es weh tun würde, aber ihre Wahl stand fest. Der Geruch von Schwefel stieg ihr kurz in die Nase, als sie ein Streichholz entzündete, selbst mitten in dem Scheiterhaufen ihres Lebens stehend. Sie ließ es fallen.

Es verbrannte alles. Sie trug schwere Verletzungen davon, ihre Haut warf Blasen, doch die Schrift, die konnte man nicht mehr lesen. Sie hatte sie ausgebrannt. Einige Zeit verbrachte sie im Krankenhaus und ertrug die Schmerzen. Es bedeutete immer, Schmerzen zu haben, wenn man sich veränderte. Und sie sprach zu niemandem über ihre Beweggründe, denn es gab niemanden, der sie verstanden hatte.

Als man ihr die Verbände abnahm, betrachtete sie die Welt aus ihren eigenen Augen, und wenn sie in den Spiegel sah, erkannte sie zum ersten Mal im Leben sich selbst. Sie verließ das Krankenhaus und begann von vorn, einem Phönix aus der Asche gleich.



  Top
"Autor"  
Nutzer: Gast_BlueLama
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 31.12.2000
Anzahl Nachrichten: 2767

geschrieben am: 30.03.2002    um 15:52 Uhr   
@Engelsfall

bin schwer beeindruckt. du hast eine große Sprachkraft, mir ist das schon in "Bernsteinkreuz" aufgefallen.

Gruss Lama
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 30.03.2002    um 15:59 Uhr   


Vielen Dank.

Es kommt irgendwann einfach von selbst raus. Meistens
nur wenns mir schlecht geht *grinst*

Alles hat eben seinen Preis.

Gruß,

Engel


  Top
"Autor"  
Nutzer: minensie
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 1087

geschrieben am: 30.03.2002    um 16:06 Uhr   
also ich kann mich da größten teils nur an lama anschließen... vorallem... ich LIEBE die art wie du das schreiben an sich beschreibst... wirklich gut gelungen!
  Top
"Autor"  
Nutzer: xBroKenWinGx
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 21.03.2002
Anzahl Nachrichten: 72

geschrieben am: 30.03.2002    um 20:06 Uhr   
Ich mags auch, aber das weisst du, aber was mir daran am besten gefaellt bist du *grins*

So Long :)

Auf ein besseres Leben in ner andern Welt *zwinkertz*
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 30.03.2002    um 20:17 Uhr   


Vielen Dank, Minensie und Sheila. Ich freu mich immer wieder, von Menschen wie Euch verstanden zu werden. Das
ist dann die ganze Mühe wert *lächelt*


@BrokenWIng


Ich werd mich immer an das Versprechen erinnern.
Wir sehn uns, wenn wir da sind. (Und vielleicht auch
schon vorher.)


Liebe Grüße,

Engel


  Top
"Autor"  
Nutzer: minensie
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 1087

geschrieben am: 31.03.2002    um 08:21 Uhr   
ja was sind menschen wie wir?

mmhhhhh naja ich hoffe auch ma auf fortsetzung ;o)

dat minsche
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 31.03.2002    um 12:11 Uhr   


(*merke: drück dich präziser aus, engel*)

huh, da hab ich ja was angerichtet ;)

also was wollte ich denn eigentlich damit sagen.
daß es mir beispielsweise immer viel gegeben hat,
eure texte und werke zu lesen, und ich glaube,
daß es für mich mehr bedeutet, von menschen
zu hören, daß meine arbeiten gefallen, deren
arbeiten mir selbst auch gefallen.

*mit den händen fuchteltz*

so, besser kann ichs um die uhrzeit nich sagen,
das ist noch viel zu hell da draussen

*grinselt, winkt und versucht erstmal, wach
zu werden*


  Top
"Autor"  
Nutzer: minensie
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 1087

geschrieben am: 31.03.2002    um 13:25 Uhr   
axoooo und ich dachte schon sheila hat mir da irgendwas von ihrer identität verheimlicht, bei lama hätt mich das ja nicht gewundert, schließlich is er n spuckendes tiersche fg

dat minsche
  Top