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geschrieben am: 21.04.2002 um 20:25 Uhr
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Reinhard Mey
füchschen
Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht! Hör, was der alte Reineke dir sagt:
Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm
nicht!
Hey, Füchschen, siehst du Isegrim, den Ehrenmann, das noble Wams mit dem
Designertüchlein dran? Wie er so erdverbunden scherzt, bemüht, sich
anzubiedern, wie er so freundlich tut, wie er so volksnah lacht, wie er auf
"ich bin doch auch einer von euch!" macht - der Isegrim beginnt mich
anzuwidern! Hat er doch lange schon vergessen, wo und wer wir sind, vor
Geltungssucht zerfressen und vor Machtgier blind, sieht er sich nur noch
selbst, der aufgeblas'ne Gockel, der beim Försterball noch eben mir der
Wölfin tanzt und dreist schon hinter'm Schuppen mit der Ziege ranzt, will
jetzt mit eit'lem Ehrgeiz auf den Sockel. Du hast geseh'n, wie Isegrim die
Treue bricht, und wenn er dir das Blaue vom Himmel verspricht: Füchschen,
glaub ihm nicht!
Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!
Und vor Schwarzkittel, Füchschen, nimm dich ja in acht, er heuchelt Demut,
doch er schielt nach der Macht, er täuscht und trügt mit frommen
Redensarten. Er predigt Wasser und trinkt selber Wein und redet dir Schuld
und Sünden ein und wildert an der Brut im eig'nen Garten. Immer
salbungsvoll, immer verkorkst und geil, sorgt sich der schlimme Finger um
dein Seelenheil: Sieh in selbstgerecht die teig'gen Hände reiben! Er will
dich eingeschüchtert und verschreckt und brav, er will dich als willenloses,
stummes Schaf, denn nur mit Ahnungslosen kann er's so bunt treiben. Doch
gleichviel, ob der schmierige Wicht dir Fegefeuer oder Paradies verspricht:
Füchschen, glaub ihm nicht!
Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!
Und, Füchschen, hüte dich vor der Frau Gieremund, nur Gift und Geifer
sprudeln aus ihrem Schlund, sie unterwirft sich hündisch und aus freien
Stücken. Mit ihrem immergestrigen Gejaul redet sie dem Pfaffen nach dem Maul
und fällt den eig'nen Schwestern in den Rücken. Und meide klug den
Bullenbeisser Rüsteviel, seine Spiessgesellen und sein Narrenspiel, wo du
die witterst, musst du Schlimmes ahnen: Sie haben nie dem dunklen Bösen
abgeschwor'n, sie ziehen dir das Fell über die Ohr'n, und die Losung steht
noch auf ihren Fahnen. Und wenn da einer von Ehre, Stolz und Pflicht, von
Vaterland und Gehorsam spricht: Füchschen, glaub ihm nicht!
Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!
Ich bin ein alter Knochen, und mein Fell wird grau, ich kenn' die Fallen und
die Wolfseisen genau, kenn' die Schrunden und die Beul'n, wenn sie das Fell
dir gerben. Ich kann dich lehr'n, vor der kläffenden Meute zu flieh'n, die
Kunst, den Kopf aus der Schlinge zu zieh'n, diesen Schlitz im Ohr, den kann
ich dir vererben, lehr' dich geschmeidig geh'n, gegen den Wind, lehr' dich
Worte, die wie giftige Köder sind, dann werd' ich lautlos seitwärts im
Gebüsch verschwinden. Dann halt die Augen auf, pass auf wie ein Luchs, wasch
dich mit allen Wassern, kleiner Fuchs, du musst allein die eig'ne Wahrheit
finden! Und wenn dann jemand aus dem Unterholz bricht und die
alleinseligmachende Weisheit verspricht: Füchschen, glaub ihm nicht!
(mit Tochter Lulu:) Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der
allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!
Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub mir nicht!
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