Auf den Beitrag: (ID: 35888) sind "3" Antworten eingegangen (Gelesen: 215 Mal).
"Autor"

Der Fischer und der Mond

Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 08.11.2002    um 23:07 Uhr   


Es war einmal ein Fischer, der lebte in einer kleinen Hütte am Meer. Die Hütte war arm, aber ordentlich, und der Fischer war zufrieden, denn er hatte einen Sohn, der ihn an seine verstorbene Frau erinnerte. Als der Sohn alt genug wurde, nahm ihn der Fischer mit auf das Meer hinaus und lehrte in die Gesetze des Wassers und des Winds. Er zeigte ihm, wie man ruderte und wie man die Netze werfen mußte; und wann die beste Zeit für all das ist. Der Junge erwies sich als gelehrig, und als er älter wurde, vertraute ihm sein Vater immer öfter die gemeinsame Arbeit an. Jeden Abend saßen die beiden am Strand und betrachteten das Meer, bis es dunkel wurde. Kein Wort sprachen sie, lauschten auf den Klang des Winds in den Palmenkronen und spürten die Macht des Wassers, das seine Wellen gegen die Erde trieb. Sie blieben, bis der Mond aufgegangen war, und gingen dann zur Ruhe.

Der Junge aber besaß ein starkes, sehnsuchtsvolles Herz, das voller Liebe war für den Ozean; und so kam es, daß er keine Frau aus seinem Dorf heiraten wollte, obwohl so manche gern mit ihm kokettierte. Doch er konnte es nicht sehen, denn sein Herz schlug schon für etwas anderes. Es zog ihn immer öfter und immer weiter auf das Meer hinaus, bis sein Vater sah, daß er eines Tages nicht mehr zurückkehren würde. Denn das Boot war alt und nicht sehr groß. Eines Abends, als der alte und der junge Fischer am Strand saßen, nahm der Vater seinen Sohn beiseite und gestand ihm seine Bedenken. Der Junge sah ihn aber mit leuchtenden Augen an und antwortete: „Ich fürchte den Tod durch das Meer nicht, denn das Meer ist mein Zuhause.“

Da wußte der alte Fischer, daß er seinen Sohn nicht wiedersehen würde, er legte ihm stumm die Hand an die Schulter und so blieben sie, bis die Unruhe in dem Jungen zu groß wurde und er sich aufmachte, das Boot aufs Wasser zu bringen. In dieser Nacht blieb der Fischer auf und sah zu, wie der Umriß des Boots immer kleiner wurde, bis er mit dem dunklen Meer verschmolz. Der Mond war lange aufgegangen, und ab und an, wenn das Meer ruhig wurde, wie um sich selbst zu lauschen für einen Herzschlag lang, lag das Licht wie ein reines Antlitz auf dem Wasser und lächelte mild. Der Fischer wartete und wartete. Sein Sohn aber kehrte auch nicht zurück, als es lange schon Morgen geworden war.

Am nächsten Tag ging der alte Fischer zu seinem Nachbarn und bat ihn, sich in der Nacht dessen Boot leihen zu dürfen. Der Nachbar war erstaunt, doch verband sie eine lange Freundschaft, und so willigte er ein. Der alte Fischer wartete, bis der Mond aufgegangen war, dann sammelte er seine Netze, machte das Boot fertig und ruderte aufs Meer hinaus.

Ab und an sahen die Leute, die entweder spät heimkehrten oder früh aufstanden, den Fischer die Netze auswerfen. Er brachte indessen nie mehr einen einzigen Fisch heimwärts und lebte fortan von dem, was seine Nachbarn mit ihm teilten. Der eine, von dem er sich das Boot lieh, wunderte sich immer mehr über seinen Freund und machte sich Sorgen. Er konnte jedoch nicht herausfinden, was den Fischer bewegte. Das aber, wonach der alte Fischer die Netze auswarf in der Hoffnung, seinen Sohn ein letztes Mal zu sehen, fing er nie. Denn noch heute spiegelt sich das Licht des Mondes in den Nächten, die klar sind, auf dem Wasser.


  Top
"Autor"  
Nutzer: Rhiannon
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 04.03.2006
Anzahl Nachrichten: 348

geschrieben am: 08.11.2002    um 23:16 Uhr   

ach süße. du schreibst so schön.

Rhia
  Top
"Autor"  
Nutzer: Engelsfall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 27.09.2004
Anzahl Nachrichten: 616

geschrieben am: 09.11.2002    um 00:30 Uhr   


hab dich lieb, kleine rhia.


  Top
"Autor"  
Nutzer: nightrose
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 9122

geschrieben am: 09.11.2002    um 08:52 Uhr   

Das ist eine schöne Geschichte
Das Sterben der Seele
beginnt nicht mit dem Verlust des
Lebens, sondern mit dem Fehlen von Liebe!

Hundert Tränen gehen den Weg der Traurigkeit bevor das Wasser der Gefühle wieder klar wird

  Top