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geschrieben am: 09.01.2003 um 10:56 Uhr
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Es war einmal – oder wird einmal sein – da lebte zum Fuße des Spindelgebirges, wo die ewigen Schroffen der Felsnadeln den Bauch des Himmels pieksen, der letzte Held. Der letzte Held hielt nicht viel von schweren Rüstungen, seien sie aus Silber oder nur aus Eisen. Es lag daran, daß ihm nicht eine passen wollte. Er hielt auch nichts von Lanzen oder Schwerter, denn sie waren viel zu schwer. Der letzte Held war ein kleiner Junge.
Und eines Tages setzte er sich Mutters Puddingschüssel auf den Kopf. Den Pudding hatte er natürlich vorher aufgegessen. Er setzte sich also die Puddingschüssel auf den Kopf, nahm Großvaters Gehstock mit dem Knauf, der ein Adlerkopf war; und machte sich auf den Weg. Er lief schnurstracks aus dem haus und weiter ins Dorf hinein, denn er wußte: hinter dem Dorf begann die gefährliche, weite Welt. Und genau da wollte er hin. Alle Helden wollen da hin. Als er aber durch das Dorf kam, wo gerade Markttag war, da hätte er fast schon vergessen, daß er in die Welt wollte, denn was gab es da nicht alles für herrliche Dinge zu sehen! Da war ein Gaukler, der mit bunten Bällen jonglierte, ein Stelzenläufer – der wurde verfolgt von einer Horde Dorfjungen, die ihm nur zu gern die Stelzen angesägt hätten. Da gab es aufregende Stände mit allerlei Erstaunlichem, Spielzeug und Süßigkeiten; und ein Stück weiter hinten boten die Händler ihr Vieh zum Verkauf an. Da waren Ziegen, Schafe, Kühe, Hühner und Rösser. Als der letzte Held hier hinkam, blieb er stehen und strich sich nachdenklich über das Kinn, obwohl er gar keinen Bart hatte, den er hätte kraulen können. Ein Pferd war eine feine Sache, und hatten nicht alle Helden zumindest irgendwann auf einem Teil ihrer Reise ein Pferd bei sich? Ein Pferd konnte schneller und weiter laufen als man selbst, und in kalten Nächten auf unheimlichen Feldern war es eine gute Gesellschaft. Nur gab es da ein Problem. Der letzte Held besaß nichts als seine Puddingschüssel und den Gehstock seines Großvaters, und davon konnte man so ein Pferd kaum bezahlen. Außerdem hätte er dann ja keine Rüstung und kein Schwert mehr gehabt. Seufzend ging der letzte Held weiter, an den Reihen mit den Rössern vorbei, und versuchte nicht hinzusehen. Natürlich sah er trotzdem hin, heimlich, aus den Augenwinkeln. Ganz am Ende der Verschläge stach ihm ein Roß aber besonders ins Augenmerk, und er hielt inne, um es zu betrachten. Es war das klapprigste Pferd, das er je gesehen hatte. Es war knochig, seine Beine waren schief, seine Hufe sahen aus wie Plattfüße, die Unterlippe hing lustlos herunter wie bei einem alten Mann, der zu viel auf Strohhalmen gekaut hatte. Es schniefte triefäugig – und es hörte sich an, als stöhnte es. „Hallo“, sagte der letzte Held verwundert.
Das Pferd drehte ihm den Kopf zu und zuckte mit einem ausgefransten Ohr. Es betrachtete den letzten Helden, und nach einer Weile sagte es: „Hallo. Wer bist du?“
Der letzte Held straffte sich und strahlte das Pferd an. „Ich“, sagte er. „Ich bin der letzte Held.“ Dann fügte er nach einem Moment neugierig hinzu: „Und du?“
Als das Pferd seufzte, sah es aus, als wollte es gleich in sich zusammenfallen. „Ich bin der letzte Ackergaul“, gab es etwas gedehnt von sich, und eines der trüben Augen beobachtete den Helden sehr aufmerksam.
„Oh“, meinte der letzte Held, dem nichts Besseres einfiel. Dann kam ihm aber in den Sinn, daß er gerne einen Begleiter gehabt hätte, und obwohl dieses Pferd sicherlich nicht sehr stattlich aussah, eine gute Gesellschaft gab es allemal ab. Er fragte: „Möchtest du mich begleiten? Ich ziehe in ein Abenteuer!“
Der letzte Ackergaul legte den Kopf schräg und kaute auf seiner Unterlippe. „Das hört sich sehr anstrengend an.“
Der letzte Held wollte protestieren, aber seine Gedanken brachten nicht ein einziges gutes Gegenargument zustande. „Na ja“, meinte er, „aber du mußt dann nicht mehr auf dem Acker den Pflug ziehen. Du müßtest mich nur tragen und dich mit mir unterhalten.“ Von der gefährlichen, weiten Welt sagte er nichts. Er hatte selbst nur sehr undeutliche Vorstellungen davon, wie es dort aussah. „Ich bin bestimmt viel leichter als der Pflug.“
In den traurigen Augen des Ackergauls glomm ein Funken von Interesse auf. Es sah so aus, als steckte doch noch ein Kern von Lebendigkeit in ihm, der sich nun durch dicke Schalen von Müdigkeit ans Tageslicht quetschte. „Hach“, machte er. „Das wäre natürlich schon eine gute Sache. Weißt du, als ich jung war, da habe ich kleine Mädchen und Jungen auf meinem Rücken durch eine Manege getragen, und es ging immer im Kreis. Als ich dann älter wurde, kam ich auf das Feld und mußte den Pflug ziehen.“ Er schüttelte sich, daß die zottige Mähne nur so in alle Richtungen geflogen wäre, wenn sie denn nicht steif wie eine Drahtbürste abgestanden hätte. „So ein Feld ist natürlich größer als ein Manege“, erklärte er. „Aber im Grunde läuft man auch da immer im Kreis. Auf die eine oder andere Art läufst du immer im Kreis.“
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