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geschrieben am: 23.03.2002 um 22:16 Uhr
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Manche Dinge leuchten aus sich heraus. Das hat, will ich meinen, nichts mit Licht zu tun. Vielleicht auch doch, aber da sind die Magier und die Physiker nicht ganz einer Meinung. Es muß wohl daran liegen, daß sie sich auf keine gemeinsamen Bezeichnungen für ihre Skalen und Wertetabellen einigen konnten.
Da waren inmitten des Gewusels auf dem Hauptbahnhof ein paar weihnachtliche Hüttchen aufgebaut, solche, wo man sonst zur Winterzeit gebrannte Mandeln und Honigbonbons kaufen kann. Ich mag Honigbonbons. Darum war ich auch zurückgekehrt an diesen irren Ort, wo niemals jemand Zeit hatte. Nicht einmal diejenigen, die auf ihren Zug warteten. Vielleicht hatten sie gerade deshalb keine Zeit.
Mein Blick fing sich zielstrebig auf den Häuschen, die ein paar Bahnsteige weit entfernt standen. Aus den Augenwinkeln sah ich etwas menschenähnliches, das sich um eine Ecke stahl, gebückt, in verschmuddelten Kleidern. In einigem Abstand folgten ihm zwei Bahnbeamte. Aus lauter Konsterniertheit entschloß ich mich, dem nächsten Passanten einen gehörigen Schrecken einzujagen. Es war einer dieser Teenies, die sich wundern, daß sie dauernd über ihre eigenen Hosen stolpern. Er hatte ein nettes Gesicht, muß ich ja zugeben. Was ihn allerdings auch nicht rettete, als er fast einen älteren Herrn umnietete, nur weil ich seine Augen direkt mit meinen fixiert hielt. Erstaunlich, wie wenige Leute an öffentlichen Plätzen damit rechnen, angesehen zu werden. Mir scheint, daß sie da etwas nicht verstanden haben, wenn sie von "sehen und gesehen werden" sprechen.
Zufrieden machte ich mich weiter auf meinen Weg, näher an die Buden heran. Wenn man darauf achtet, kann man seinen Bewegungsstil am Hauptbahnhof perfektionieren. Früher hatte niemand auf mich geachtet, und ich hatte schon so manches Mal einen Trolli in die Waden bekommen, von diversen Ellbogen und Schulterchecks ganz zu schweigen. Damit will ich jetzt nicht sagen, daß nun jemand auf mich achtete... man kann es am besten so beschreiben. Die Leute flossen um mich herum. So ist das mit dem einfachsten Weg eben. Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe, daß es auf einmal so war. Früher hatte ich wegen den Rempeleien immer Angst vor Menschenmassen.
Als ich die Hütten erreicht hatte, wich ich taktisch geschickt einem Bratwürstchenmann aus, mit dem ich nicht gerechnet hatte, verlor für einen kurzen Moment die Honigbonbonbude aus dem Blickfeld und hatte.... hatte mich umgedreht. Stand genau vor einer Auslage, die nur in allen feurigen Farben leuchtete, die mach sich vorstellen konnte. Bernstein über Bernstein. Massenweise Kinkerlitzchen, solche Dinge, die man nie braucht, die aber niedlich sind, Sachen, die man verschenkt und hofft, nie wieder zu sehen, Schmuck und dies und jenes.
Seit jeher hatte ich Bernstein geliebt. Ich hatte einmal einen kleinen Bernsteinwürfel besessen, welcher von einem so schönen orange schimmerte, daß ich niemals etwas für mich schöneres je wieder gesehen hatte, nichts konnte an diese Farbe herankommen. Dieser kleine Stein hatte mich durch meine Kindheit begleitet. Er war mein Schatz gewesen. Manche Dinge leuchten eben aus sich heraus. Und manchmal hat es wirklich nichts mit Licht zu tun.
Ich stellte fest, daß ich nicht in der Lage war, mich wieder umzudrehen. Ich muß wohl wirklich fasziniert ausgesehen haben, denn die Verkäuferin - eine sehr schüchterne kleine Person, die nicht viel sprach - lächelte kurz. Ich bin ganz sicher, daß sie gelächelt hat. Sie lächelte sonst immer nur, wenn die Kunden mit ihr sprachen. Eine ganze Zeit lang hatte ich Gelegenheit, das zu beobachten, denn ich brachte viel Geduld auf, die Auslage in Augenschein zu nehmen. Irgendwann fiel meine Aufmerksamkeit auf ein Stück, das mich erzittern ließ. Es war ein Kreuz, gepinnt an eine dünne Pappmaché-Wand. Es hatte acht Steine, die nicht einmal von besonderer Reinheit waren. Ihre Farben waren auch nicht intensiv. Es war ein ganz normales Kreuz. Der Jesus aus Messing sah irgendwie überfahren aus. Aber... aber... er leuchtete. Ich konnte es ganz genau spüren. Nichtmal sehen.
An diesem Tag gab ich einen ganzen Haufen Geld aus, und nahm das Kreuz mit nach Hause. Es hängt nun an einer Wand. Ich würde von mir sagen, der gläubigste Atheist zu sein, den man finden kann. Ich glaube an fast alles. Auch an Dinge, die aus sich heraus leuchten, selbst wenn kein Licht da ist.
*diverse stilistische Verbesserungen, Rechtschreibfehler usw usf.*
Geändert am 23.03.2002 um 22:23 Uhr von Engelsfall Geändert am 23.03.2002 um 22:37 Uhr von Engelsfall |
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