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geschrieben am: 13.09.2002 um 20:14 Uhr
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Es ist nicht so, dass ich ein unglückliches Mädchen wäre. Aber es fällt schwer, zu erklären, was falsch an mir ist. Und falsch ist auf jeden Fall etwas.
Heute in Philosophie diskutieren wir über einen englischen Mann namens Locke. Scheint ein helles Bürschchen gewesen zu sein. Ich melde mich oft. In diesem Fach rechne ich mit einer Eins im Zeugnis. Ganz zum Schluss schreibt unser Referendar drei große Worte an die Tafel, über die wir schon lange sprechen, denn unser Thema heißt Identität. Wie passend, nicht? Ich erfinde mich selbst neu in den ausgeklügelten Thesen, die ich jede Woche Donnerstag zwei Stunden lang aufstelle. Er schreibt:
WER BIN ICH?
Das ist eine gute Frage. Eine Frage, die ich mir auch oft stelle. Nun, guten tag, ich bin Linda. Linda-Maria Christina Wirthmann, um genau zu sein. Würde ich mich zum Psychater trauen, lautete die Diagnose vermutlich typische Borderline-störung.
Auch sonst bin ich ziemlich abgedreht. Ich bezeichne mich selbst als new dark hippie.
Die neue Generation der Blumenkinder. Noch sind wir nicht ausgestorben. Noch kämpfen wir gegen die Maschine. Noch laufen wir barfuß durch den Regen.
Ich versuche, Anziehsachen zu tragen, die niemand sonst anzieht, aber das ist schwer. Ich bin eher der unauffällige Typ. Nur kein Augenmerk auf sich richten. Trotzdem gelingt es mir manchmal. So, was gibt es noch über mich zu erzählen? Ich mag nicht viele Sachen, aber ich schreibe und lese gerne. Ich lese wirklich in horrenden Ausmaßen. Und unglaublich schnell. Erst dachte ich, ich tue es, weil es mir Spaß macht, aber heute beim Holzstapeln kam mir die Erkenntnis. ( Unser Dachstuhl wurde letztes Jahr erneuert, da wir einen unerwünschten Untermieter namens Dr. Holzbock hatten. Seitdem gibt es immer Futter für den Kamin.) Ich lese, um mich zu verstecken. Das ist eine ziemlich kluge Taktik. Man flüchtet in die Seiten, zwischen die Zeilen, bis man selbst zu den gedruckten Lettern gehört. Man vergräbt sich in fremden Welten, die seltsamerweise immer besser als die eigene sind. Die Protagonisten bleiben Helden, egal wie viele Niederlagen sie einstecken müssen. Egal wie oft sie verlieren, es wird doch weiter- gelesen. Mein großes Vorbild ist Sylvia Plath, die mit dreißig Jahren Selbstmord beging. Irgendwie ist mir das wichtig. Sie war nicht irgendeine Autorin. Die Helden in ihren Geschichten sind keine Helden. Ganz und gar nicht. Und sie erleben meistens genau das gleiche wie wir. Sie finden auch nicht immer eine Lösung auf ihre Probleme, kein Happy-end im Sonnenuntergang. Nur die Tatsache, dass einige wenige Worte über sie geschrieben werden, lässt sie privilegiert erscheinen. Und es gibt etwas, an das sie sich klammern können. Manchmal die Liebe, manchmal der Schmerz, manchmal der Wahnsinn. Ich bin nicht verrückt genug, um in die Klinik eingewiesen zu werden. Ich bin nicht mutig genug, mir die Pulsadern aufzuschneiden.
Doch zurück zur Frage. Wer bin ich?
Ich bin ich bin ich.
Diese Frage ist für mich nicht beantwortbar. Früher war ich noch irgendjemand. Die Tochter meiner Mutter. Aber jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher. Ich bin nicht mehr vierzehn. Ich habe das Leid von tausend Frauen auf mich genommen, und zusammen sind wir unbeschreiblich alt. Heute bin ich Lyrabell, das kleine Kind ohne Orientierung, dass viel Liebe und Zuwendung braucht. Ich hocke in der Ecke und fürchte mich. Morgen bin ich Georgine, die widerliche sarkastische Zicke. Und ein anderes mal die unüberlegte, dichtende rhiannon. Aber wenn ich all diese Personen, die ihn mir hausen, verscheuche. Was bleibt dann übrig?
Rhia |
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