Auf den Beitrag: (ID: 38877) sind "4" Antworten eingegangen (Gelesen: 991 Mal).
"Autor"

Ein ganz normaler Tag

Nutzer: TomWelles
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 30.01.2003
Anzahl Nachrichten: 5146

geschrieben am: 06.04.2005    um 20:35 Uhr   
Wilhelm-Tell-Straße. Wilhelm-Tell-Straße. Wilhelm-Tell-Straße. - Ja, da, auf C6. Endlich gefunden. "Also du fährst die zweitnächste links und dann die nächste rechts. Hausnummer 15." Während mein Kollege den Wagen in die Kurve legt versuche ich mich geistig ein wenig darauf vorzubereiten was bevorsteht. Sturz eines achtjährigen Jungen, der nun starke Schmerzen im Arm hat. Der Wagen legt sich beängstigend in die Kurve, doch dafür wurde er schließlich ausgerichtet. Wenige Sekunden später sind wir da. Noch schnell am Funkgerät die 4 gedrückt, so dass die Leitstelle weiß, dass wir da sind. Ich steige aus, um Rucksack zu holen, während mein Kolege sich EKG und Absaugpumpe schnappt. Noch bevor ich den Rucksack auf dem Rücken habe kommt uns eine hysterische Frau entgegen. "Kommen sie schnell! Er schreit wie verrückt. Oh man! Kommen sie bitte schnell!" Sie durchwühlt sich nervös ihre schon zerzausten Haare. "Nun bleiben sie mal ruhig und bringen sie uns zu ihrem Jungen." versuche ich die Frau zu beruhigen. Sie führt uns ins Haus, in den Flur wo der Junge verheult auf dem Boden sitzt und sich laut schreiend den Arm hält. Mein Kollege geht zu dem Jungen hin und versucht sich den Arm anzusehen und obwohl der Junge ihn festhält sieht man, dass der Arm gebrochen ist. Wir legen ihm als erstes eine Halskrause, ein sogenanntes Stiff-Neck an. "Eine Unterarmfraktur. Wie ist das denn passiert?" fragt mein Kollege den Jungen, doch der reagiert kaum. Er dreht sich zu der Mutter um. "Wie heißt er denn?" "Felix.", antwortet die Mutter mit zittriger Stimme. "Wie ist das denn passiert?", frage ich sie weiter. "Er ist wahrscheinlich die Treppe heruntergefallen. Ich war im Wohnzimmer, da hab ich diese mehreren Knalle gehört und bin sofort raus. Da lag er schreiend da.", sagt sie und muss sich dabei schwer angehen. Ich lege meine Hand auf die Schulter der Mutter. "Atmen Sie ganz ruhig durch und versuchen Sie etwas zu entspannen. Das wird doch wieder." Sie lächelt mich leicht beruhigt an. "Ich versuche es ja." Mein Kollege hat bereits die EKG-Elektroden aufgeklebt. "Puls 168, Sauerstoffsättigung 97%. Ist doch soweit alles in Ordnung." "Okay, ich hol dann mal die Schienung und du kannst dann ja noch den Blutdruck messen."
Als ich mit der Schienung aus dem Wagen steige, sehe ich auch den Notarzt samt NEF-Fahrer auf mich zu kommen. "Morgen. Fängt ja die Woche gut an, was?", grinst er mir entgegen. Ich muss lachen. "Ja, das kann man wohl sagen." Ich bringe ihn zum Jungen und er klärt mit der Mutter nocheinmal alles ab. "Der wird wohl in die Uniklinik müssen.", sagt der Arzt. "Der Blutdruck war 110 zu 70" erwähnt mein Kollege, während er dem Notarzt alles für den intravenösen Zugang reicht. Ich bereite derweil die Infusion vor und ziehe das Ketanest auf. Ein Medikament das Schmerzen lindert und in einen Patienten in einen leicht narkotisierten Zustand bringt. Es soll bisweilen auch Halluzinationen auslösen. "Das piekst jetzt mal kurz" sagt der Notarzt und legt dem Jungen einen Zugang. Es klappt auf Anhieb und mein Kollege reicht ihm die Behälter zur Blutabnahme an. Als ich mir die Personalien auf dem Notfallprotokoll notieren möchte merke ich, dass dies schon der NEF-Fahrer erledigt hat. Der Flur ist breit genug, also hole ich die Trage direkt hinein. Inzwischen hat der Notarzt das Medikament gespritzt und beginnt nun mit meinem Kollegen dem Jungen den Arm zu Schienen. Er hält eine Hand in die Armbeuge des Jungen und mit der anderen zieht er vorne an der Hand, um die gebrochenen Knochen gerade zu machen, bevor er sie schient. Der Junge merkt zwar noch ein wenig davon, aber es hält sich in Grenzen.
Nachdem der Arm per Samsplint geschient wurde legen wir den schon erschlafften Jungen auf die Trage und dann in den Wagen. Während der Fahrt bekommt er noch ein wenig Sauerstoff, die Infusion läuft mittelschnell. Der Puls geht durch das Medikament ein wenig herunter. Die Pupillen des Jungen verengen sich und er beginnt ein wenig irgendeinen Unfug von sich zu geben. Er würde fliegen, meinte er. Die Halluzinationen setzen ein.

Geändert am 06.04.2005 um 20:39 Uhr von TomWelles
"Anständigkeit ist die Verschwörung der Unanständigkeit mit dem Schweigen." George Bernard Shaw
  Top
"Autor"  
Nutzer: TomWelles
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 30.01.2003
Anzahl Nachrichten: 5146

geschrieben am: 06.04.2005    um 20:36 Uhr   
Als wir bei der Klinik sind kommt er langsam wieder ein wenig runter. Der Notarzt hatte uns zum Glück schon angemeldet und ein Unfallchirurg steht parat. Wir reichen ihm die Durchschrift des Protokolls und erklären ihm ein wenig die Situation, während wir den Jungen auf eine Kliniktrage umlageren. Danach wieder zurück zum Wagen. Im Wartebereich steht bereits die Mutter. Sie war im NEF mitgefahren. Ich wünsche ihr alles gute und sie bedankt sich recht herzlich für alles was wir getan haben. - Um eines klar zu stellen: solche Angehörigen sind eine Seltenheit.
Während wir die verbrauchten Materalien im Lager auffüllen kommt der Notarzt nochmal vorbei und verabschiedet sich. "War ja ein Einsatz nach Plan. Aber trotzdem will ich euch heute nicht mehr wiedersehen" lacht er. "Macht's gut." Wir lachen mit.
Auf der Heimfahrt übertrage ich die Daten vom Protokoll des Notarztes auf unser Protokoll, welches zur Abrechnungsstelle geht. Die Leitstelle hatte mir am Telefon eben noch Zeit und Nummer des Einsatzes gegeben und uns zum Glück auf die Wache zurück geschickt.
Plötzlich werden wir angefunkt. "Rotkreuz Mittelhessen 92/84 von Leitstelle Marburg-Biedenkopf mit Standort kommen." Ich schnappe mir den Hörer. "Hier Rotkreuz Mittelhessen 92/84, Gladenbach. Kommen." "Gut, dann setzen sie mal Sonderrechte und fahren Richtung Bad Endbach. Ich funke sie gleich wieder an. Kommen." "Verstanden. Ende." Ich drücke den kleinen Schalter auf der Armatur über dem Radio und Blaulicht samt Blitzer sind eingeschaltet. Mein Kollege drückt aufs Gaspedal und schaltet das Signalhorn ein, während wir am Marktplatz vorbeirasen und die rote Fußgängerampel überfahren müssen. Alle in der Eisdiele und an der Bushaltestelle gaffen wie blöde. An Schaulustigen mangelt es nie. Es mag ein cooles Gefühl sein mit Blaulicht entlangzuheizen und zu beginn fand ich es ganz toll, wenn alle gafften. Das gab mir irgendwie ein Hochgefühl. Doch inzwischen ist es nicht mehr so.
Einen Ort weiter funkte uns die Leitstelle wieder an. "Rotkreuz Mittelhessen 92/84 vom Leitstelle Marburg-Biedenkopf. Kommen." "Hier der 92/84. Kommen." kürzte ich ab. "Sie fahren in die Sebastian-Kneipp-Straße 24. Nicht ansprechbare Person. Kommen." "Das ist verstanden. Kommen." "Das NEF werde ich noch alarmieren. Kommen." Verstanden. Kommen." "Ende."
Dann die bekannte Tonfolge zur Alarmierung mit nachfolgender Durchsage. "Achtung! Achtung! Hier Leitstelle Marburg-Biedenkopf mit Einsatz für das NEF Wolfgruben. Internistischer Notfall in Bad Endbach, Sebastian-Kneipp-Straße. Ich wiederhole: Achtung! Achtung! Hier Leitstelle Marburg-Biedenkopf mit Einsatz für das NEF Wolfgruben. Internistischer Notfall in Bad Endbach, Sebastian-Kneipp-Straße. Durchsage Ende." Während er kurz darauf das NEF einwies waren wir schon in Bad Endbach. Da mein Kollege und ich die Straße kannten brauchte ich ihn nicht einzuweisen.
Mit Blaulicht und Horn flog er nahezu über die Landstraße und bog auch bald schon in die Zielstraße ein. 4 gedrückt, Rucksack geschnappt und hinein ins Haus. Eine weinende Frau bringt mich ins Wohnzimmer, wo wohl ihr Gatte regungslos auf dem Bauch liegt. Die Tochter steht im Zimmer, weint und zittert. "Es ist das Beste wenn sie beide rausgehen", sage ich während ich den Mann auf den Rücken drehe, doch sie reagieren nicht darauf. "Er ist einfach so umgefallen. Mein Gott, was hätte ich denn tun sollen?!" jammert die Frau. Ich denke persönlich an Erste-Hilfe, will ihr aber keine Vorwürfe machen. Ich hole Sauerstoffflasche, stelle sie auf fünfzehn Liter die Minute und den Beatmungsbeutel gebe ich meinem Kollegen. Der Mann ist schon ganz blau, aber wohl nicht viel älter als Mitte vierzig. Mein Kollege überstreckt den Kopf und beatmet ihn zweimal. Dann beginne ich mit der Herz-Lungen-Massage und drücke fünfzehn Mal den Brustkorb hinunter, nachdem ich das Hemd aufgeschnitten habe. In dieser Zeit klebt mein Kollege die Pacerelektroden an, um den Patienten defibrillieren zu können. Wir starten die Analyse auf dem EKG. Die Tochter bricht wieder in Tränen aus und beginnt laut zu weinen und zu jammern. Es gibt wohl kaum ein unangenehmeres Gefühl als so etwas zu hören. Man will ja helfen, aber meistens ist es vergeblich, wenn keine Erste-Hilfe geleistet wurde. Das EKG zeichnet eine Asystolie, eine sogenannte Nulllinie, die bedeutet, dass kein Impuls vom Herz ausgeht. Ich beginne wieder zu drücken, während mein Kollege die Intubation vorbereitet. Wieder beatmet er zweimal und ich drücke wieder. Alles sehr anstrengend, doch nicht nur physisch. Wobei die psychischen Aspekte einem erst danach bewusst werden.
"Anständigkeit ist die Verschwörung der Unanständigkeit mit dem Schweigen." George Bernard Shaw
  Top
"Autor"  
Nutzer: TomWelles
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 30.01.2003
Anzahl Nachrichten: 5146

geschrieben am: 06.04.2005    um 20:36 Uhr   
Das Atropin, welches gegen flachen Herzschlag hilft wurde von meinem Kollegen bereits während meiner mehrfachen Drückerei aufgezogen. Als der Notarzt hineinkommt verzeichnet das EKG ein Kammerflimmern. Wir fahren noch eine Analyse. Wir müssen schocken. "Achtung! Alles weg vom Patienten!" Und den Schock auslösen. Der Patient zuckt Aufgrund des Stromstoßes und die Tochter klappt zusammen. Unter dem lauten Geschreie der Mutter und der Tochter bringt der NEF-Fahrer sie ins Nachbarzimmer, doch ihr Gejammer ist noch immer zu hören. Das geht in Mark und Knochen. Eiskalt läuft es einem den Rücken hinunter. Schon bald haben wir wieder eine Asystolie. Verdammter Mist! Der Notarzt intubiert den Patienten und legt danach den Zugang. Ich bin ja mit dem Drücken beschäftigt. "Kannst du noch?" fragt er mich. "Ja, geht schon." meine ich zu ihm. Der NEF-Fahrer verabreicht auf Anweisung des Notarztes Supra mit Kochsalzlösung versetzt per Tubus. Das soll dem Stillstand entgegenwirken, doch nichts passiert. Wir reanimieren noch ungefähr zehn Minuten. "Das bringt nichts mehr" meint der Notarzt leise. "Wir brechen ab."
Meine Kollegen entfernen den Zugang wieder und extubieren wieder. Ich trage das EKG und die Absauge zurück zum Wagen und sehe wie der Notarzt sich zu der Frau und der Tochter setzt. "Es tut mir leid, wir konnten nichts mehr machen. Ihr Mann ist verstorben." sagt er zu ihr, während er ihre Hand hält. Sie bricht nun vollkommen in Tränen aus und beginnt zu schreien. Die Tochter rennt weinend aus dem Zimmer, an mir vorbei und die Treppen hinauf. Ich folge ihr und höre oben im Flur aus einem Zimmer ein lautes Schluchzen. Ich klopfe an und trat hinein. Sie liegt auf dem Bett, den Kopf ins Kissen gepresst. Ich setzte mich zu ihr. Sie hebt den Kopf und sieht mich an. Sie ist bleich, ihre Augen sind vom Weinen gerötet und Tränen laufen ihr Gesicht hinunter. "Es tut mir echt sehr leid" bedauere ich das Ganze. Sie nickt kurz und presst dann ihren Kopf wieder jammernd ins Kopfkissen. Nichts was ich tun kann, also gehe ich wieder. Es tut mir echt verdammt leid und macht mich betroffen, aber ich kann es nicht ändern. Als ich unten bin läuft mir mein Kollege entgegen. "Hast du alles?" frage ich ihn. "Ja." bestätigt er mit auch leicht betroffenem Gesicht. Wir gehen also zum Wagen, melden uns noch kurz bei der Leitstelle, welche uns zur Wache schickt. Auf der Fahrt denke ich noch viel über den Einsatz nach. Wohl der größte Fehler den man machen kann.
Auf der Wache fülle ich den Wagen wieder auf. Es ist Mittag, aber ich habe keinen Hunger. Trinken kann ich auch nichts.
Kurz darauf ruft uns die Leitstelle per Telefon an und hat einen Transport von Marburg nach Bad Berleburg für uns. Ein Patient zur Reha. Endlich etwas entspannenderes. Bis wir zurück sind ist die Schicht fast zu Ende. Auf der Wache noch einen Kaffee getrunken und die Ablösung ist da. Endlich Feierabend. Und morgen früh das gleiche Spiel.
"Anständigkeit ist die Verschwörung der Unanständigkeit mit dem Schweigen." George Bernard Shaw
  Top
"Autor"  
Nutzer: starchaser
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 01.01.2000
Anzahl Nachrichten: 4935

geschrieben am: 09.04.2005    um 21:27 Uhr   
notfälle auf autobahnen sind schlimmer, - also kopf hoch ! ;-)
  Top
"Autor"  
Nutzer: TomWelles
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 30.01.2003
Anzahl Nachrichten: 5146

geschrieben am: 09.04.2005    um 22:55 Uhr   
Ich weiß, aber das ist ja auch nicht die Regel. ;-)
"Anständigkeit ist die Verschwörung der Unanständigkeit mit dem Schweigen." George Bernard Shaw
  Top