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Auszug aus meinem "Rattenfänger*

Nutzer: Engelsfall
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geschrieben am: 29.04.2002    um 07:34 Uhr   


1.
Sein schattengleicher bittersüßer Schritt
führte ihn, als sei er ganz ohne Leib
über Stock und Stein und Bacheslauf,
und nicht fehl ging ihm ein einzger Tritt,
er klomm geschwind die Hügel hinauf,
ihn vermißten nachts nicht Kind oder Weib,
zum Freunde nahm er den Nebel sich mit.

2.
Sicher hielt er in den Fingern so schlank
die uralte Flöte von Blutsilberholz,
zärtlich lockend lag ihr sinnlicher Kuß
auf seinen Lippen, so bleich wie als krank,
er fühlte in sich daß er sterben wohl muß,
und in ihm füllte sein Herz sich mit Stolz,
während er die tödlichen Klänge trank.

3.
Vor ihm auf den mondbeschienenen Pfaden
lag Stille so köstlich wie frischer Quell,
wie der junge Morgen noch atemlos rein.
Mit jedem Sprung wars, als wolle ers wagen,
schneller als die Nacht, das Dunkel zu sein.
Wurd nicht dort hinten der Osten schon hell?
Wollte das Düstre Lebwohl so rasch sagen?

4.
Die Wälder wichen vor ihm hastig zurück,
doch Wipfel und Zweige streiften ihn noch.
Doch er duckte sich und huschte rasch weiter,
zu kostbar, flüchtig zerrann ihm das Glück,
die Zeit drängte nun selbst einen Reiter,
er stockte auch nicht als Angst in ihn kroch,
eile schnell dich voran, rasch dieses Stück.

5.
Den Lauf dieses Dunklen hörte man nicht,
doch man mocht meinen, daß Hunde ihn hetzten,
es mußten geifernde gierige Bestien sein,
die ihm mit allem schaurigen Alptraumgesicht
rascher als Dämonen schnappend gemein
den einen um den anderen Hieb versetzten,
sie jagten ihn vorwärts zum eignen Gericht.

6.
Heftig und pochend quoll ihm die Brust,
doch sein Spiel erklang gänzlich klar.
Die Töne schwollen zum Himmel hinan,
und ihnen zu lauschen war süße Lust,
jede Nachtigall wollte sterben sodann,
sobald von seinem Laute gefangen sie war,
war sie sich sicher, daß sie nicht leben mußt.

7.
Und hinter dem Läufer wälzte entlang
ganz ohne Rücksicht auf Felder und Wiesen
die Meute der Ratten als schwärzliche Flut.
Sie machten die Hirsche und Hasen bang
und trieben sie fort mit zornfunkelnder Glut,
in die Flucht geschlagen einen jeden Riesen
hätten sie, während grausam die Flöte sang.


((Fortsetzung folgt vielleicht. Mal sehen ob ich dazu komme.))


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Nutzer: Engelsfall
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geschrieben am: 29.04.2002    um 11:15 Uhr   

8.
Schwer war zu sagen ob er sie zu sich rief,
oder ob er vor ihnen die Flucht gar ergriff,
die Frage verlacht allein von süßlichem Schall,
auf nichts nun gab es noch Siegel und Brief,
jenes Lied blieb doch unüberwindlicher Wall,
ein hungriges garstig gezacktes Seelenriff,
als der Spieler mit den Ratten zur Wette lief.

9.
Verzweifelnd schon ob der Stunde sah er
den Mond allzu überreif dräuend lasten
am Rande der Welt, am Rande der Zeit,
das sanftweiße Glimmen bedeutungsschwer,
„oh Mächte steht mir bei, ist es noch weit –
nein, nicht einen Moment darf ich rasten,
nacktschwänzig rast die Hölle mir her.“

10.
Leicht und stark sprang jener Widergänger
über einen moosscheckigen Eichenstamm,
der gefällt von einem Blitz schon seit Jahren
danieder lag und nun durch den Rattenfänger
samt grausigem Gefolge, das die Ratten waren,
geflutet wurde, sich vollsog wie ein Schwamm,
und sie fordernd lockte der Flötensänger.

11.
Aufgewühlte Erde wars nur, was übrig blieb,
verdorbne Äcker, verseuchtes Waldesland,
schmutzge Strassen wo durch Dörfer man kam,
jener Spielmannszug war wie ein Hieb
für die Welt, wie ein Zerreißen purer Scham;
Tümpel, da man kein gutes Wasser mehr fand,
jeder Baum von fallenden Blättern schrieb.

12.
Das Getier vorwärts ward unruhig alsbald
es den verspottenden Hofstaat nahen fühlte,
oh dieser höhnend gespenstische Zug,
sie duckten alle sich nieder, es wurde kalt
in ihnen und es war doch kein Trug,
der sich in ihre harmlosen Seelen wühlte,
in einen winzigen... blutenden... Spalt.

13.
In der Ferne vor seinem scharfen Blick
erblickte der Fänger die Kralle aus Stein,
kaum noch berührte sein Fuß Erdes Saum,
es gab nur die Hast und es blieb kein zurück
in jenem allzu irren, unwirklichen Traum
wie gekommen von üblem, verdorbenen Wein
war selbst ihm sein eigenes Flötenstück.

14.
Doch die Hoffnung ließ ihn ausharren
und tanzen wie den Spielmann des Verfalls,
schon wurden die Glieder ihm immer schwerer,
sie wogen bald mehr als güldene Barren,
und sein Denken wurd ihm immer leerer,
die Luft blieb aus ihm in Kehle und Hals,
und er blieb der Meister alleder Narren.


((es handelt sich hierbei um eine komplette eigene interpretation der geschichte "der rattenfänger von hameln" in was weiß ich wie vielen versen. ich habe bis nun etwa 50 und kein ende in sicht. ich werde hier auch nur auszüge präsentieren, da das ganze sonst zu viel für ein forum würde, und somit ist der vers, der hier mit 1. gekennzeichnet ist, natürlich nicht wirklich der erste. trotzdem viel spaß beim lesen.))



Geändert am 29.04.2002 um 11:16 Uhr von Engelsfall
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Nutzer: Engelsfall
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geschrieben am: 10.05.2002    um 15:17 Uhr   


Hier ist nun der tatsächliche, physikalische und logisch richtige Anfang meiner Interpretation des Rattenfängers, der nun kurz vor seiner Vollendung steht.

Mit diesen weiteren 14 Versen stelle ich noch zwei Kapitel ins Forum, und hoffe, daß sie Freude bereiten bzw zum Nachdenken anregen, selbst wenn die ganze Geschichte noch immer nicht vollständig zu finden ist.




1.
Vermag wer zu sagen, wie lange es währt
und ob am heutigen Tage es lange vorbei,
oder ob es noch immer andauern mag,
ob jener noch heut durch die Lande fährt,
von dem hier Bericht zu erstatten es gab,
denn denkt ihr nicht auch, es sei einerlei,
wie man die Straßen anderswo kehrt...

2.
Zu jener Stadt mit all ihren stolzen Mauern
konnt man bittre Klagen ringsum vernehmen
und die Furcht ging um als lichtloses Gespenst,
sie mochte dort in dämmrigen Gassen lauern.
Selbst die tapferen Männer dienten ergebenst
ihren tückisch harmlos scheinenden Emblemen,
geplagt von Grimm und ängstlichen Schauern.

3.
Die Ratten hatten Quartier hier bezogen,
Korn und Speicher längst in den Krallen,
waren sie die wirklichen Herren der Stadt,
ausnahmslos, man hatte schon alles erwogen
das Bestiarium zu bannen, dem Nimmersatt
ihrer Mäuler nicht zum Opfer zu fallen,
fühlte vom Schicksal sich lange belogen.

4.
Oh ja, so reich war sie bis dahin gewesen,
die feine Stadt in wohlständigem Bürgertum,
an Weizen besaß man so viel wie an Gold,
gefällig hatten die Herren ihre Bilanzen gelesen,
ihr Blick war dem Samt ihrer Mädchen hold,
Hoffart zum Mammon war mehr wert als Ruhm
und mehr als alle Menschlichkeitsthesen.

5.
Ratten fand man selbst in den Betten,
fast niedlich in Decken und Kissen gerollt,
sie saßen in Kisten, Schränken und Fässern
um selig zu schlafen, von Ermüdung zu retten
ihren stinkenden, fransigen Pelz vor Wässern
des Regens, vor Winden, und wie bitter gezollt
von den Menschen ihr Glück zu verwetten...

6.
Als kaum noch Speise ohne Makel als Beute
von dem Getier es einzunehmen gelang;
der Ruf der Pest klang bereits mit ekliger Süße
über Dächer und durch Gassen , die Leute
verlangten vor Wut keifend Beschlüsse,
wo man die Macht der Stadtobren besang:
„Merzt endlich sie aus, wir wollen die Häute!“

7.
So stand es um Hameln in tödlichem Stolz,
die Bürger hatten in Narreteien und Tand,
den Ratten im Innern recht ähnlich,
sie standen in der Diktatur ihres Solds,
mit ihren Eitelkeiten verfehlend sich
in ihrem Begehren und Wünschen verrannt;
so stand es um Hameln im Bann seines Golds.

8.
In jenen furchtbaren Tagen kam einher
ein Bursche, wie man ihn nie zuvor sah.
Er war kein Bauer, kein Schuster auf Walz,
kein Jemand wies schien und kein Irgendwer,
sein sinniges Lächeln ein Alb allenfalls,
flüchtig und wissend um das was geschah,
blieb seine Mimik stets listig und leer.

9.
Einen entsetzlichen Pelz trug er um sich,
ein Stückwerk aus schwarzbraun und grau,
aus leblosen Pfoten, aus fasrigen Ohren,
aus verstrubbelten Fellen gar meisterlich
genäht, es war dieser Mantel beschworen
von dämonischer Kunst im Stiche genau,
so präsentierte der Bube sich ansehnlich.

10.
Es wurde schon Abend, es wurde schon Nacht
als er vor die Mauern des Rattenpfuhles trat,
und seine Gedanken flohen weiter hinauf,
da tasteten bleiche Finger dessen anbetracht,
was seine Sinne ersahen von der Dinge Lauf,
an seine Seite und schlossen in eisiger Tat
um jenes Rohr sich, beinahe hätt er gelacht,

11.
aus keinem Holz war es oder irgend Metall
konnt er benennen, es erglühte wie Wein,
doch im verborgnen nur lag das Geheimnis,
denn sah man genauer dort hin, gewahrte all
man auf dem Instrument nur den Firnis
von Silber, von Silber und Blut, aber kein
Abglanz von Licht blieb, nur tiefster Fall.

12.
Zärtlich mutete die Berührung wohl an,
doch schmerzlich voll Gram sein Antlitz blieb,
wächsern bleich die kantigen schmalen Züge,
der Wind griff hämisch in seinen Mantel. Dann
murmelte er leis: „Auch hier ist nur Lüge,
nichts anderes als Schätze ist ihnen lieb,
und nicht einer von ihnen je Gutes ersann.“

13.
Das Haar trug er zausig wie Rabengefieder,
und bis daß im Osten die Sonn sich erhob
unerbittlich wie das Anlitz der Engel des Zorns
stand er reglos, doch liebkost hin und wieder
von den wispernden Schatten dieses Dorns
in seinem Herzen, da er selbst sich betrog
in seinem Denken an freundliche Lieder.

14.
Auf seine eigene Weise bewacht er die Stadt,
lauschte auf das Nagen und Quieken darinnen,
die Hand fester im Halt um die seltsame Flöte,
eng dacht er bei sich, ja, freßt euch nur satt,
mit dem morgigen Dunkeln beginnen die Nöte
und keineswegs sollt ihr gen mich gewinnen,
da noch niemals gen mich man gewonnen hat.



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