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geschrieben am: 10.10.2002 um 19:46 Uhr
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(zitat)[…..]Ich saß rechts von Dir und Deine Nähe ließ mich noch ziemlich kalt. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn für die Entdeckung, die mich einige Wochen später heimsuchen sollte, brauchte es einen besonderen Ort; dieser musste von Jemanden ausgesucht werden, der Deine Funktion erfüllte, bis Du geboren würdest, und sie offenbar auch nach Deinem Tod erfüllen wird. Denn Du bist- aus einem mir unverständlichem Grund- endlich wie ich, obwohl das meine Vorstellungskraft übersteigt.[…..]
[…..]Wir tranken zusammen vier Liter Bier und gingen zum fünften über. Du hast mich gefragt, wieso ich tinke. Ich antwortete, dass ich aus dem gleichen Grund trinken würde wie Du.Du sagtest, Nein, das könne nicht sein, daraufhin fragte ich warum Du denn überhaupt trinkst.Du hast gesagt:“Ich trinke, weil mein Leben misslungen ist.“ Ich erkundigte mich, wie Du dass jetzt schon wissen könntest. Du hast erwidert, Du wissest es eben und fertig. Ich war einverstanden und beschloß, dass mein Leben ebenfalls misslungen sei. Das schuf sofort eine gewisse Nähe zwischen uns. Da saßen wir, zwei junge, schöne Menschen, für die sich niemand interessierte, deren Leben misslungen war.[…..]
[…..]Du hast dann vorgeschlagen das Lokal zu wechseln. Diese Nacht hatte von Anfang an etwas besonderes: Es war, als würde sie kein Ende nehmen. Vielleicht tut sie das auch nicht, ich lebe noch und sitze immer noch mit Dir im Restaurant, trinke Bier und weiß nichts von dem was kommt. Wir gingen durch lange, dunkle Straßen. Die Dunkelheit dieser Straßen kam mir vor wie die Verdunkelung im Theater vor Beginn der Aufführung: Jeden Moment musste sich der Vorhang meiner Einsamkeit heben und auf der Bühne…Ja was würde dann auf der Bühne erscheinen? Vielleicht ein Mädchen, in modischem Schwarz gekleidet, in kniehohen Stiefeln, mit dem man Jemanden erschlagen kann, wenn man damit wirft. Ein Mädchen, das Grimassen schneidet und von Wodka und der Küche erzählt .War ich das etwa? Nein, das war die, die mit Dir durch die dunklen Straßen ging, aber das war nicht ich. Ich bin erst einige Wochen später aufgetaucht, auf dem Felsen unter dem griechischem Sternenhimmel. Was ich dort entdeckte., hat sie zu mir gemacht, diese Distanz war nötig. Der hochgezogene Vorhang hätte nur das enthüllen können, was nicht da war, und was nicht da war, konntest Du nicht sehen. Deshalb bist Du mit ihr gegangen- nicht mit mir.
Ich fuhr weg, und hinterher konnte ich gar nicht glauben, dass das wirklich passiert war. Kaum warst Du aus meinem Blickfeld verschwunden, erfasste ich die ganze Außergewöhnlichkeit dessen, was geschehen war- aber was genau daran das Außergewöhnliche war, konnte ich nicht sagen. Während es sich ereignete, hatte es den Anschein, als würde es noch oft geschehen; doch als das Taxi anfuhr und ich mich von Dir und der Kneipe entfernte, begann sich auch das Geschehene von mir zu entfernen, schneller als das Auto fuhr. Selbst wenn ich das Taxi hätte wenden lassen, ich hätte nicht mehr daran zurükkehren können. Ebendeshalb frage ich mich immer, wenn ich mich an unsere Begegnung erinnere: Ist es wirklich geschehen? Hätte es nicht die Hoffnung auf Rückkehr gegeben, die lange, starke, verzweifelte Hoffnung, die erst vor fünfundzwanzig Tagen mit mir gestorben ist, dann wäre unsere Begegnung verschwunden, ohne eine Spur in der Kneipe oder sonstwo zu hinterlassen, als hätten nicht wir, sondern die Schatten an jenem Abend miteinander geredet.[…..](/zitat)
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