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geschrieben am: 02.04.2002 um 00:19 Uhr
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MEIN BERLIN
Reinhard Mey
Ich weiß, daß auf der Straße hier kein eingz'ger Baum mehr stand
Ruinen in den Himmel ragten, schwarz und leer gebrannt
Und über Bombenkratern ging ein Wind von Staub und Ruß
Ich stolperte in Schuhen viel zu groß für meinen Fuß
Neben meiner Mutter her die Feldmütze über den Ohr'n
Es war Winter '46, ich war 4 und hab' gefror'n
Über Trümmerfelder und durch Wälder von verglühtem Stahl
Und wenn ich heut' die Augen schließe, seh' ich alles noch einmal
Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin
Den leeren Böllerwagen übers Kopfsteinpflaster zieh'n
Das war mein Berlin
Da waren Schlagbäume, da waren Straßensperren über Nacht
Dann das Dröhnen in der Luft und da war die ersehnte Fracht
Der Dakotas und der Skymasters und sie wendeten das Blatt
Und wir ahnten, die Völker der Welt schauten auf diese Stadt
Da waren auch meine Schultage in dem roten Backsteinbau
Lange Strümpfe, kurze Hosen, und ich wurd und wurd nicht schlau
Dann der Junitag, als der Potsdamer Platz in Flammen stand
Ich sah Menschen gegen Panzer kämpfen mit der bloßen Hand
Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin
Menschen, die im Kugelhagel ihrer Menschenbrüder flieh'n
Das war mein Berlin
Da war meine Sturmunddrangzeit und ich sah ein Stück der Welt
Und kam Heim und fand die Hälfte meiner Welt halt zugestellt
Da waren Fenster hastig zugemauert und bei manchem Haus
Wehten zwischen Steine noch die Vorhänge zum Westen raus
Wie oft hab' ich mir die Sehnsucht, wie oft meinen Verstand,
Wie oft hab' ich mir den Kopf an dieser Mauer eingerannt?
Wie oft bin ich dran verzweifelt, wie oft stand ich sprachlos da?
Wie oft hab' ich sie geseh'n, bis ich sie schließlich nicht mehr sah?
Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin
Wachtürme, Kreuze, verwegte Kränze, die die Stadt durchzieh'n
Das war mein Berlin
Da waren die sprachlosen Jahre, dann kam die Gleichgültigkeit
Alte Narben, neue Wunden, dann kam die Zerrissenheit
Siebz'ger Demos und die achtz'ger Barrikaden, Kreuzberg brennt
An den Hauswänden Graffiti, Steine sind kein Argument
Hab' ich nicht die Müdigkeit und die Enttäuschung selbst gespürt
Habe ich nicht in Gedanken auch mein Bündel schon geschnürt
All die Reden, das Taktieren, haben mir den Nerv geraubt
Und doch hab' ich wie ein Besess'ner an die Zukunft hier geglaubt
Das war mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin
Widerstand und Widersprüche, Wirklichkeit und Utopien
Das war mein Berlin
Ich weiß, daß auf der Straße hier kein einz'ger Baum mehr stand
Ruinen in den Himmel ragten, schwarz und leer gebrannt
Jetzt stehe ich hier nach soviel Jahr'n und glaub' es einfach nicht:
Die Bäume, die hier steh'n, sind fast genau so alt wie ich
Mein ganzes Leben hab' ich in der halben Stadt gelebt
Was sag' ich jetzt, wo ihr mir auch die andere Hälfte gebt
Jetzt steh' ich hier und meine Augen sehen sich nicht satt
An diesen Bildern, Freiheit, endlich Freiheit über meiner Stadt
Das ist mein Berlin, mein Berlin, mein Berlin
Gibt's ein schönes Wort für Hoffnung, aufrecht gehen, nie mehr knien
Das ist mein Berlin
Geändert am 17.02.2004 um 00:58 Uhr von murmur |
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