Auf den Beitrag: (ID: 42421) sind "2" Antworten eingegangen (Gelesen: 809 Mal).
"Autor"

Am Strand ohne Zeit

Nutzer: Odras
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 22.11.2003
Anzahl Nachrichten: 180

geschrieben am: 01.07.2006    um 06:43 Uhr   
Ich liege hier, mein Körper so schwer,
unfähig, mich auch nur nen Hauch zu bewegen.

Ich habe keine Erinnerung mehr,
an die Momente vor dem letzten Regen.
Ich lieg einfach da, nicht sehr bequem,
es ist wahnsinnig heiß, wie unangenehm.
Mein Schädel er dröhnt seit meinem Erwachen,
um mich herum nur blutige Lachen.

Die Angst in den Augen lass ich meinen Blick schweifen
ich spüre Panik die sich macht in mir breit.
Die Luft sie brennt wie ein Feuerreifen,
in der Ferne ne Stimme die meint, es tut ihr leid.

Ich muss kräftig husten, ich verzerr mein Gesicht,
ich spüre meine Arme, mein Bein aber nicht.
So liege ich da, in dieser sengenden Wärme,
mein Bauch, er ist offen, man sieht die Gedärme.

Ich versuche zu schreien, doch fehlt mir die Kraft,
die Schmerzen im Körper wollen nicht vergehen.
Ich höre nen Zweiten, „Sie haben`s geschafft“,
und die erste die sagt: „Es war ein Versehen“.

So blicke ich weiter, ich sehe Schürfwunden,
meine Beine, wie sie mein Becken umrunden.
Ich taste nach ihnen und sehe die Knochen,
die völlig verschränkt liegen - mehrfach gebrochen.

Ich fang an zu keuchen im Blaulichtgewitter,
und langsam beginne ich zu begreifen.
Neben mir überall Blut und Glassplitter,
liege ich direkt in dem Feuerreifen.

Meine Erinnerung kommt kurz lückenhaft wieder,
ich sehe Bilder von mir, und singe Lieder.
Nicht weit vor mir, der kaputte Wagen,
aus dem die Rauchwolken in den Himmel ragen.

Ich vernehme Schreie, die warnen „Kommt weg!“
Und sehe eine Frau, sie kommt angekrochen.
Die Schreie noch lauter: „Der Wagen schlägt Leck!“
Mein Herz beginnt stärker in mir zu pochen.


Ich schau zu der Frau, erkenn sie kaum wieder,
ich sehe mich mit ihr ganz in weiß.
Im Hintergrund wieder all diese Lieder,
ihr verheultes Gesicht, ganz käsig, voll Schweiß.

Ich versuche zu reden, doch ist der Hals trocken,
dreh mich zu der Frau, greif mit den Händen nach ihr.
Ihr Blick wirkt erwirrt, fast schon erschrocken,
sie redet ganz leise, flüsternd mit mir.

Dann geht es ganz schnell, es gibt einen Knall,
die Funken und Splitter sprühen nun überall.
Ein zweites Mal rums, es donnert und blitzt,
wird mir sehr kalt und doch bin ich verschwitzt.

Die Frau sie schreit, mehr höre ich nicht,
alles ist vorbei nach einem weiteren Knall.
Ich schließe die Augen und sehe grell Licht,
das Feuer es bringt einen Baum noch zum Fall.

Es ist nun ganz still, nur noch ein Knistern,
versuche ich meiner Frau was zu flüstern.
Doch seh ich sie nicht mehr, mein Blick er wird fest,
zwischen uns nur noch das ganze Geäst.

Mein Atem wird flacher, ich glaub, ich ersticke,
noch einmal schreie ich, doch bleibt`s ungehört.
Bis ich neben mir eine Hand an meiner erblicke,
die Finger vom Feuer fruchtbar zerstört.

Ich schau sie mir an, die Hand an der meinen,
ich sehe den Ring und erkenne ihn wieder.
Ich schluchze und keuche, beginne zu weinen,
und kurz darauf schließ auch ich meine Lider.
  Top
"Autor"  
Nutzer: Odras
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 22.11.2003
Anzahl Nachrichten: 180

geschrieben am: 01.07.2006    um 06:44 Uhr   
Mein Atem steht still, und doch kann ich gehen,
ich schließ meine Augen und doch kann ich sehen.
Mein Herz es steht still, mein Kopf ist leer,
die letzten Erinnerungen ertranken im Meer.

Ich laufe ins Licht zusammen mit meiner Frau,
wir fühlen uns prächtig, das weiß ich genau.
Die Ringe am Finger und Hand in Hand
Wir laufen weiter in das unbekannte Land.

So wie wir da lagen, getrennt vom Geäst,
und doch nah beisammen, war das der Rest.
Der Rest von unseren Leben und doch für immer zu zweit,
am Strand voller Wonne, am Strand ohne Zeit.
  Top
"Autor"  
Nutzer: MadleenDeSall
Status: Profiuser
Post schicken
Registriert seit: 12.03.2003
Anzahl Nachrichten: 155

geschrieben am: 02.07.2006    um 21:30 Uhr   
ich denke, man kann dazu nicht viel sagen... es ist traurig, aber schön geschrieben. es gefällt mir wirklich gut.

sich verneigt und wieder davon schleicht

MadleenDeSall
J.P.
Alles, selbst die Lüge, dient der Wahrheit; Schatten löschen die Sonne nicht aus.

Franz Kafka
  Top