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Katastrophendeutung |
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geschrieben am: 09.01.2005 um 12:05 Uhr
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Kennt jemand hier Ansichten des französischen Philosophen und Architekten Paul Virilio?
Seine These ist u.a., daß Katastrophen (sei es nun 11.September oder jüngstes Erdbeben in Südostasien) in der heutigen Zeit das ersetzen, was in früheren Zeiten Revolutionen ausgelöst haben.
Mit dem Unterschied, daß Revolutionen v.a. Meinungsbildungen, während Katastrophen v.a. Emotionen hervorbringen. Diese Emotionen sind - laut Virilio - eine ernste Bedrohung der Demokratien. Die weltweite Präsenz dieser Emotionen wird durch die Medien (v.a. Fernsehen) ungeheuer intensiviert, ist daher auch als Waffe für internationalen Terrorismus sehr bedeutsam.
Um das gleich etwas kontrovers angehen zu lassen: ich halte nicht viel von diesen Thesen; sie mögen stimmen oder nicht, in ihrer apokalyptischen Geschwätzigkeit schüren sie nur ein Feuer, das andererseits gerade bekämpft werden soll. Sie wirken sich also - nach meiner Ansicht - genau so wie die übertrieben realistischen Medienberichte aus: in erster Linie nämlich Panik erzeugend oder vorbildhaft, um für internationalen Terror instrumentalisiert zu werden.......
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geschrieben am: 10.01.2005 um 03:30 Uhr
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der olle denkt nur zu ende, was anderen unangenehm wäre. ich schätze ihn :-) denn eines ist sicher - die geschichte wiederholt sich, wenn menschen nicht daraus lernen. :-)
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geschrieben am: 10.01.2005 um 07:57 Uhr
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ist denn daran so viel zu Ende gedacht?
Für mein Empfinden reduziert es sich bei Virilioeher auf bloße Zustandsbeschreibungen. Ich habe bisher jedenfalls wenig darüber Hinausgehendes lesen können ! |
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| "Autor" |
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geschrieben am: 10.01.2005 um 22:56 Uhr
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hm, - dann solltest statt darüber zu lesen mal zur abwechslung eine schrift des verehrten professors virilio selbst in die hand nehmen. probiers mal mit "geschwindigkeit und politik". dabei rief er ein neues - dromologisches - zeitalter ab und überwand den ollen clausewitz. seine ausführungen zum cyberwar dürften heute moderner sein als vor dreissig jahren. das zeigt sich nach dem zusammenbruch der sowjetunion im gegenwärtigen ringen um die definition von gefahr, der unterscheidung von krieg und frieden. wie wir wissen, wird derzeit allerlei humbug betrieben mit der ausgestaltung und aufwertung des terrorismus.
oder 'rasender stillstand', in dem er die rolle der medien als moderne waffensysteme im, in einer informationsgesellschaft allgegenwärtigen, cyberwar unter die lupe nimmt und geht dabei weit über die aussagen hinaus von postman, weizenbaum, und wie sie auch alle heissen mögen, hinausgeht. er zeigt auch auf, dass die von habermas postulierte belagerung der machthaber und ihrer apparate durch die medien nicht existiert sondern die medien mittel zur globalen gleichschaltung sind.
aber zurück zu den katastrophen. virilio spricht ja eher von unfällen, die er als umkehrung des fortschritts sieht.
1997 ging es mit asiens wirtschaft bergab. die asienkrise gilt als die schlimmste nach der weltwirtschaftskrise. binnen kurzem wurden viele arbeitslos. in indonesien wuchs die rate auf das zehnfache an und es kam zu einer bislang beispiellosen verelendung. millionen von menschen knabberten und knabbern noch heute am hungertuch. der besitz ist absolut ungleich verteilt. damit steigt natürlich auch die gefahr eines bürgerkrieges. ein paar kilometer weiter vom all inclusive urlaubsreservat tobte dieser übrigens schon ..
als ein jahr zuvor die erde im iran bebte, nahm kaum einer davon notitz. die meisten opfer sind bis heute ohne dach über dem kopf. die medien haben zum jahreswechsel sehr wohl gewirkt und resultierte unter anderem in einem weltweiten affekt der finanziellen zuwendung.
und dieses wirken wurde auch prima politisch genutzt, - nicht nur seit berlusconi. echte hilfe wirkt in der regel nicht im blitzlichtgewitter von spiegelreflexkameras.
afrikas küste war auch von den flutwellen betroffen, - aber es gab ja nur ein paar hundert tote und lediglich 50.000 obdachlose in somalia *abwinkertz. hast du gelesen, dass dort jemand besonders geholfen hätte ? damit die betroffenen nicht verhungern in der nächsten zeit müssen die hilfsorganisationen für die drei millionen dollar einen bückling mit anschliessendem kopfstand machen.. ein beispiel dafür, wie die öffentliche meinung beeinträchtig wird. dabei wird keine meinung gebildet, sondern gefühle aufgewirbelt. das mediengeschehen legitimisierte im nachhinein den letzten krieg im golf.
oder hier im forum : eloquentiussens experimente zur mobilisierung der emotionen sind ein lehrstück im kleinen, quasi der umgang mit atomkraft unter laborbedingungen. die, welche ein mulmiges gefühl hatten, konnten dieses augenscheinlich nicht artikulieren und verhaspelten sich in die falsche richtung.
nach dem einschlag in manhattan kam es auch zu gesellschaftlichen neuregelungen, welche bis dato undenkbar gewesen wären und das proklamierte 'wir sind jetzt alle amerikaner' zum 'wirr sind jetzt alle amerikaner' verzerrte. und wie sieht es jetzt dort aus mit der demokratie ?
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geschrieben am: 11.01.2005 um 10:01 Uhr
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schon recht, schon recht, chaser, gebe zu, das war von mir ganz vorsätzlich etwas überspitzt hier reingesetzt.....daß Virilio auch über bloße Zustandsbeschreibungen hinausgeht, will ich nicht mehr bestreiten......vorgestern war bei mir nur einfach mal ein Punkt erreicht, wo mir diese Analytik in ihrer erschreckenden Offenbarung auf die Nüsse ging. Tja, im Grunde sehne ich mich nämlich nach den alten clausewitzschen Friktionen (........warum kann ich nicht mehr, wie damals, beim Indianerspiel, den kleinen Parkhügel als strategisches Hindernis erleben ?) !
Aber ganz im Ernst: selbst Virilio scheint mir in den Konsequenzen aus seinen Erkentnissen sich auf Friktionen besinnen zu wollen. Er möchte doch auch weg von dieser politisierten Geschwindigkeit, möchte die Körper- und Räumlichkeit wieder entdecken, wahrscheinlich nicht gerade in den Bahnen von Clausewitz oder meiner Indianerphantasie; vielmehr geht es ihm um eine "neue Politik des sozialen und territorialen Körpers" in Zeiten absoluter Cybergegenwärtigkeit.
Was deine Ausführungen, insbesondere zu gewissen Forumsaktivitäten, betrifft (ein lehrstück im kleinen, quasi der umgang mit atomkraft unter laborbedingungen): Treffer versenkt ! ;-) |
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geschrieben am: 11.01.2005 um 17:49 Uhr
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es passiert alles so, wie schon mal gehabt...die totale Unterwerfung des Volkes...
hier muß man es global sehen... Politik, die fast überall auf der Welt "amerikanisiert" wurde = totale Unterwerfung der Völker schlechthin... (totale Kontrolle trifft eher zu)
ich rede hier von einer weltweiten demokratisch angehauchten Diktatur des Geldes und Öls... was will man mehr?
*prof* Geändert am 11.01.2005 um 17:52 Uhr von prof.mastram |
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geschrieben am: 11.01.2005 um 20:21 Uhr
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hm, dadurch, daß der politik die macht aus den händen gleitet, sehen wir an der fassungslosigkeit gegenüber der nomadisierenden industrie, wird es wohl keine mächtigen staaten mehr geben sondern nur noch gewinner auf dem globalen markt, also konzerne. der einzelne mensch selbst spielt dann keine grössere rolle mehr, - er ist schon jetzt fast in jeder rolle beliebig austauschbar.
das betrifft nicht nur arbeiter, sondern auch soldaten. im zweiten irakkrieg, der ebenso wie der erste auf unwahrheiten basierte, roch es lange nach strassenkämpfen, - also nach art der alten germanen mann gegen mann. das war die grösste sorge, die sich als unberechtigt erwies. wie wurde der krieg erstmal entschieden ? doch nur ferngesteuert, virtuell und mit einsatz von technik, präzisionswaffen und einem waffenarsenal, welches an menge und schlagkraft an einen weltkrieg erinnert. die soldaten selbst - haben rühmlicherweise nur die ruinen besetzt.
die erbarmungslosigkeit und kälte dieser kriegsführung wird der usa jedoch noch lange ein problem sein, da große teile der soldaten schlimmstenfalls lebenslang psychologischer betreuung bedürfen.
natürlich wollen die globalen gewinner ihre besitzstände wahren und produzieren selbst ihre abschreckungsarsenale. nicht die staaten, sondern die wirtschaft.
und hier, meint paulchen, setzt wieder der gedanke an, daß jeder fortschritt seinen ureigenen unfall gleich mitproduziert. kaum ein auto ohne unfall, flugzeuge können abstürzen und tun es, eschede, tschernobyl usw usw
somit gibt es dann die allesvernichtende waffe und den entsprechenden unfall. den überlebenden bescheinigt er ein zwar einfaches aber glücklicheres leben. er geht halt als optimist davon aus, daß sie aus dem lauf der geschichte endlich etwas dazugelernt haben. er glaubt halt an die vernunft, - ebenso wie der von ihm verehrte immanuel *g
klar ist es erschreckend, solche gedanken zuzulassen. paulchen hat, muß man sagen, ein trauma vom letzten weltkrieg. er lebte als kleines kind dort, wo die bunker standen und stehen und die allierten landeten. selbst als architekt faszinierte ihn später der bunker. seine ängste kommen also nicht von ungefähr, sondern aus bitterer erfahrung.
aber nach virilios fiktion zur friktion, friktion ? friktion ! mal nachgeschaut und bei gutenberg fündig geworden, - vom kriege ist also auch schon veröffentlicht :-). es geht also um die atmosphäre des krieges.
wen nimmt es wunder, daß der feldherrenhügel im park von der fetten henne seine anziehende wirkung verloren hat ? weil die zu überwindenden hindernisse von gestern es heute nicht mehr sind. das zeigte sich doch in kosovo. entfernungen und probleme bei der überwindung und logistik, wie sie bei den ollen indianern oder feldherren üblich waren, gibt es heute im grunde nicht mehr. GPS machts möglich, fast punktgenau und ist wesentlich für GID ( oder GDI ?) die global information domination, dem erklärte ziel der letzten großmacht :-)
so wie es auch keine friktionen im sinne von brüchen in der gesellschaft mehr gibt. heute sind die einzelnen teilnehmer an den auseinandersetzungen nicht mehr klar auseinanderzuhalten. die gegner vermischen sich untereinander, freund und feind sind schwer auseinanderzuhalten. siehe irak, siehe die neugewählten parteien, siehe scientologie usw. usw.
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geschrieben am: 12.01.2005 um 02:05 Uhr
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kleiner Nachtrag zu den Friktionen: bedeutet nicht Brüche (das sind eher Fraktionen oder Frakturen..gg...) sondern Reibungen. Und weil du den armen Clausewitz aus dem Grab geschaufelt hast, ist mir dieser Begriff überhaupt in den Schnabel gekommen: bei ihm sind Friktionen in erster Linie geographische Hindernisse...ja, richtig, mein Felderrnhügel z.B.....
übrigens spielt der Begriff auch musikalisch eine Rolle; aber das geht Virilio am anus vorbei..... |
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geschrieben am: 21.01.2005 um 01:23 Uhr
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Ich glaube...ohne an die einzelnen Opfer zu denken, die mir in jedem Fall leid tun.....die Erde braucht solche "Katastrophen".
Früher war es die Pest, die Pocken, Kriege oder die Kindersterblichkeitsrate.....heute sind es andere Katastrophen, die die Menschheit minimieren.
Es wird immer etwas geben, an dem die Menschheit verzweifelt. Früher war es vor Ort...heute ist es global geworden...dank TV oder Internet.
Die Erde und ihre Bewohner folgen Naturgesetzen....auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen... Geändert am 21.01.2005 um 01:41 Uhr von HollyGolightly |
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geschrieben am: 21.01.2005 um 21:36 Uhr
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wir brauchen katastrophen, um zu die anzahl an menschleins zu minimieren ? upps, - dann denkst du wohl, zuviele menschen bevölkerten die erde und ein ungezielter rundumschlag trägt dem wohl der menschheit bei ? *g
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| "Autor" |
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geschrieben am: 06.06.2005 um 11:14 Uhr
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Vielleicht ist die Katastrophendeutung auch am treffendsten durch Wilhelm Busch geschehen:
Sehr tadelnswert ist unser Tun,
wir sind nicht brav und bieder.
Gesetzt den Fall, es käme nun
die Sündflut noch mal wieder.
Das wär ein Zappeln und Geschreck,
wir tauchten alle unter!
Dann kröchen wir wieder aus dem Dreck
und wären, wie sonst, recht munter. |
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geschrieben am: 06.06.2005 um 22:51 Uhr
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| also auch der göttliche blitzschlag hatz nix genutzt :-) |
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