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geschrieben am: 09.09.2002 um 21:13 Uhr
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Die Hölle
Kurzum, in einem hohen Höllensaal
Fand ich den Richter Rhadamantes thronen,
Wild Funken sprühend wie ein Feuerofen,
Weit auf die Augen, Ohren scharf gespitzt,
Im Reden scharf, verschlagen beim Gehör,
Schwarz wie die Nacht, wenn er sein Herz eröffnet:
Ein würdiger Herr der höllischen Gemächer.
Vor Ihn muss die verdammte Seele treten;
Und wenn er ruft: „Auf! Bring mir die und jene!“
Dann dröhnt ein schwerer, grober Hammer dumpf
Mit Wucht auf ein verriegeltes Portal,
Das jeder Turm der Schandherberge wankt.
Und im Verließ liegt keine arme Seele,
Die nicht beim Klang zittert und bebt
Wie Eichenblatt und Espenlaub im Wind;
Selbst die gefassteste ergreift ein Grauen,
Muss sie zu diesem Seelenfänger gehen.
Dann kommt ein Büttel, ruft und holt diejenige,
Die der Richter verlangt. Und sie tritt vor,
Und naht sich ihm mit Zittern, matt und bleich.
Er sieht sie an und mäßigt gleich und dämpft
Die schrille Stimme, und mit falscher Milde
Spricht er sie an: „Komm her, ich bitte dich,
Gib mir bescheid von jener Missetat.
Ich glaub dir gern, du selbst hast nichts getan,
Warst immer brav und hast dich gut gehalten;
Doch jene Lotterbuben möchte ich kennen,
Die mit dir dieses heiße Spiel getrieben;
Nur frisch heraus! Meinst du; wir ziehn das Fell
Dir über beide Ohren? Nenn den Sünder,
Und gleich wirst du aus unsrer Hand befreit.
Was hilft es dir, den Mund fest zu verschließen,
Außer dich selbst hier unten einzuschließen?
Wenn du wahr sprichst versprech und schwör ich dir
Beim hohen Himmel, den ich niemals seh
Der Höllenkerker gibt dich wider frei,
In seligen Gefilden wirst du wandeln
Wo Freiheit jeden Geist labt und belebt,
Der sich entschloss, die Wahrheit zu bekennen.
Ist demnach nicht besser, du bekennst,
Als tausendfache Pein und Schmach zu dulden?
Gewiß doch! Und verlogen scheinst du nicht,
So ehrlich ist deine Physiognomie,
Wer dir was täte, wär` ein arger Schuft
Sprich zu, hab keine Angst!“ Die süßen Töne
Erinnern an den Vogler auf dem Feld,
Der wunderbar sein Pfeifchen klingeln lässt,
Bis ihm ins Garn das dumme Vöglein geht,
Das der Lockruf um Leib und Leben bringt.
So wird die arme Seele auch geprellt,
Wenn sie sich zum Geständnis locken lässt:
Auspeitschen, hängen lässt sie Rhadamantes;
Beißt sie die Zunge, hält das Wort zurück,
Entgeht sie oft der Strafe um den Tod.
Bisweilen freilich, wenn er sehen muss,
Daß er die Seele gütlich nicht gewinnt,
Wird er gewaltig gegen sie ergrimmt,
Und so lässt er sie, je nach Verschuldung,
Die er vermutet, in die tiefste Höllentiefe
Hinabstürzen, und Adern dort und Sehnen
Ihr in die Länge ziehen um zu erproben,
Ob ihr die Folter nicht erpressen kann,
Was sie sich gütlich nicht entlocken ließ.
Ach liebe Freunde! Viele Martyrien musst ich sehn,
Daß mir das Mitleid schwer das Herz bewegte!
Ich bitt euch drum, beklagt mit mir zusammen
Die Unschuld, die an solch verfluchten Orten
Man zwingt den Platz der Schuld oft einzunehmen.
Clèment Marot
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