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es gibt kein vorher oder nachher

Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 12.09.2002    um 14:27 Uhr   

Ich bin das schönste Mädchen auf der Welt, aber das weiß niemand außer mir.
Ich schreie es den anderen täglich ins Gesicht, doch sie glauben es nicht, und sie glauben auch nicht, dass ich es glaube. Ich glaube es ja selbst nicht.
Heute ist wieder Montag. Ich wache auf und meine Glieder sind mit Bindfäden ans Bett gefesselt. Selbst wenn ich wie verrückt zerre, kann ich mich nicht bewegen. Ich schneide mir nur ins eigene Fleisch. Und das tut weh. Also liegen bleiben.
Irgendwann schaffe ich es doch. Das erste, was ich wirklich sehe, nachdem ich mir die Hinterlassenschaft des Sandmanns aus den Augen geschaufelt habe, ist ein Monster. ZU Anfang bin ich ziemlich erschrocken. Dann erkenne ich, dass es nur mein Spiegelbild zu sein scheint. Das passiert mir jeden Morgen. Irgendwo in meinem Leben habe ich meine Identität verloren und brauche seitdem lange, um mich zu erkennen. „Oh. Das ist ja mein Gesicht. Was für ein Zufall, dass wir uns heute treffen.“ Man sieht mir die schlaflose Nacht wieder an. Ich habe nicht geschlafen. Ich habe nicht geträumt. Müde? Nach dem Schock nicht mehr. Wach? Ich bin niemals wirklich wach. Es ist ein schmaler Grat zwischen Wirklichkeit und Illusion, auf dem ich wandere. Es gefällt mir dort. Während ich mich selbst anstarre, überlege ich, welches Gesicht ich diesmal aufsetze. Das ist das Positive an der Identitätslosigkeit. Du hast die Wahl zwischen allen möglichen Gesichtern, und wenn du des einen überdrüssig wirst, nimmst du ein anderes.
Heute wird es kalt. Das sagt mir zum einen das Gefühl des Winters in meinen Eingeweiden, zum anderen der Blick aus dem Fenster und drittens der Wetterdienst. Also das zerzauste mit dem mürrischen Gesichtsausdruck. Danach schnell die Haare kämmen, die Zähne schrubben und Blut ins Waschbecken spucken, die Schultasche einräumen und registrieren, dass ich die Hausaufgaben wieder vergessen habe. Nun ja, vergessen kann man nicht sagen. Ich hatte Besseres zu tun. Mich mit der Dunkelheit anfreunden beispielsweise. Die Finsternis ist ein guter Kumpel. Du kannst dich immer darin verkriechen und wohl fühlen. Es gibt keine Emotionen dort. Keine brüllenden Menschen. Keine blutigen Leichen. Kein Vorher oder Nachher.
[...]

Rhia

dies ist der anfang meiner autobiografie. es geht noch weiter, aber der rest ist unbrauchbar. eigentlich sollte es ein roman werden, aber es wird eine liste, was ich alles falsch gemacht habe.


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Nutzer: Raweika
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geschrieben am: 13.09.2002    um 14:23 Uhr   
Beim Lesen fällt mir auf, dass es nur so aus Dir "heraussprudelt" und dass Dir das Schreiben viel bedeutet. Der Inhalt macht aber sehr nachdenklich und man ist fast versucht, Mitleid mit Dir zu bekommen, obwohl das sicher überhaupt nicht Deine Absicht war. Deswegen beschränke ich mich auch darauf, zu sagen, dass der Text trotzdem lebendig wirkt.

lieber Gruss

Weika
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Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 13.09.2002    um 20:12 Uhr   
vielen dank.
das ist wirklich mal eine wertvolle kritik.
es geht ja noch weiter und der nächste satz lautet:
"es ist nicht so, dass ich ein unglückliches mädchen wäre..."

vielleicht veröffentliche ich den rest irgendwann auch mal.
schaun wa ma.

Rhia
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Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 13.09.2002    um 20:14 Uhr   
Es ist nicht so, dass ich ein unglückliches Mädchen wäre. Aber es fällt schwer, zu erklären, was falsch an mir ist. Und falsch ist auf jeden Fall etwas.
Heute in Philosophie diskutieren wir über einen englischen Mann namens Locke. Scheint ein helles Bürschchen gewesen zu sein. Ich melde mich oft. In diesem Fach rechne ich mit einer Eins im Zeugnis. Ganz zum Schluss schreibt unser Referendar drei große Worte an die Tafel, über die wir schon lange sprechen, denn unser Thema heißt Identität. Wie passend, nicht? Ich erfinde mich selbst neu in den ausgeklügelten Thesen, die ich jede Woche Donnerstag zwei Stunden lang aufstelle. Er schreibt:
WER BIN ICH?
Das ist eine gute Frage. Eine Frage, die ich mir auch oft stelle. Nun, guten tag, ich bin Linda. Linda-Maria Christina Wirthmann, um genau zu sein. Würde ich mich zum Psychater trauen, lautete die Diagnose vermutlich typische Borderline-störung.
Auch sonst bin ich ziemlich abgedreht. Ich bezeichne mich selbst als new dark hippie.
Die neue Generation der Blumenkinder. Noch sind wir nicht ausgestorben. Noch kämpfen wir gegen die Maschine. Noch laufen wir barfuß durch den Regen.
Ich versuche, Anziehsachen zu tragen, die niemand sonst anzieht, aber das ist schwer. Ich bin eher der unauffällige Typ. Nur kein Augenmerk auf sich richten. Trotzdem gelingt es mir manchmal. So, was gibt es noch über mich zu erzählen? Ich mag nicht viele Sachen, aber ich schreibe und lese gerne. Ich lese wirklich in horrenden Ausmaßen. Und unglaublich schnell. Erst dachte ich, ich tue es, weil es mir Spaß macht, aber heute beim Holzstapeln kam mir die Erkenntnis. ( Unser Dachstuhl wurde letztes Jahr erneuert, da wir einen unerwünschten Untermieter namens Dr. Holzbock hatten. Seitdem gibt es immer Futter für den Kamin.) Ich lese, um mich zu verstecken. Das ist eine ziemlich kluge Taktik. Man flüchtet in die Seiten, zwischen die Zeilen, bis man selbst zu den gedruckten Lettern gehört. Man vergräbt sich in fremden Welten, die seltsamerweise immer besser als die eigene sind. Die Protagonisten bleiben Helden, egal wie viele Niederlagen sie einstecken müssen. Egal wie oft sie verlieren, es wird doch weiter- gelesen. Mein großes Vorbild ist Sylvia Plath, die mit dreißig Jahren Selbstmord beging. Irgendwie ist mir das wichtig. Sie war nicht irgendeine Autorin. Die Helden in ihren Geschichten sind keine Helden. Ganz und gar nicht. Und sie erleben meistens genau das gleiche wie wir. Sie finden auch nicht immer eine Lösung auf ihre Probleme, kein Happy-end im Sonnenuntergang. Nur die Tatsache, dass einige wenige Worte über sie geschrieben werden, lässt sie privilegiert erscheinen. Und es gibt etwas, an das sie sich klammern können. Manchmal die Liebe, manchmal der Schmerz, manchmal der Wahnsinn. Ich bin nicht verrückt genug, um in die Klinik eingewiesen zu werden. Ich bin nicht mutig genug, mir die Pulsadern aufzuschneiden.
Doch zurück zur Frage. Wer bin ich?
Ich bin ich bin ich.
Diese Frage ist für mich nicht beantwortbar. Früher war ich noch irgendjemand. Die Tochter meiner Mutter. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher. Ich bin nicht mehr vierzehn. Ich habe das Leid von tausend Frauen auf mich genommen, und zusammen sind wir unbeschreiblich alt. Heute bin ich Lyrabell, das kleine Kind ohne Orientierung, dass viel Liebe und Zuwendung braucht. Ich hocke in der Ecke und fürchte mich. Morgen bin ich Georgine, die widerliche sarkastische Zicke. Und ein anderes mal die unüberlegte, dichtende rhiannon. Aber wenn ich all diese Personen, die ihn mir hausen, verscheuche. Was bleibt dann übrig?


Rhia
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Nutzer: Lilias
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geschrieben am: 13.09.2002    um 22:43 Uhr   
wuerde ich diese zeilen in einem brief lesen, vielleicht wuerden sie mir gefallen. es ist etwas darin, das mich anspricht, das bekannte »lebensgefuehl«, der unbedingte wunsch, besonders, anders zu sein. ehrlichkeit und der versuch, mit ein bisschen ironie&biss das eigene - tragisch-dramatisch-komische - schicksal zu schildern. der wunsch nach selbstdarstellung mag in jedem vorhanden sein, in dieser form, an »alle« gerichtet, scheint er mir ordinaer&widerlich. abstossend.
vielleicht ist es nicht einmal wichtig, an wen man sich richtet und wem man sich oeffnet. allein, »jemanden« zu haben, mit dem man weltbild&selbstverstaendnis in gewissem umfang teilt, enthebt das geschriebe, alle gewisperten vertraulichkeiten, der plattheit& des ekelerregenden gestanks.

ich wuensche dir jemanden, der »dich« teilt.

auf bessere zeiten,
Lilias.
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Nutzer: nandris
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geschrieben am: 13.09.2002    um 23:16 Uhr   
das mit dem »teilen« kann man falsch verstehen.

schneid-bren-ner...,

xxx
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Nutzer: Lee_Shaolung
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geschrieben am: 14.09.2002    um 01:58 Uhr   
rhia...

ich finde das was du geschrieben hast auf seine eigene schmerzlich-bekannte weise wunderschön...

diesmal von rhia
bezauberte Lee
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Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 14.09.2002    um 06:57 Uhr   

es ist schon seltsam. mein leben ist eigentlich sehr normal, aber wenn man alle "normalen" dinge wegnimmt, bleibt ein suicider roman der klingt, als würde ich jeden augenblick verrückt werden (wenn ich das nicht schon bin)
ich freue mich, dass es euch gefällt.
danke für den tip, mindi.
lilas, ich muss zugeben, ich verstehe nicht ganz was du meinst. (ick dummerlieschen) einerseits scheitn es dir zu gefallen, andererseits findest du es ekelig, dass ich mein leben mit anderen teile?
vielleicht brauche ich einfach anerkennung.
jemanden, der mich versteht und mich einfach nur in den arm nimmt, ohne mehr zu verlangen oder geben zu wollen. soclhe menschen sind schwer zu finden, wie einige vielleicht wissen. und ich schätze eure meinungen, ich wünsche mir, dass ihr diejenigen seid, die einfach nur sagen "schön geshrieben, da oder da würd ich noch was ändern. ich kenne das gefühl." mehr will ich ja gar nicht.

Rhia
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Nutzer: Gast_BlueLama
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geschrieben am: 14.09.2002    um 12:02 Uhr   
@Rhiannon


Gutes Schreiben loest Betroffenheit aus und regt zur Reflektion an. Einige Kommentare lassen darauf schliessen, dass ich nicht voellig daneben liege.;-)


lieber gruss und alles gute

lama
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"Autor"  
Nutzer: Lee_Shaolung
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geschrieben am: 14.09.2002    um 12:56 Uhr   
du hast recht rhia... solche leute sind schwer zu finden... und auch wenns vielleicht nicht hilft... wenn du mal reden möchtest... ich hab immer ein offenes ohr...

Lee
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Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 14.09.2002    um 12:57 Uhr   

es befreit, sich alles von der seele zu schreiben.
und es macht auch dinge klar, die einem vorher gar nicht bewusst waren. zum beispiel die bindfäden. das habe ich vorher nie so gesehen, aber es stimmt.

Rhia
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Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 14.09.2002    um 13:00 Uhr   

danke lee, das ist wirklich lieb.

Rhia
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"Autor"  
Nutzer: GNI
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geschrieben am: 14.09.2002    um 14:02 Uhr   
ICh erkenne mich in folgenden Zeilen selbst wieder:

Ich bin eher der unauffällige Typ. Nur kein Augenmerk auf sich richten. Trotzdem gelingt es mir manchmal. So, was gibt es noch über mich zu erzählen? Ich mag nicht viele Sachen, aber ich schreibe und lese gerne. Ich lese wirklich in horrenden Ausmaßen. Und unglaublich schnell.

Aber ich hab keine ahnung was mir der Psychater sagen würde..
Ich seh mich als Punk- aber unauffällig ich protestiere gegen alles und jeden - will aber dabei nicht auffallen (irgendwie paradox oder?)
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"Autor"  
Nutzer: Rhiannon
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geschrieben am: 14.09.2002    um 14:53 Uhr   

wir menschen sind alle grundverschieden aber auch irgendwie gleich. schön, dass du dich mit dem inhalt identifizieren kannst. dann gibt mir das gefühl, nicht ganz abgehoben zu sein.

Rhia
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"Autor"  
Nutzer: GraniaDali
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geschrieben am: 12.11.2002    um 15:24 Uhr   
Hi Rhia!
meine meinung kennst du ja schon... ich finds schade, dass du nicht weiter schreibst oder machst du das jetzt doch?? nur halt das mit der note( hast du hier ja nicht veröffentlicht) klang halt nen bisschen eingebildet... aber du schreibst sowieso total gut (werd nicht zu eingebildet*g*)
GraniaDali
ps.:werd das foto dann morgen nachmachen lasssen, weil ich heut noch englisch lernen darf*gäääähn*
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