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geschrieben am: 16.12.2001 um 00:09 Uhr
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von Paulo Coelho
Es gibt eine bekannte Legende, deren Herkunft ich nicht festsetllen kann. Sie erzählt vom Erzengel Michael, eine Woche vor Weihnachten seine Engel bat, auf die Erde hinabzusteigen und die Menschen zu besuchen, weil er wissen wollte, ob alles für das Fest von Christi Geburt bereit sei.
Paarweise wurden sie losgeschickt, immer ein älterer Engel mit einem jüngeren, damit der Erzengel sich einen umfassenden Eindruck dessen machen konnte, was in der Christenheit geschah.
Eines dieser Zweiergespanne wurde nach Brasilien geschickt und kam dort spät in der Nacht an. Die beiden Engel wußten nicht, wo sie übernachten sollten und baten in einem der großen Herrenhäuser, wie es sie vereinzelt noch heute in Rio de Janeiro gibt, um Herberge.
Der Herr des Hauses, ein Adliger, der kurz vor dem Bankrott stand -bankrott sind viele in Rio de Janeiro- war ein tiefgläubiger Katholik, der die Himmelsboten sogleich am Heiligenschein erkannte. Doch da er eine große Weihnachtsfeier vorbereitete und die Dekoration nicht durcheinander bringen wollte, wies er ihnen zu Schlafen einen Raum im Keller zu.
Obwohl auf den Weihnachtskarten immer Schnee zu sehen ist, fällt das Christfest in Brasilien mitten in den Sommer. Im Keller, in dem die Engel übernachten solten, herrschte eine fürchterliche Hitze, die feuchte Luft war zum Ersticken. Die Engel legten sich auf die harte Erde. Als er sein Nachtgebet sprechen wollte, bemerkte der ältere Engel einen Riss in der Wand. Er erhob sich, reparierte ihn mit seinen überirdischen Fähigkeiten und betete weiter. Es war so heiß, dass sie die ganze Nacht wie in der Hölle schmorten und kaum ein Auge zutaten.
Trotzdem mußten sie am nächsten Morgen die Aufgabe erfüllen, die ihnen aufgetragen worden war. Sie durchstreiften die Stadt mit ihren 12 Millionen Einwohnern......und als es Nacht wurde suchten sie wieder einen Ort zum Übernachten.
Diesmal klopften sie an die Tür einer bescheidenen Hütte. Das junge Paar, das ihnen öffnete, wußte nicht, wie Engel aussehen, und erkannte daher die Pilger nicht.Sie bereiteten den Engeln ein Nachtmahl und zeigten ihnen ihr neugeborenes Kind. Als Schlafplatz boten sie ihnen ihr eigenes Zimmer an und entschuldigten sich für ihre Armut; sie hätten nicht genug Geld für eine Klimaanlage.
Als die Engel am nächsten Morgen aufwachten, fanden sie das Paar in Tränen aufgelöst vor. Ihr einziger Besitz und Lebensunterhalt, eine Kuh, lag tot auf dem Feld. Sie schämten sich, den Pilgern zum Abschied kein rechtes Frühstück bereiten zu können, da die Kuh, die ihnen sonst Milch gab, nicht mehr lebte.
Als die Engel auf der ungepflasterten Strasse entlanggingen , zeigte sich der jüngere Engel sich empört. " Ich kann nicht begreifen, wie Du Dich verhalten hast! Der erste Mann hatte alles, was er brauchte - und dennoch hast Du ihm geholfen. Und bei diesen armen Leuten, die uns so freundlich aufgenommen haben, hast Du nichts getan, um ihr Leid zu lindern."
"Die Dinge sind nicht immer wie sie scheinen", sagte der ältere Engel.
"Als wir in diesem schrecklichen Keller waren, bemerkte ich, dass auf der anderen Seite der Wand viel Gold lag, das ein früherer Hausbesitzer dort versteckt hatte. Ich beschloss, es wieder zu verbergen, weil der jetzige Herr des Hauses nicht bereit war, denen zu helfen, die es brauchten.
Gestern, während wir im Bett der jungen Eheleute schliefen, bemerkte ich, dass noch ein dritter Gast dazu gekommen war: der Todesengel. Er war auf die Erde geschickt worden, um das Kind mitzunehmen. Aber da ich ihn seit Jahren kenne, ist es mir gelungen, ihn zu überzeugen, statt des Kindes die Kuh zu nehmen. Erinnere dich an den Tag, der bald gefeiert wird: Außer den Hirten wollte niemand Maria aufnehmen. Dafür sahen diese als erste den Retter der Welt." |
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