Auf den Beitrag: (ID: 33892) sind "4" Antworten eingegangen (Gelesen: 489 Mal).
"Autor"

Kinderlieder

Nutzer: Murmur
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.04.2002
Anzahl Nachrichten: 39

geschrieben am: 21.04.2002    um 20:12 Uhr   
Ich finde, Reinhard Mey hat einfach wunderschöne Lieder über seine Kinder / Kindheit geschrieben...

....
  Top
"Autor"  
Nutzer: Murmur
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.04.2002
Anzahl Nachrichten: 39

geschrieben am: 21.04.2002    um 20:12 Uhr   
Reinhard Mey
menschenjunges


Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!

Da liegst du nun also endlich fertig in der Wiege. Du bist noch ganz frisch und neu, und ich schleiche verstohl'n zu dir, und mit großer Selbstbeherrschung nur besiege ich die Neugierde, dich da mal rauszuhol'n, um dich überhaupt erstmal genauer anzusehen. So begnüg' ich mich damit, an deinem ersten Tag etwas verlegen vor deiner Wiege rumzustehen und mir vorzustellen, was dein Leben bringen mag.

Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!

Mögest du all' das erfahren und all' das erleben, was erlebenswert und was im Leben wichtig ist. Mög' es noch Wiesen und Bäume und Maikäfer geben, wenn du im Maikäfersammelalter bist. Mögen auch allezeit Nägel, Murmeln, Strippe, Litze, Kleister, Brausepulver, Buntstifte und Feuerstein, Schraubenzieher, Isolierband, Knete und Lakritze reichlich in deinen Hosentaschen vorrätig sein!

Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!

Und eines Tags kommt der Tag, da sitze ich beklommen ratlos vor den Schularbeiten, die man dir aufgab. Werde deine Rechenaufgaben nicht rausbekommen, für den Aufsatz den ich dir geschrieben hab', wirst du, wenn du sehr viel Glück hast, keinen Arrest kriegen, aber als Entschädigung dafür werd' ich dir, Drachen bauen, Bilder mal'n und Doppeldecker fliegen und zeig dir den Umgang mit Lötkolben und Klavier.

Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!

Ein paar Jahre später dann nach manch' blutigen Nasen, nach unzähligen Pflastern über aufgeschlag'nen Knien, nach zerbroch'nen Fensterscheiben, zertöpperten Vasen, fehlgeschlagenen Erziehungstheorien. Nach erkannter Unwirksamkeit strenger Zeigefinger machen wir beide nämlich gemeinsam jeden Stuß, jeden groben Unfug, und dann dreh'n wir all' die Dinger, die ich dir bis dahin jedoch streng verbieten muß.

Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!

Möge dir, von dem, was du dir vornimmst, viel gelingen! Sei zufrieden, wenn's gelingt, und ohne Übermut, versuch' deine Welt ein kleines Stück voranzubringen, sei, so gut es geht, zu deinen Menschenbrüdern gut! Tja, dann wünsch' ich dir, daß ich ein guter Vater werde, daß du Freunde findest, die dich lieben, und daß du Spaß hast an dem großen Abenteuer auf der Erde! "Hals- und Beinbruch", da kommt was auf dich zu.

Menschenjunges, dies ist dein Planet, hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket. Freundliches Bündel, willkommen herein, möge das Leben hier gut zu dir sein!


  Top
"Autor"  
Nutzer: Murmur
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.04.2002
Anzahl Nachrichten: 39

geschrieben am: 21.04.2002    um 20:13 Uhr   
Reinhard Mey
zeugnistag


Ich denke, ich muß so zwölf Jahre alt gewesen sein, und wieder einmal war es Zeugnistag. Nur diesmal, dacht' ich, bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein, als meines weiß und häßlich vor mir lag. Dabei war'n meine Hoffnungen keineswegs hochgeschraubt, ich war ein fauler Hund und obendrein höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt, so ein totaler Versager zu sein.

So, jetzt ist es passiert, dacht' ich mir. jetzt ist alles aus, nicht einmal eine 4 in Religion. Oh Mann, mal diesem Zeugnis kommst du besser nicht nach Haus, sondern allenfalls zur Fremdenlegion. Ich zeigt' es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie, schön bunt, säh nicht schlecht aus, ohne zu prahl'n! Ich war vielleicht 'ne Niete in Deutsch und Biologie, dafür konnt' ich schon immer ganz gut mal'n!

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus, die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt. Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus, so stand ich da, allein, stumm und geknickt. Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück, voll Selbstgerechtigkeit genoß er schon die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat'ne Stuck, diesen Urkundenfälscher, ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an und sagte ruhig: "Was mich anbetrifft, so gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran, das ist tatsächlich meine Unterschrift." Auch meine Mutter sagte. ja, das sei ihr Namenszug, gekritzelt zwar, doch müsse man versteh'n, daß sie vorher zwei große, schwere Einkaufstaschen trug, dann sagte sie: "Komm, Junge, laß' uns geh'n."

Ich hab' noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor'n und lernte widerspruchslos vor mich hin Namen, Tabellen, Theorien von hinten und von vorn, daß ich dabei nicht ganz verblödet bin! Nur eine Lektion hat sich in den Jahr'n herausgesiebt, die eine nur aus dem Haufen Ballast: Wie gut es tut, zu wissen. daß dir jemand Zuflucht gibt. Ganz gleich, was du auch ausgefressen hast!

Ich weiß nicht, ob es rechtens war, daß meine Eltern mich da rausholten, und wo bleibt die Moral? Die Schlauen diskutieren. die Besserwisser streiten sich, ich weiß es nicht, es ist mir auch egal. Ich weiß nur eins, ich wünsche allen Kindern auf der Welt, und nicht zuletzt natürlich dir, mein Kind, wenn's brenzlig wird, wenn's schiefgeht, wenn die Welt zusammenfällt, Eltern, die aus diesem Holze sind, Eltern, die aus diesem Holz geschnitten sind!


  Top
"Autor"  
Nutzer: Murmur
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.04.2002
Anzahl Nachrichten: 39

geschrieben am: 21.04.2002    um 20:14 Uhr   
Reinhard Mey
aller guten dinge sind drei


Der Wecker fliegt, halb sieben,
Unheil nimm deinen Lauf
Der Große muß zur ersten Stunde
Los steh' auf
Und mach leise, daß nicht gleich
Der Mittlere aufwacht
Der kann noch schlafen
Rumms, die erste Türe kracht
Die Diele knarrt, die Spülung rauscht
Und überdies
Ist die Kleine aufgewacht
Und schreit wie am Spieß
Ich setz sie auf den Topf
Sie ist ganz rot vor Wut
Ich schmier dem Großen schnell ein Pausenbrot, mach's gut
Vergiß den Turnbeutel nicht
Der Mittlere kommt ran
Lauf hier nicht barfuß rum
Los, zieh dir Fußschuh an
Ich seh grad zu wie beim Toast in Flammen aufgeht
Da hat die Kleine ihren Topf samt Inhalt umgedreht
Und stürzt sich auf mich mit einem Freudenschrei
Aller guten Dinge sind drei.

Ich hab den Mittleren zu Schule gebracht
Und verwische die Spuren der Haselnußcremeschlacht
Dies ist die Zeit
Wo ich an meinen Schreibtisch kann
Die Kleine malt mein Bein
Mit einem Filzstift an
Und erledigt während eines kurzen Telefonats
Durch Zerreissen die gesamte Post des Vormonats
Der Große kommt nach Haus
Und macht ein langes Gesicht
Alle Kumpels haben nen Computer
Nur er wieder nicht
Die Kleine pinkelt auf den Teppich
Die bringt mich ins Grab
Vorher hol ich noch den Mittleren
Von der Schule ab
Dann gibts Mittag und nen Streit
Wer's erste Fischstäbchen kriegt
Bis die Tränen fließen
Und es auf der Erde liegt
Die Kleine nießt mich an
Und hat den Mund voll dabei
Aller guten Dinge sind drei

Ich nötige sie zum Mittagsschlaf
Jetzt hätt ich etwas Zeit
Der Große beichtet mir seine Geschichtsarbeit
Und jetzt hat er drei Chaoten zum Spielen bestellt
Nicht so laut
Doch als der erste Stuhl umfällt
Ist die Kleine wach
Der Mittlere schluchst, ich denk
Ich soll zum Kindergeburtstag
Und hab noch kein Geschenk
Die Kleine steckt sich erstmal
Eine Erbse ins Ohr
Der Doktor ist ein Freund
Und nimmt uns rasch mal vor
Ich kauf schnell ein Geschenk
Und geb den Mittleren ab
Komm schweißgebadet raus
Ich glaub ich mache schlapp
Der Autoschlüssel ist weg
Wie kommt ich jetzt nach Haus
Nur widerwillig spuckt die Kleine
Ihn dann doch noch aus
Ein Nachbar grüßt
Na sieh hab'n wohl immer frei
Aller guten Dinge sind drei

Zu Hause setzt bereits
Der Abendwahnsinn ein
Die Kleine rollt sich gleich
Mit hohen, spitzen Schreien
In einen Vorhang ein
Zu einem dicken Ballen
Und läßt sich samt Gardine
Auf den Boden fallen
Beim Großen dröhnt ohrenbetäubende Musik
He Alter, bleib ganz cool,
Ich übe Mathematik
Der Mittlere kommt vom Geburtstag
Mit dem Rekord im Negerkußwettessen
Und er übergibt sich sofort
Der Große und die Kleine krieg'n
Ne Schrulle aufs Brett
Der Negerkußwettesser eine
Schüssel vors Bett
Zwei Einschlafgeschichten
bei jedem von den Dreien
Ich selber schlafe direkt
bei der Tageschau ein
Ich schlepp mich ins Bett
Die Füße schwer wie Blei
Aller guten Dinge sind drei

Meine Frau lächelt mir zu
Na, überleg es dir
Vielleicht sind aller guten Dinge
Ja auch vier
Ich breche zusammen, nein
Es bleibt dabei
Aller guten Dinge sind drei.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Murmur
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.04.2002
Anzahl Nachrichten: 39

geschrieben am: 21.04.2002    um 20:25 Uhr   
Reinhard Mey
füchschen


Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht! Hör, was der alte Reineke dir sagt:
Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm
nicht!

Hey, Füchschen, siehst du Isegrim, den Ehrenmann, das noble Wams mit dem
Designertüchlein dran? Wie er so erdverbunden scherzt, bemüht, sich
anzubiedern, wie er so freundlich tut, wie er so volksnah lacht, wie er auf
"ich bin doch auch einer von euch!" macht - der Isegrim beginnt mich
anzuwidern! Hat er doch lange schon vergessen, wo und wer wir sind, vor
Geltungssucht zerfressen und vor Machtgier blind, sieht er sich nur noch
selbst, der aufgeblas'ne Gockel, der beim Försterball noch eben mir der
Wölfin tanzt und dreist schon hinter'm Schuppen mit der Ziege ranzt, will
jetzt mit eit'lem Ehrgeiz auf den Sockel. Du hast geseh'n, wie Isegrim die
Treue bricht, und wenn er dir das Blaue vom Himmel verspricht: Füchschen,
glaub ihm nicht!

Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!

Und vor Schwarzkittel, Füchschen, nimm dich ja in acht, er heuchelt Demut,
doch er schielt nach der Macht, er täuscht und trügt mit frommen
Redensarten. Er predigt Wasser und trinkt selber Wein und redet dir Schuld
und Sünden ein und wildert an der Brut im eig'nen Garten. Immer
salbungsvoll, immer verkorkst und geil, sorgt sich der schlimme Finger um
dein Seelenheil: Sieh in selbstgerecht die teig'gen Hände reiben! Er will
dich eingeschüchtert und verschreckt und brav, er will dich als willenloses,
stummes Schaf, denn nur mit Ahnungslosen kann er's so bunt treiben. Doch
gleichviel, ob der schmierige Wicht dir Fegefeuer oder Paradies verspricht:
Füchschen, glaub ihm nicht!

Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!

Und, Füchschen, hüte dich vor der Frau Gieremund, nur Gift und Geifer
sprudeln aus ihrem Schlund, sie unterwirft sich hündisch und aus freien
Stücken. Mit ihrem immergestrigen Gejaul redet sie dem Pfaffen nach dem Maul
und fällt den eig'nen Schwestern in den Rücken. Und meide klug den
Bullenbeisser Rüsteviel, seine Spiessgesellen und sein Narrenspiel, wo du
die witterst, musst du Schlimmes ahnen: Sie haben nie dem dunklen Bösen
abgeschwor'n, sie ziehen dir das Fell über die Ohr'n, und die Losung steht
noch auf ihren Fahnen. Und wenn da einer von Ehre, Stolz und Pflicht, von
Vaterland und Gehorsam spricht: Füchschen, glaub ihm nicht!

Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!

Ich bin ein alter Knochen, und mein Fell wird grau, ich kenn' die Fallen und
die Wolfseisen genau, kenn' die Schrunden und die Beul'n, wenn sie das Fell
dir gerben. Ich kann dich lehr'n, vor der kläffenden Meute zu flieh'n, die
Kunst, den Kopf aus der Schlinge zu zieh'n, diesen Schlitz im Ohr, den kann
ich dir vererben, lehr' dich geschmeidig geh'n, gegen den Wind, lehr' dich
Worte, die wie giftige Köder sind, dann werd' ich lautlos seitwärts im
Gebüsch verschwinden. Dann halt die Augen auf, pass auf wie ein Luchs, wasch
dich mit allen Wassern, kleiner Fuchs, du musst allein die eig'ne Wahrheit
finden! Und wenn dann jemand aus dem Unterholz bricht und die
alleinseligmachende Weisheit verspricht: Füchschen, glaub ihm nicht!

(mit Tochter Lulu:) Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der
allerkleinste Zweifel an dir nagt, Füchschen, glaub ihm nicht!

Hör, was der alte Reineke dir sagt: Wenn auch nur der allerkleinste Zweifel
an dir nagt, Füchschen, glaub mir nicht!


  Top