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geschrieben am: 08.04.2003 um 09:17 Uhr
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Oh, welch ein Morgen. Ich schlag die Augen auf, und spür unter der Nase, um den Mund herum und links am Hals bis zum Ohr hinter eine klebrige Spur.
"Mist, schon wieder Nasenbluten"
Dies ist einer der Morgen, an denen schon ganz früh alle nervlichen "Stricke reissen".
Erst gestern habe ich neue Bettwäsche aufgezogen : schwarz, mit nem kleinen goldenen Drachen rechts unten auf dem Kopfkissen. Tja, der Drache wird ab jetzt eher rostrot bleiben. Rostrot, genau wie das große Duschtuch, das immer neben dem Bett liegt, um eben über Nacht genau solche Fälle zu verhindern.
"Kann man sich nicht einmal wenigstens an was Neuem freuen? Nein, scheints nicht"
Morgen hätte ich brav das alte Duschtuch wieder verwendet. Nur diese eine verd..... Nacht ohne! Ich leb sowieso nur mit dunkelblauer und schwarzer Bettwäsche. Nicht gerade therapeutisch wertvoll für nen "Depri", aber sehr zweckmäßig. Wie gern würd ich mal in ein gelbes oder weißes Bett schlüpfen.
Nun ja, sonst ist alles paletti. Ich betrachte kritisch die weiße Wand neben dem Bett.
"Alles klar, nix versaut"
Ich denk an den Malerpinsel, der im Keller noch nicht ganz trocken ist vom Wandstreichen, denn letztens hat ein Hustenanfall die Wand mit einem schönen roten Muster versehen. Hat ausgesehen wie feiner Sprühnebel in Rot. Nass war die Farbe ja ganz hübsch:
"Bring Farbe ins Leben"
fällt mir ein Werbespruch für Tapeten ein. Aber trocken ist es eben immer dieses scheußliche rostrot. Das braucht kein Mensch.
Ich will aufstehen, falle aber wie ein gefällter Baum wieder in Rückenlage. Mir dreht sich alles.
"Sch... Tabletten",
denk ich.
"Aber was hilft`s, da musst du durch. Erst mal ruhig liegen bleiben, dann wird`s schon wieder!"
Nix wird ! Es blutet bloß heftiger. Das Duschtuch ist längst
untergeschoben. Ich versuch den Kopf über den Bettrand nach unten hängen zu lassen, was sofort von einer heftigen Kopfschmerzattacke quittiert wird. Eisbeutel helfen auch nicht, weiß ich aus Erfahrung. Mein Blick geht zum Telefon neben dem Bett. Ich werd mal meinen "Seelen-ADAC" anrufen, meinen "roten Engel". Hoffentlich ist der
"rote Engel" um diese Zeit am Sonntag schon wach.
Er - bzw. sie - ist wach.
"Gott sei Dank"
Ich unterhalte mich über ne Stunde mit ihr. Sie ist einfach lieb. Das Herz quillt mir über, aber leider auch die Blutströme aus der Nase. Sie merkt, dass ich immerzu schniefe. Ich erzähls ihr, und darf mich in ihrem Mitleid baden.
Wie genieße ich dieses Bad! Immer und immer wieder. Alles ist dann halb so schlimm. Ich bin unendlich dankbar, dass es sie gibt. Irgendwann frägt sie :
"bist du noch da"
Ich hab grade die Position im Bett gewechselt und bin am Rande einer Ohnmacht vor Kopfschmerzen. Ihre Stimme dringt durch, und ich bin wieder ganz Ohr.
Nun, auch die schönste Stunde geht vorüber, wir verabschieden uns.
"So, was tun?"
Ich leg mich ins warme Badewasser, das warme Blut tropft auf meine Brust, färbt mit jedem Tropfen das Wasser. Andere baden in Rosenblättern, ich halt in Blut. Wenigstens die Farbe stimmt.
Meine Gedanken kreisen. Es kommt mir wieder vor, als ob ein kleiner Krebs mit winzigen Scheren im Hirn sitzen würde, und diese zum Zuschnitt für einen irren Schnittmusterbogen verwendet. Ich hab diesem treuen Begleiter schon lang
einen Namen gegeben: er heißt Quidi, das ist die Zusammensetzung der Anfangsbuchstaben der Tabletten, die ich nehme.
Oh, er ist ein Meister seines Fachs. Er schwingt die Scheren so virtuos wie kein anderer. Er schneidet zielsicher Äderchen durch, die man sowieso - so meint er - nie mehr braucht. Er kappt Erinnerungen, lässt Schlechtes verblassen. Praktisch, so ein Hirnkrebs, nicht wahr? Natürlich lässt er auch
viel Schönes verblassen, aber das kümmert ihn wenig. Jede Dienstleistung hat schließlich ihren Preis.
Nun, heute ist Quidi in Höchstform. Er schafft gewissenhaft neue Gedächtnislöcher. Das, was an Substanz von ihm ausgehöhlt wird, fließt als klebriger Brei aus der Nase. Ah ja, er muß heute Geburtstag haben, deshalb ist er so eifrig bei der Sache. Den wievielten hab ich vergessen. Genauso, wie ich vergessen hab, wie lange ich eigentlich in der Wanne gesessen bin, bis Quidi müde geworden ist die Scheren zu schwingen.
Ja, Quidi macht keine halben Sachen.
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