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geschrieben am: 05.03.2003 um 15:47 Uhr
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Doch bis zu diesem Punkt scheint der Weg noch sehr weit zu sein. Du fröhliches Wesen, wie konntest du nicht ahnen, dass es so weit kommen wird? Darum wirkt jedes Erzittern auf dich wie eine Schocktherapie, und du sitzt mit geschlossenen Lippen da. Dennoch lächelst du ein wenig, denn du weißt, dass jedes Zucken wissentlich oder unwissentlich das Ende deiner Freunde mit der Leichtigkeit einer schrecklich langen Minute herbeiführen kann. Willst du diesen Zustand noch lange, durch alle diese kalten Jahrhunderte durchstehen? Ich weiß, dass du es kannst, aber ich bitte dich, es nicht zu tun. Denn deine Tat sollte anderen helfen, jetzt und in dieser Minute. Ich möchte dir die Flügel verleihen, die dich und andere erlösen können. Es ist ein nicht anerkanntes Leiden, ein Allwissender unter Unwissenden zu sein, die eine Erkenntnis nicht wahrhaben wollen. Dies Wissen ist das einzige, das du jetzt unter dem Herzen trägst und mit einer gewissen Kälte und Lässigkeit vor dir herschiebst. Und es werden deine Leute sein, jene, die du als deine Freunde ansiehst, die sagen werden: »Nein, so ist das nicht! Bleib wie du bist. Gemeinsam werden wir es schon schaffen«.
Ich könnte in meiner Begrenztheit warten. Nur ist es so, dass ich das Warten mit Gefühl ausfüllen muss. Denn angeblich ist es nur ein winzig kleiner Schritt, den man tun muss, um so zu werden, wie es der Alltag von einem fordert, um so zu werden, wie eben all diejenigen, die nicht einmal ihren Kopf heben wollen und mit geschlossenen Augen durch die Welt gehen. Ein Auge ist offen, das andere schließe ich langsam. Dennoch bestehe ich darauf, auf dich zu warten, um endlich das zu vollbringen, was man nur durch Kühnheit vollbringen kann.
Erfreue dich an dir selbst, denn ich komme vielleicht mit der Zeit in Vergessenheit, was in meiner Sprache Dunkelheit bedeutet. Dann werde ich beide Augen geschlossen haben, und du wirst mich nicht mehr retten können.
Aber noch kannst du mich retten. Und das wäre eine Prüfung, die einer ganzen Kompanie zur Ehre gereichte, die alle die Menschen, die dir unbekannt sind, mit Stolz aber auch Scham erfüllte, weil sie ja so lange einzig auf Gott vertraut haben. Als wäre Gott eine Lösung, die sich ohne weiteres ergibt, ohne alles Sterben. Als würde der Verkäufer eines Fleischgeschäfts die Ware nicht mehr nur anbieten, sondern sie gleich über die Theke reichen, damit die Kunden sie sich teilen können. Sie würden sie doch nur wild herunterschlingen, um dann nach mehr zu verlangen. Wie ein sinnloses Wortgefecht, wie eine Aufführung auf einer Bühne, bei der niemand den anderen mit sich selbst konfrontiert, weil sonst das Stück zu Ende gehen könnte. Das Publikum müsste sich erheben und würde sich mit feurigen Augen etwas fragen. Dann würde es beginnen, sich immer schneller und schneller zu entfernen, um das eigene Hab und Gut zu retten. Im Garderobenraum herrscht plötzlich ängstliche Bedrängnis. Jemand verliert aus Erschrockenheit seine Brille. Ein anderer tritt darauf und bemerkt das Splittern unter seinen Füßen nicht. In ihrer Verwirrung übereilen sich die Menschen immer mehr und mehr. Ein Ehepaar, stolze Besitzer einer Firma, er trägt einen neuen Anzug, sie einen kostspieligen Mantel, verlöre in der allgemeinen Eile eine Nerzmütze und niemand würde es bemerken. Einer jungen Studentin hätte man in der Zwischenzeit mit dem Ellenbogen in den Bauch gehauen, sie litte an Atembeschwerden und müsste ins Krankenhaus gebracht werden.
Der junge Mann mit der zerbrochen Brille dagegen irrt die ganze Nacht lang durch die Straßen und weiß, dass er ohne seine Gläser die Straße nicht mehr finden wird, in der er wohnt. Er wird sein Wohnungstür nicht mehr öffnen können. Die nicht mehr erkennbare Stadt gleicht einem Zimmer, das mit Anmerkungen vollgestopft ist: Zettel mit Arztterminen, Kärtchen von Freunden, die etwas in ihrem Leben erreicht haben, notierte Telefonnummern aller Art.
So irrt er müde durch die Straßen, wie jemand, dem man alles genommen hat, und starrt die wenigen Menschen, die ihm begegnen, mit leeren, gleichgültigen Augen an. Ich weiß nicht, was mit diesem Mann geschehen ist. Ich hoffe, dass er zu seinem Recht kommt, und dass er das, was ihm verlorenging, wiederfindet.
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