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geschrieben am: 29.05.2002 um 11:01 Uhr
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„Marizzebillchen“
... Mama saß, wie fast an jedem Abend, an meinem Bett und erzählte - nein, erzählte ist zu wenig, sie inszenierte - mein Lieblingsgedicht, den „blinden König“. Sie lallte ein wenig, aber das kannte ich ja, und dennoch - es war wieder einmal schaurig schön. Ich drückte meine Puppe „Ela“ nah an mich heran und kuschelte mich mit ihr gemeinsam ins Kissen, sah die rabenschwarze Nacht vor mir und den blinden König, der angestrengt ins Dunkle lauschte und um seinen Sohn bangte ...
Mama schien ebenfalls ganz versunken in diese andere Welt. Wir saßen beide mit dem König in seinem Boot. Da wurde die Kinderzimmertür aufgestoßen, schlug hinten gegen den Schrank - und alles war zerstört ...
Papa riß Mama unsanft von der Bettkante hoch und stieß sie gegen den Türrahmen. „Du versoffenes Flittchen,“ schrie er „ich weiß Bescheid.“.
„Das musst Du gerade sagen“, fauchte Mama zurück und ich hoffte wieder einmal, sie wäre lieber still gewesen, denn jetzt bekam Papa diesen komischen, irrsinnigen Blick und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht.
Ich hatte meine Bettdecke bis weit über die Nase gezogen, traute mich kaum zu atmen, wollte so gerne die Augen schließen, um nichts mehr zu sehen, aber es ging einfach nicht, es ging nicht.
Es schien aber sowieso wieder einmal niemand zu bemerken, das ich überhaupt da war.
Mama wollte rauslaufen, da knallte Papa die Tür zu. Mamas Finger waren dazwischen und sie schrie ganz fürchterlich, kauerte dann lange wimmernd am Boden. Papa war gegangen, einfach so.
Ich wollte meine Mama so gerne trösten, aber ich konnte kein Wort sagen, auch das ging nicht. Ich war gelähmt, oder war ich tot ? Mama kroch auf allen Vieren aus dem Zimmer und dann war alles ganz still. Ich starrte so lange an die Decke, bis ich diese kleinen schwarzen Punkte sah, die auf mich zuwackelten. Das half mir immer beim Einschlafen.
Dann aber kam es wieder, das grinsende Monster mit dem Hundekopf und es hatte die schleimigen Schlangen dabei, die in meinen Mund krochen. Wäre ich doch wachgeblieben.
„Marizzebillchen“ flüsterte der Hundekopf in mein Ohr und schnaufte dabei, „Marizzebillchen, ich liebe Dich“. Am nächsten Morgen lag ich auf meinem nassen Bettuch, wie so oft.
Ich tappte in meinem ekelhaft klebenden Nachthemd in die Küche.
Mama saß am Tisch vor einer Tasse Kaffee und rauchte. Sie hatte einen Verband um ihre Hand und um den Kopf gewickelt. „Er hat mir die Finger gebrochen“, sagte sie vollkommen ruhig, nahm mich an der Hand, ging mit mir durch den Flur und öffnete die Wohnzimmertür. Sie zeigte mit einem Kopfnicken in Richtung Wand. „Das hat er auch getan“, sagte sie, so, als würde sie mir die normalste Sache der Welt erzählen. Die weiße Raufasertapete über dem Sofa war voller roter Spritzer und Flecken. Ich wusste, dass es Blut war, davon hatte ich schon so viel gesehen. Ich starrte auf die Wand .... sagte nichts .... und fühlte nichts .....
Abends hat Papa die Flecken auf der Tapete pfeifend mit weißer Farbe überstrichen, während im Fernsehen „Hucky und seine Freunde“ lief und er über den dummen Oberförster lachte.
(autor leider unbekannt) |
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