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geschrieben am: 15.10.2002 um 02:15 Uhr
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... Und wieder hatte sich die Schlinge etwas fester gezogen.
Sie fühlte sich verlassen. Als ob sie die Einzige sei, die alles durchschaut, die das System verstanden hat. Die einzige, die kapiert, worum es hier eigentlich geht...worin der Sinn liegt, hier auf dieser Erde, im Leben. Es galt seine Zeit auf Erden zu füllen, das Leben in sich einzuatmen und zu erleben; die Schönheit der Natur und die Frische der Luft zu spüren, die Energien des Seins aufzunehmen und in sich zu vereinigen. DAS war für sie Leben. Genau das. Nicht das Anpassen an dieses Raster, Pflichten erfüllen und eine Rolle spielen...die feste Rolle im Theater der Welt. Dieses tägliche Quälen, für...
...nichts eigentlich.
Sie hatte noch nie verstanden, wieso sie in der Schule Sachen hatte lernen müssen, die sie nicht interessierten und von denen sie sicher war, dass sie diese fürs Leben nicht brauchte. Lehrer wollten die Wunder der Welt in wissenschaftliche Studien quetschen und so ihren Zauber nehmen. Für sie jedoch zählte das nicht. Für sie war der Himmel blau, weil das Gras grün war und das Gänseblümchen weiß und die Sonne unscheinbar strahlte...auf alles und jeden. Sie war der Ursprung des Lebens, so viel war klar. Und nicht, so wie es für die Gesellschaft, das Elektrizitätswerk, das Geld oder Ansehen war.
In der Natur konnte man das wahre Leben entdecken. Zumindest konnte sie das.
Die anderen sagten, sie sei seltsam.
Seltsam?
Hinter dieser Aussage versteckte sich die pure Angst, die Angst vor der Enthüllung, der Wahrheit über die Geheimnisse des Lebens. Was sie sagte und fühlte konnten sie nicht nachvollziehen. Das Raster hatte sie fest im Griff. Wichtig war ihnen nur, das Ansehen der anderen, Macht, Geld und ein Muster...jeder Morgen musste gleich sein. Aufstehen, der Job, der Stress...der Zeitmangel. Und das jeden Tag. Und schon dort lag ihr größtes Problem, der Zeitmangel nämlich. Nie hatten sie nur einen Gedanken daran verschwendet, dass die Seltsame Recht haben könnte, wieso denn auch, es funktioniert doch alles sehr gut so. Wieso also aus dem Raster der Gesellschaft herauslehnen...vielleicht würden sie abrutschen und fallen.
Immer wieder fragte sich die Seltsame, wie es geschehen konnte, dass man tötet, dass man verletzt, seelisch wie auch körperlich. Dass Menschen aufgrund von Sprache oder Hautfarbe gehetzt und verbannt wurde, verstoßen und geknebelt wurden. Wer gab ihnen das recht dazu, Tiere zu töten, ökologische Systeme zu kippen und die zeit zu bestimmen?
...wer war dafür verantwortlich zu machen? Wer hatte das Recht dazu?
In ihrer Welt gab es all dieses nicht.
Aufgewachsen war sie bei einer Pflegefamilie, zu jedem Moment jedoch war sie dort fremd und einsam. Hatte nie jemanden gehabt, zum Reden...jemanden, der sie vielleicht hätte retten können. So kam es auch, dass sie nie sprach, weder in der Schule noch zu Haus. Immer war sie die Ausgestoßene, lebte in sich geschlossen und verklärt, in ihrer eigenen Welt...
Mit solchen Auffassungen wollte die Familie nichts zu tun haben und sie gaben sie zu Ärzten und Psychologen...warfen sie weg und überließen sie ihrem Schicksal.
Aber auch den Ärzten gefiel diese Weltanschauung nicht.
Genauso wenig, wie den Psychologen.
Plötzlich wurde die Seltsame zu einer Gestörten, zu einer Kranken, zu einer minderbemittelten Person erklärt...sie hatte einen Platz im Kastensystem dieser Gesellschaft bekommen, ganz am Rande.
Wäre es nicht ihre Aufgabe der Ärzte und ausgebildeten Psychologen im Raster der Gesellschaft gewesen, sie aus diesem Loch der Einsamkeit, des Unverständnisses und dieser Welt des Schweigens, in die sie sich gehüllt hatte, zu befreien? Sie in die schmerzhafte Wirklichkeit zu holen? Sie hatten es nicht getan. Denn auch sie hatten Angst vor dem Abrutschen.
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