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geschrieben am: 16.11.1999 um 13:43 Uhr
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Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Faszination des Chats ergibt sich für mich gerade aus der Spannung zwischen Realität und Imagination. Von der Ferne betrachtet leben wir in 2 Welten, zum einen gehen wir arbeiten, essen, sitzen vor dem PC und chatten ..., zum anderen tauchen wir in eine Welt ein, die zum Grossteil durch unsere Vorstellung erst entsteht, es entwickeln sich Gefühle, Stimmungen, Vorstellungen usw., die man gerne als irreal, imaginär oder Illussion bezeichnet. Hinter jedem Nick steht aber letztlich nichts anderes, als Du und ich es auch sind, nämlich ein Mensch mit ähnlichen, vielleicht sogar gleichen Gedanken, Sehnsüchten und Wünschen.
Die Spannung entsteht dadurch, dass diese beiden Welten nicht einfach so friedlich nebeneinander her existieren, sondern dass sie sich berühren, ja teilweise sogar durchdringen, sich aber nicht unbedingt harmonisch gegenseitig einbetten lassen, ganz im Gegenteil. Auch wenn es den Anschein hat, dass letztlich doch alles in der realen Welt verankert ist (jedes Nick existiert als Person, Gefühle, Vorstellungen über/von jemanden sind ja prinzipiell "real überprüfbar"), sehe ich den Chat nicht nur als eine Selbstsuggestion (lovergts) oder als Flucht aus dem Alltag (jutta1), auch nicht nur als Mittel zum Zweck, um Menschen real kennenzulernen. Auch im Chat selbst ist die Welt nicht heil, man kann sie versuchen zu schaffen, aber zerbricht doch oft an den gleichen Problemen wie im realen Leben.
Gibt es wirklich diese beiden streng getrennten Welten? Ich glaube nicht, selbst in der Wirklichkeit ist vieles Imagination, ich sehe zwar das Äussere eines Menschen, mach mir dann aber gleich schon, ob ich will oder nicht, eine Vorstellung von ihm; diese ist erst mal genauso imaginär wie umgekehrt die Vorstellung über das Äussere und die Gestik dessen, der hinter einem Nick steht. Eine Illussion ist es, zu glauben, draussen wäre alles faktisch und hier alles illussorisch, nein, der Chat zeigt mir gerade das Gegenteil, zeigt, dass diese strenge Unterscheidung selber nur eine Imagination ist. Natürlich vertrauen wir mehr der sogenannten Realitaet, weil wir es besser gewohnt sind, mit ihr umzugehen, und auch, weil unser Wertesystem und sogar die Begriffe Wahr und Falsch danach skaliert sind.
Oft wird auch das Kennenlernen im Chat als "von innen nach aussen" beschrieben, ein treffendes Bild, wie ich meine, und um mal den Kleinen Prinz zu bemühen, das Wesentliche ist in der realen Welt oft unsichtbar, hat aber hier groessere Chancen sichtbar zu werden.
Den Chat als "Lebensform" zu bezeichnen, wäre jetzt aber auch absurd, nein, ich sehe ihn zur Zeit als einen - nicht nur was die Online Zeit betrifft - nicht unwesentlichen Teil meines Lebens, ich lebe die Spannungen und versuche, sie zu ertragen, auszuhalten; eine Flucht wäre wohl genau so aussichtslos wie ein "darin aufgehen". |
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