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Am Opferplatz

Nutzer: Laget
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geschrieben am: 13.04.2006    um 14:42 Uhr   
Der kalte Herbstwind wirbelte die welken Blätter über den harten Boden und brachte vereinzelte Regentropfen mit sich. Die dürren Äste der den Platz umstehenden Bäume ließen ihn an sich zerren. Einige brachen, als der Wind sich zu einer kurzen Sturmböe zusammenballte. Laget fror unter seiner dünnen, schwarzen Kutte. Er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und den Kopf gesenkt, so dass man nur seine blasse Nasenspitze sehen konnte, an der sich die eisigen Tropfen sammelten. Regungslos verharrte er kniend, seine schlanken Hände ruhten auf dem Boden, übersät mit hellen Blutspritzern. Vor ihm lag sein Opfer auf dem steinernen Altar, eine junge Frau mit geöffnetem Brustkorb, deren blaue Augen starr in die unendliche Weite des stahlgrauen Himmels blickten, tot und gebrochen. Ansonsten schien sie unversehrt, ihre zarte Haut war bis auf einen Blutstropfen auf ihren Lippen gänzlich unbesudelt. Ihr Herz… nun, das war nicht mehr da.
Ein Zittern durchlief den schmalen Körper des jungen Mannes. Zögernd stand Laget auf und steckte seinen schmutzigen Dolch in die Lederscheide unter seinem Gewand. Als er nach vorne trat und sich über die Frau beugte, löste sich eine glatte schwarze Haarsträne unter der Kapuze und berührte ihre Wange. Mit eine seltsamen Lächeln küsste er den Blutstropfen von ihren Lippen und wandte sich dann zum Gehen.
Noch war er kein vollends ausgebildeter Priester des Einen, doch mit dieser Tat, dem Herzen dieser Frau, die keine Unbedeutende gewesen war, war er seinem Ziel ein guten Schritt näher gekommen. Laget verließ den Opferplatz und blieb zwischen zwei breiten Eichen stehen, die wie alterwürdige Wesen über den Eingang wachten. Er blickte zurück zum Altar und ein leiser Seufzer entwich seinen Lippen. Es hatte sich so vieles verändert in den letzten Jahren. Früher hätte man ihm bei seinem Opfern zugeschaut, doch keiner war gekommen, die anderen Priester hatten sich in alle Winde verstreut. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht sie zu rufen. Keiner wäre gekommen, vielleicht gab es ja auch schon keine mehr… Womöglich war er der letzte treue Diener des Einen, und kein Priester war da um seine Ausbildung abzuschließen. Es waren harte Zeiten, aber zumindest war er nicht alleine. Eine schmale Rauchfahne erhob sich aus dem gespalteten Brustkorb der Frau, vermischte sich mit dem kalten Wind. Der Eine hatte sein Opfer akzeptiert und aufgenommen. Es mehrte seine Kraft und steigerte Lagets Wert, selbst wenn er der letzte sein sollte, der bereit war die Lehren zu verbreiten…
Ruckartig löste sich der Mann von dem trostlosen Anblick und schritt zwischen den Bäumen hindurch. Ein Weg öffnete sich ihm, er führte in bewohnte Gegenden. Erst nach einiger Zeit hob Laget seine blutverschmierten Hände zum Kopf und zog sich die Kapuze in den Nacken. Seine grauen Augen blickten wehmütig auf seine Hände, als er sie an seinem Gewand abwischte. Er konnte ihr süßes Blut noch auf seinen Lippen schmecken.
Plötzlich war es ihm, als ob ihn jemand beobachtete
What doesn't kill you only makes you pissed off.

vom 16. bis zum 22. weg.
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Nutzer: BadChylde
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geschrieben am: 14.04.2006    um 10:46 Uhr   
Wodurch er erwachte, war ihm zunächst ein Rätsel; Er spürte nur den bitteren, tiefen Schmerz in seinem Brustkorb, welcher schließlich heiß seinen ganzen Leib durchflutete. Seine trockene Kehle rang augenblicklich nach Luft, kämpfte um jeden Atemzug, sodass er förmlich fühlen konnte, wie die eisige Pein die Hände um sein Herz legte. Erde, überall war Erde und eindringliche Schwärze! Nur ein greller, stechender Lichtstrahl schien ihm am Ende dieser Qualen – Leben oder Tod, Wachen oder Schlafen. Stets nach der kostbaren Luft ringend, den Schmerz des Erdrückens in Kauf nehmend, wühlten sich seine Hände in die obere Schicht. Raaatsch! Knack! Und schon war es um die Fingernägel geschehen, aber sein Wille obsiegte den anderen Gefühlen; Seine Gedanken kreisten haltlos in seinem Kopf, Vergangenheit und Zukunft. Der Geruch der Erde trieb ihn in den Wahnsinn, diese Enge trieb ihn in den Wahnsinn und seine mandelförmigen Augen blinzelten krampfhaft, während ihm ein leises Schluchzen aus der Kehle entrann. <<Wo bin ich? >> Und welches Unheil hatte ihn erfasst? Und welchem Schicksalsweg zu verdanken, dass er seine Augen noch einmal auftun durfte? Noch einmal leben. Noch einmal eine Chance. Er hätte geweint, wenn er Tränen in den Augen gehabt hätte, doch sie waren ausgetrocknet, brannten und das Öffnen fiel ihm nicht weniger schwer, als das Schließen – beides hinterließ ein Ziehen. Ein Ziehen, das durch seine Nervenstränge aufglomm wie ein heftiger Peitschenhieb. Nein, das konnte nicht wahr sein. <<Wenn ich nicht kämpfe, sterbe ich einen weiteren Tod. >>, stellte er kühl fest, seine aufgwühlten Gefühle langsam sortierend und schlug immer mehr in den Wurzel durchzogenen Dreck, grub mit Gewalt seine dürren Finger hinein, wühlte, kratzte – kämpfte um sein Leben, um seine, um diese Chance. Plötzlich sah er nicht nur einen Lichtstrahl, sondern auch ein filigranes Gesicht einer Frau, einer kleinen, zierlichen und ihm bekannten Frau. Endlich erinnerte er sich, warum sein Herz wieder zu schlagen begann. Es war sie gewesen, aber ihr Name mochte sich ihm nicht offenbaren. Er vermochte auch nicht zu sagen, welchen Hintergrund diese Frau besaß, welche Beweggründe es waren, in seinem Kopf zu erscheinen oder ob es sich nur um pure Einbildung, Träumerei und Sehnsucht handelt. Als er bemerkte, dass seine Arbeit Fortschritte machte, wurde er ungehaltener, ungeschickter und riskierte, wieder von der Erde begraben zu werden. Aber das war ihm gleich geworden. Er musste frei sein. Er musste(!) und er konnte keinen klaren Kopf mehr behalten. Dann brach seine Blut verschmierte Hand aus der Erde, er fühlte nur die eisige Luft an seinen frisch verwundeten Fingern, wie sie beißend in sein Fleisch schnitt und nie hatte er ein so schmerzhaftes Gefühl so sehr vermisst, wie an diesem Tage. Ein Schrei perlte weinerlich von seinen Lippen, dann biss er die Zähne zusammen und trat den letzten Weg zur Oberfläche an.
<<< I don't give a fuck! >>>
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Nutzer: Laget
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geschrieben am: 16.04.2006    um 08:47 Uhr   
Seine feinen Härchen am Nacken schienen sich aufzurichten, eine Ahnung rieselte wie ein kalter Schauer durch seinen Körper. Laget stand zunächst nur da und suchte mit den Augen sein Umfeld ab. Dann drehte er langsam den Kopf und duckte sich etwas, als er zunächst schnell und dann noch einmal gründlicher seine restliche Umgebung absuchte. Nichts Ungewöhnliches konnte der junge Mann erkennen. Der Boden war hier unter den Bäumen lockerer, ein Vogel pickte auf ihm herum, als Laget sich wieder zurückdrehte und tief Luft holte. Niemand beobachtete ihn, das war nur seine Einbildung. Er war lange Zeit einsam gewesen. Sehr einsam, und langsam begann er auch etwas seltsam zu werden, zumindest dachte sich Laget das. Unruhig fuhren seine Hände über den schwarzen Stoff und strichen dann wie beruhigt über die Stelle, unter der der Dolch verborgen war. >Nein!< Da war doch jemand, hinter ihm raschelten irgendwo die Laubblätter. Ein Vogel? Nein, das Geräusch klang, anders, wie das Wispern des Windes, eine leise Stimme, wie man sie bei bestimmten Ritualen hörte. Vage machte sich Angst in Lagets Brustkorb breit. Er machte einen Schritt nach vorne, schüttelte kurz den Kopf und ging dann zügig weiter, sprang über einen Graben und wich vom Weg ab. Nur fern von Stimmen und Blicke die man sich einbildete.
Gerade lief er einen sanft abfallenden Hang hinunter, als sich sein Stiefel in einem herausragenden Ast verhakte und hin stürzen ließ. Sein Aufprall wurde zwar durch das Laub gedämpft, raubte ihm aber kurzzeitig den Atem. Laget schnappte nach Luft und rollte sich zur Seite, damit sein Fuß wieder frei kam. Er hustete kurz und schmerzvoll auf, bevor er sich auf die Seite lehnte keuchend verharrte. Die Luft war klar und frisch, schmerzte fast, so intensiv war sie im Moment. Dann fuhr ihm der kalte Schreck in die Glieder, als sich vor ihm die Erde bewegte und eine mit Blut und Dreck verschmierte Hand durch das letzte Erdreich brach. Zeitgleich mit dem Vergrabenen schrie Laget auf und richtete sich hastig auf, zuerst auf die Knie. Mit aufgerissenen Augen blickte er auf die Hand herab, die erschreckend verdreht aus der Erde ragte, jede Regung der Finger beobachtete der Mann mit Ekel. Wie konnte so etwas sein?! Hier war jemand lebendig vergraben worden, soweit er wusste, gehörte das zu keinem gängigen Ritual und in dieser Gegend gab es viel leichtere Methoden jemanden zubringen. Er merkte, dass er Mitleid empfand und ohne weiter zu überlegen stürzte er sich nach vorne, berührte die fremde Hand fast zärtlich mit den Fingern und begann dann selbst zu graben, wer auch immer da unten war, er brauchte Hilfe, war er doch kein Opfer. Hastig entfernte er die Erde, stieß mehrmals gegen die erdige Haut und hielt dann Inne. Was, wenn das hier ein Untoter war? Eine Seele, die nicht zu ruhen vermochte? Viele Geschichten berichteten von solchen Existenzen, und sie waren alle unheilvoll. Laget kroch langsam rückwärts weg, Angst machte sich wieder in ihm breit.
What doesn't kill you only makes you pissed off.

vom 16. bis zum 22. weg.
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