|
|
|
geschrieben am: 05.09.2002 um 21:28 Uhr
|
|
Ich kann destinyÂ’s Gedanken sehr gut nachvollziehen.
Ich habe auch meinen Vater verloren. Er hatte infolge von mehreren Hirnblutungen einen Herzstillstand erlitten. Er konnte reanimiert werden. Er lag danach im Koma, es hieß, es seien kaum noch Hirnströme vorhanden, wir müssten damit rechnen, dass er nicht überlebt. Nach einigen Tagen der Anruf: „Er ist aufgewacht“. „Aufwachen“ hieß in diesem Fall, dass er die Augen geöffnet hatte. Er war jedoch nicht in der Lage, sich zu äußern; wir wussten nicht, ob er überhaupt etwas registriert, und wenn ja, wieviel. In diesem Wachkoma befand er sich die darauffolgenden zwei Jahre. Er war in mehreren Reha-Kliniken, und nachdem sich keine wesentliche Besserung einstellte, wurde er einem Pflegeheim „anvertraut“.
Mein Vater hatte immer, solange ich zurückdenken kann, beteuert, er wolle nie so auf andere angewiesen sein. Davor hatte er immer Angst. Er war immer sehr auf sich bedacht, und die Vorstellung, dazuliegen, gewaschen, gefüttert und gewickelt werden zu müssen, möglicherweise an Maschinen zu hängen, war ihm zuwider. Ich bin sicher, das kann jeder nachvollziehen.
Er hatte sich auch mit dem Thema Sterbehilfe (oder in diesem Fall eher „Hilfe zur Selbsthilfe“) beschäftigt. Er hat noch an dem Tag, als „es“ passierte, mit meiner Cousine (einer Ärztin für Neurologie und Psychatrie) darüber gesprochen. Er hatte die Idee, sich eine Kapsel mit Zyankali o.ä. zu besorgen, um im Ernstfall seinem Leben ein Ende bereiten zu können.
Er hatte nicht mehr die Möglichkeit, entsprechende Vorkehrungen zu treffen (Stichwort Patiententestament).
Er war nicht auf Maschinen angewiesen. Er hat allein geatmet, sein Herz hat ohne Hilfe geschlagen. Er ist „lediglich“ durch eine Magensonde ernährt worden, hatte eine Trachealkanüle, einen Blasenkatheder.
Wenn mein Vater die Situation im Voraus hätte beurteilen können, er hätte vermutlich, nein, sicher, an seiner Meinung festgehalten.
Aber ich weiß nicht, ob ich in der Lage gewesen wäre, Sterbehilfe zu leisten. Oder die Entscheidung dazu zu treffen. Vom Kopf her wahrscheinlich noch eher.
Natürlich hat es unglaublich wehgetan, das mit anzusehen. Tut es immer noch.
Und wenn ich gekonnt hätte, ich hätte es ihm ersparen wollen.
Aber ich glaube, ich habe, so irrational das auch sein mag, die Hoffnung wohl nie so ganz aufgegeben, dass sich sein Zustand doch noch bessern könnte.
Zum anderen kenne ich dieses Gefühl „Aber er ist noch da“. Ich konnte hingehen und mit ihm reden, auch wenn er nicht geantwortet hat und ich nicht einmal weiß, ob er mich überhaupt wahrgenommen hat. Ich wäre nicht „bereit“ für seinen Tod gewesen.
(„Bereit“ dafür ist man wohl auch nie wirklich, nur gehen diese zwei Jahre Leidensweg, für ihn und für uns als seine Angehörigen, die Probleme, die sich zusätzlich aus so einer Situation heraus ergeben, natürlich nicht spurlos vorüber.)
Aber ich bin mir sehr wohl bewusst, dass das ziemlich egoistische Motive sind.
Ich bin absolut dafür, dass die Gesetzeslage zu diesem Thema überdacht wird. Wenn entsprechende Maßnahmen getroffen werden, die einen „Missbrauch“ ausschließen, sage ich „Ja“ zu Sterbehilfe.
Aber es gibt wirklich so einige Aspekte zu bedenken, und im Ernstfall ist die Entscheidung sicher eine sehr schwere. |
|
|
|
|