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geschrieben am: 14.01.2004 um 18:47 Uhr
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Guten Abend, die Herren und Damen! :)
Direkt zu Anfang: das ist meine persönliche Meinung! Ihr könnt eure behalten, ich will meine niemandem aufzwingen oder sage, dass dies die einzige Wahrheit ist.
In den letzten Wochen litt ich unter ganz widerlichem Geldmangel, was meine Möglichkeiten einschränkte einfach mal in die Stadt zu fahren und mich in ein Cafe oder eine Bar zu setzen. Gestern allerdings habe ich ein paar Pfennige zusammengekratzt und bin los.
Ich saß knapp vier Stunden nur in einem überaus gemütlichen Studentencafe, habe "Nacht in Lissabon" gelesen und mir dann und wann einen Espresso bringen lassen. Dabei habe ich eigentlich kein wirkliches Gespräch gehabt - abgesehen von "ja, noch einen bitte" oder "das stimmt so" -, trotzdem war es wie eine Offenbarung für mich. Es wäre kein großes Problem gewesen in Kontakt mit anderen zu treten; da war eine junge Frau, die mich recht offensichtlich beobachtet hat und die Kellnerin schien auch nicht gerade desinteressiert gewesen zu sein.
Ich habe vielleicht - ohne arrogant wirken zu wollen - den Vorteil eigentlich ganz gut auszusehen und diese Tatsache wird es mir wohl auch leichter machen Menschen kennenzulernen. Aber das ist nicht alles. Es kommt darauf an, wie man auf andere Leute wirkt und da kommt das Thema "chatten" auf den Plan.
Ich bin jetzt so vorlaut und behaupte, dass der Mensch ein Herdentier ist. Der eine hält es länger ohne wirkliche soziale Kontakte aus, andere gehen schon nach einem Tag vor Einsamkeit an die Decke. Jetzt hat man genau drei Möglichkeiten:
a) unter Menschen gehen
b) nichts machen
c) chatten
Aber was passiert, wenn man sich in einen chat einloggt? Man redet mit Menschen, die man nicht sieht. Man erkennt nicht ihre Mimik, hört sie nicht lachen, man kann niemanden berühren, wenn man sich näher kommt. Stattdessen hagelt es Smilys (oder emotes, was die Sache sehr viel besser trifft), die verzweifelt versuchen eine Stimmung zu beschreiben. Man ist umgeben von einer halbrealen Welt, in der nichts wirklich ist und nichts wirklich nicht ist. Das nette Schwätzchen mit der Bedienung im Cafe oder ein kurzer, aber eindeutiger Blick einer Fremden ... all das gibt einem das Gefühl zu "leben". Unter Menschen zu leben. Im chat existiert das nicht. Es ist unpersönlich, selbst wenn man sein Gegenüber seit Jahren kennt. Da ist keine Wärme in der Stimme, man sieht keine Träne, wenn jemand sauer oder traurig ist.
Meine Freundin wohnt leider hunderte von Kilometer weit weg und wir sind gezwungen viele Gespräche über ICQ etc zu führen. Obwohl das umsonst ist, telefonieren wir so oft es geht, weil wir da zumindest die Stimme des anderen hören. Es ist einfach persönlicher, intimer.
Damit ich nicht ins Unendliche schreibe, ziehe ich hier ein kurzes Fazit.
Für mich ist der chat weder als witzige Abwechslung, noch als Möglichkeit Menschen kennenzulernen gut. Ich chatte nicht, weil es mir nichts bringt (okay, ich spiele in einem anderen chat manchmal Fantasy-Rollenspiel, aber selbst das recht selten). Lieber bringe ich einen Kofferraum voll mit Leergut zum Getränkemarkt, um mir davon einen Espresso im Cafe leisten zu können, als auch nur eine Minute in dieser "half-life" Welt zu verbringen.
Allgemein gesehen halte ich vom chat als Kontaktplattform ebenfalls nichts (just for fun nebenher ist allerdings akzeptabel). Wenn man seine Freizeit nur im I-net verbringt, verzweifelt versucht jemanden näher kennen zu lernen, wird man auf Dauer einsam. Selbst wenn die ICQ-ContactList aus allen Nähten platzt. Und wenn man einsam ist, ist man unglücklich. Und Unglück sieht man anderen Leuten an. Wenn man sich also dann in die wirkliche Welt hinaus verirrt, werden andere sehen, ob man glücklich ist oder nicht.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich will unglückliche Menschen gar nicht erst kennenlernen. Dafür hat jeder genug Scheisse in seinem eigenen Rucksack, als dass man sich auch mit den Problemen noch-Fremder belasten möchte.
Wenn ich mich gestern (und zwischendurch schon einige Wochen zuvor) nicht aus dem Sessel erhoben hätte, um endlich wieder echte Luft zu schnuppern, mit echten Menschen in Kontakt zu treten, selbst wenn es nur ein Blick ist, hätte ich sehr wahrscheinlich wieder diesen "komm mir nicht zu nahe" Ausdruck gehabt. Dann wäre es weiter in dem Kreislauf "half-life" gegangen. Kein netter Blick der Kellnerin ... kein Gefühl, dass man wirklich lebt.
Wie ich bereits schrieb, sind das meine persönlichen Ansichten. Das meiste habe ich erst begriffen, als ich es selbst erlebt habe. Will heißen, ich stelle hier keine Vermutungen auf, sondern habe selbst schon in diesem Mist gesteckt. Mir persönlich hat es nicht gefallen. Wie es euch da geht, ist ganz allein euer Ding.
Elrik Geändert am 14.01.2004 um 18:49 Uhr von Elrik |
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