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geschrieben am: 12.06.2002 um 12:51 Uhr
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Ich weiß nicht, wie es ist, gesund zu sein. Aber ich stelle es mir schön vor. Kein Husten, keine Anfälle, man kann herumtoben und essen was und wie viel man will, man kann zur Schule gehen und Freunde treffen. Ich bin mit irgendeinem Defekt in den Organen geboren. Es gab mal eine Zeit, da konnte ich sogar halbwegs normal leben. In die Schule gehen und lachen und so. Aber meistens lag ich nur zu Hause im Wohnzimmer auf dem Sofa, in die Lila-Blümchen-Decke eingewickelt und eine erkaltete Tasse Tee in der Hand. Den ganzen Tag lag ich dort und starrte den braunen Fleck an der Decke an, von dem es bei starken Regen regelmäßig hinuntertropfte. Fast immer war ich morgens ab sieben Uhr allein, wenn mein Bruder zur Schule ging, bis spätestens zwei, wenn Tom zurückkam. Um drei folgte dann Vater von der Arbeit und abends um sieben kam Mama, pünktlich, um Abendbrot zu machen und sich Vaters bis dahin längst betrunkenes Gejaule anzuhören. Öfters habe ich mich dann ans Fenster gesetzt und die Leute auf der Straße beobachtet. Inzwischen kann ich das nicht mehr. Ich kann gar nichts mehr. Ich liege nur noch im Krankenhausbett und denke nach. An der Wand hängt ein geschmackloses Bild von irgendeinem unbekannten Maler. Die roten, zerlaufenen – vermutlich hat der Kerl das Bild im Regen gemalt - Farben erinnern mich an den Sonnenuntergang und das Blut von jenem Tag, als Tom ausrastete. Ich will das hier gar nicht schreiben, ich hab echt keinen Bock darauf, aber irgendwer muss es doch tun. Irgendwer muss es aufschreiben, damit es nicht in Vergessenheit gerät. Ich darf es nicht vergessen. Ich werde jede qualvolle Bewegung stumm ertragen, um für meine Sünden zu büßen. Ich habe versprochen, dass ich es nicht vergesse. Ich habe versprochen, meinen Bruder immer lieb zu haben. Also, angefangen hat Alles, als mein Vater arbeitslos wurde. Er hockte den ganzen Tag nur noch wie ich zu Hause und wusste nichts mit seiner Zeit anzufangen. Ich war halt die einzige, die ihm Gesellschaft leisten konnte und weil Mama ihn schon vor langem aus dem Schlafzimmer verwiesen hatte, ließ er seine perverse Geilheit an mir aus. An jenem oben erwähnten Tag kam Tom früher aus der Schule und wollte mich überraschen, indem er durchs Fenster in mein Zimmer kletterte, wie er es oft tat. Ich schimpfe immer mit ihm, wenn er das macht. Einmal hat er den Halt verloren und ist in die Brenneseln geplumpst, danach war seine Haut ganz rot und geschwollen und ich musste ihn mit Salbe einreiben. Als er noch kleiner war, hat er oft solche Verrücktheiten gemacht. Ich habe ihn dann immer getröstet. Doch jetzt ist er viel stiller, in sich gekehrter, wortkarger. Er schaut an mir vorbei in die Leere und grübelt die ganze Zeit über irgendwas nach. Und plötzlich grinst er mich schelmisch an und erzählt was Lustiges, um mich, von seinem düsteren Gehabe auch ganz düster geworden, wieder aufzumuntern. Ich liebe meinen Bruder. Wirklich. Ohne ihn könnte ich nicht leben. Wir stehen uns so nahe wie ein Hund mit zwei Köpfen, sagt er oft. Und es stimmt. Manchmal haben wir sogar den gleichen Gedanken und wir wissen immer, was der andere fühlt. Ich liebe meinen Bruder. Vielleicht sogar ein bisschen zu sehr, denke ich manchmal. Das zwischen uns ist nicht das, was andere als „Geschwisterliebe“ bezeichnen. Er sieht gut aus, müsst ihr wissen. Ich bin wohl einfach verliebt, trotz der Dummheiten, die er immer anstellt. Ich habe immer nur gelegen. Gelegen, gelegen, gelegen, bis ich platt wie eine Flunder war und mit dem Holz unter mir gänzlich verschmolzen. Ich wurde braun wie der Stoff und passte ich einmal nicht auf, schwupps!, setzt sich jemand auf mich. Tom hat mir oft Geschichten erzählt, wenn ich nachts nicht schlafen konnte. Und ich konnte selten schlafen. Jede Nacht hat er sich ein neues fantastisches Abenteuer ausgedacht, dass wir zusammen erleben. Damals, als es mir besser ging und ich ein Jahr die Schule besuchte, war ich unglaublich schlecht in Mathematik. Verdammt unlogisch, das Fach. Jedenfalls hatten wir eine Arbeit geschrieben und danach war für eine halbe Stunde die Tasche des Lehrers mit den Arbeitsheften verschwunden. Ich habe die beste Arbeit der Klasse geschrieben. Aber irgendwer hat Tom dabei beobachtet, wie er die Tasche gemopst hat und ihn verpfiffen. Er bekam eine Verwarnung und musste einen Monat lang den Hofdienst machen. Das ist wahre Liebe! |
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