|
|
|
geschrieben am: 16.01.2006 um 20:13 Uhr
|
|
Es war eines der feineren Restaurants der Stadt, natürlich nicht das Feinste, dazu war kein Anlass, aber wer hier aß musste auf jeden Fall eine dicke Brieftasche besitzen. Thomas bestellte sich, wie immer, ein Filet Mignon, dazu ein Glas Rotwein. Während er bestellte, führte er die Hand an die Krawatte, lockerte den Knoten, ohne es zu merken. Nachdem auch sein Gegenüber bestellt hatte, zündete er sich eine Zigarette an. Marlboro. Er rauchte ziemlich viel in letzter Zeit. Er tat, als beobachtete er die Menschen in dem Restaurant, die Einrichtung. Die feinen Stoffservietten, kunstvoll gefaltet, die lederbezogenen Stühle, die Kronleuchter an der Decke, mit elektrischen Kerzen und lichtbrechenden Prismen, geschmack- und stilvoll. Die Gäste waren ausnahmslos in teure Anzüge gekleidet. Die einzigen Frauen im Raum waren hübsche, junge Bedienungen, alle gleich angezogen und gleich dezent geschminkt. Nur die Haarfarben waren unterschiedlich. Verstohlen blickte er zu dem Kollegen an seinem Tisch. Ein Herr, in seinen besten Jahren, gepflegtes, betont jugendliche Erscheinung, teure Klamotten und viel Gel in den Haaren, wohl gefärbt, um die grauen Haare zu übertönen. Er war schweigsam, blickte den jungen Mann aber intensiv an. Er erweckte den Eindruck, als haderte er mit sich selbst um etwas. Doch falls Thomas es bemerkte, ließ er sich nichts anmerken. Er drückte die Zigarette aus, zündete sich darauf sofort eine neue an und runzelte die Stirn. „Kommen wir gleich zum Geschäftlichen, Richard, oder wollen Sie erst essen?“ Es dauerte eine kurze Weile, bis der Mann antwortete. „Warten wir noch ein bisschen, Thomas, ist sicher besser so, oder?“ Es war eigentlich keine Frage, denn Richard hatte um dieses Essen gebeten und deshalb lag es an ihm, wann er anfangen wollte über die Aktien zu reden. Thomas hob eine Augenbraue, nickte dann aber und bestellte sich ein neues Glas Wein. Der Rotwein kam gleichzeitig mit dem Essen. Schweigend aßen sie, beide in Gedanken versunken. Thomas, mit welchem Schachzug er die Mehrheit im Aufsichtsrat auf seine Seite bringen könne und Richard, nun, seine Miene war undurchdringlich. Nachdem sie fertig gegessen hatten, legte Thomas seine Serviette auf den Teller. „Also, Richard, Sie wollten mit mir über eine vorteilhafte Partie sprechen?“ Wieder wartete der ältere Mann, bis er antwortete. „Ich weiß, dass Sie Julian umgebracht haben.“ Seine Stimme war hart, fest und voller Überzeugung. Er flüsterte mehr, als dass er sprach, aber die Worte erreichten Thomas wie ein kurzer, scharfer Schmerz. Das wusste er. „Sie haben verstanden, was ich gesagt habe. Sie haben ihn ermordet, kaltblütig, wegen ein paar Kröten mehr auf dem Bankkonto.“ Nach dem kurzen Augenblick der Überraschung zeigte sich Wut auf Thomas Gesicht. „Sie wissen gar nichts, Sie haben keine Beweise und nichts, absolut gar nichts gegen mich in der Hand. Sie sind eifersüchtig, gönnen mir nicht meinen Erfolg, auf den Sie ihr ganzes Leben lang warten können.“ Seine Stimme, obgleich beherrscht von kalter Wut, war gegen Ende lauter geworden, einige der Gäste in dem Restaurant schauten schon leicht irritiert herüber. Thomas blickte nervös um sich, sah Richard etwa seinen ewigen Begleiter, den Geist? Nein, ausgeschlossen. Er schloss die Augen für ein paar Sekunden, wie um sich zu besinnen und stand dann auf. „Es tut mir Leid, Richard, ich dachte, wir könnten gut zusammenarbeiten.“ Mit diesen Worten legte er das Geld für das Essen und den Wein auf den Tisch und ging hinaus.
Es war schön zu sehen, wie er wegen mir immer mehr und mehr trank. Am Anfang ist es gar nicht aufgefallen, aber nach und nach hat er damit sich, seinen Job und seine Familie zerstört. Und irgendwann zog er sich zurück, zu mir. Für ihn existierten nur wir beide. Er trank Whisky, Whisky und Wodka. Er stolperte herum, lallte laut oder leise unzusammenhängende Wörter, war betrunken, stank und sah ungepflegt aus. Unordentlich rasiert, das Hemd aus der Hose hängend und Krawatten trug er sowieso nicht mehr. Obwohl er manchmal immer noch die Hand an die Stelle führte, wo einst der Krawattenknoten saß. Ich denke, Sie wollen wissen, wie es zu Ende ging. Die psychischen Schäden, die ich ihm zugefügt hatte, schienen neben dem Alkohol seinen gesamten Körper zu zerfressen. Wenn er sehr betrunken war, versuchte er mich zu schlagen, schrie mich an, ich solle ihn in Ruhe lassen, verschwinden. Manchmal weinte er auch wie ein kleines Kind, in einer Ecke zusammengekauert, bis er sich erbrach oder vor Erschöpfung einschlief.
|
|
|
|
|