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geschrieben am: 24.11.2003 um 00:58 Uhr
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Winter
(November 2003, by HeavensRevenge)
Erschöpft schloss er die Augen, ließ die Stille seiner Umgebung auf sich wirken, und schon bald wich die stumme Dunkelheit den Bildern, die das innere Auge der Erinnerung für ihn bereithielt.
Schemenhaft, wie in Nebel gehüllt, sah er sein Zuhause vor sich, das friedliche Haus seiner Eltern, das inmitten einer herrlichen Gartenanlage voller unterschiedlicher Pflanzen thronte. Etwas weiter die Straße hinauf lag der Spielplatz, auf dem er selbst vor einigen Jahren noch mit den Nachbarskindern herumgetobt war. Wie aus weiter Ferne vernahm er das Lachen und die Rufe, die dort zu eigentlich jeder Tageszeit zu hören waren. Er dachte nach. Früher hatten sie dort schwer befestigte Burgen eingenommen, Drachen besiegt und wilde Schlachten geschlagen. Traum und Wirklichkeit waren nicht unterscheidbar gewesen, und was wahr sein sollte, wurde eben wahr gemacht, doch inzwischen waren die Burgen von einst nur noch einfache Gebüsche, und einen Drachen hatte er schon lange nicht mehr gesehen, hatte einfach keine Zeit gehabt, für solche Dinge.
Er hielt seine Augen geschlossen, als er im Geiste die Straße weiter entlang wanderte. Der Anblick des Hauses verschwamm und machte neuen alten Eindrücken Platz. Er sah seine Freunde an sich vorübergehen, seine mutigen Mitstreiter von einst. Doch wie er selbst waren auch die furchtlosesten dieser Krieger erwachsen geworden, und die meisten hatten vergessen, wovon sie damals geträumt hatten. Keiner von ihnen nahm sich noch die Zeit, über Einhörner und stolze Ritter nachzudenken.
Viele Wege hatten zueinander und wieder in unterschiedliche Richtungen voneinander fort geführt. Freunde kamen und gingen, wie auch die einstmals gemeinsamen Ziele verblassten. So war es eben. Keine der Gestalten, die an ihm vorbeigingen, sprach ein Wort, aber bei den meisten entsann er sich ohnehin nicht mehr an deren Stimme. Die Zeit verlief so schnell, und teilweise wirkten die Leute auch nur noch wie Nebelwesen, verzerrt und unklar.
An der Straßenecke blieb er stehen, sah sich seinen Eltern gegenüber. Er lächelte mit geschlossenen Augen, schenkte auch ihnen ein Lächeln. Er hatte ihnen vieles zu verdanken, durch sie war er zu dem geworden, was er war. Bald jedoch setzte er seinen Weg fort, ohne mit ihnen sprechen zu wollen; er wusste, dass es nur ein Tagtraum war.
Er ging vorbei an Häusern und Gärten, indes über ihm die Sonne schien und seinen Weg erhellte. Bald passierte er eine Kastanienallee, in der das Laub und die Kastanien bereits vor Wochen gefallen waren. Der Herbst war schon vorüber, und auch wenn kein Schnee dies bestätigte, so hatte der Winter doch begonnen, während es in der Wirklichkeit Hochsommer war.
Er blieb stehen, um sich umzublicken. Je weiter er gegangen war, um so kahler war die Welt um ihn herum geworden. Ein seltsames, ja geradezu beklemmendes Gefühl machte sich in ihm breit. „Zu spät. Der Winter hat bereits begonnen!“ wisperte irgendeine Stimme über oder hinter ihm, eine Stimme, die er nicht einmal kannte. Vielleicht war es gerade das, was ihn dazu bewegte, die Augen wieder zu öffnen...
Müde sah er sich um, sah wieder die gleiche Umgebung, an die er sich in den letzten Tagen und Wochen gewöhnt hatte. Weiße Wände, ein metallen gerahmtes Bett, zu seiner Linken ein weiteres, das inzwischen schon seit gut drei Tagen leer stand. Oder seit vier? Er wusste es nicht so genau, denn er schlief oft und viel in den letzten Tagen. Er sah in Richtung Fenster und erblickte auf zwei Stühlen seine Eltern. Es dauerte einige Momente, bis er sie wirklich erkannte, doch ihr Anblick tat gut, gab wenigstens ein bisschen Kraft.
Sie schwiegen, beide, wie in seinem Tagtraum vor wenigen Augenblicken, oder waren es Stunden gewesen? Es schien, als habe er sein Zeitgefühl gänzlich verloren. „Der Winter hat begonnen“, hallte es in seinem Geist nach, und er fröstelte, während das Thermometer neben der Türe zum Flur fast dreißig Grad anzeigte. Er wollte etwas sagen, doch brachte nichts zustande. Langsam hob er seine Hand zu einer leichten Geste, ein schwaches Winken in Richtung seiner Eltern. Sie sollten wissen, dass er wach war, sollten wissen, das er sah, dass sie da waren, dass er sich darüber freute. Wieder lächelte er leicht, als sie sich von ihren Stühlen erhoben und an sein Bett traten.
Er war vor einiger Zeit ausgezogen, hatte sich eine eigene Wohnung genommen, als seine Ausbildung abgeschlossen war.
Nun lag er dort, kaum fähig, wach zu bleiben, geschweige denn etwas zu sprechen. Die Krankheit hatte ihm schon viel Kraft genommen.
--- Fortsetzung im nächsten Posting ---
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