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geschrieben am: 01.08.2002 um 03:42 Uhr
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Als das Quadrat acht Stunden später wieder zu sich kam, wusste es zunächst nicht, wer es war, noch, wo es war. Aber das war auch nicht so wichtig. Denn da, wo es gerade herkam, spielten so nebensächliche und weltliche Dinge wie Namen, Zeit und Raum keine Rolle. Statt dessen versuchte es, sich zu erinnern, was in der Zeit, die es nicht da gewesen war, ereignet hatte. Bruchstückhafte Erinnerungen strömten über ihn herein, aber obwohl er alle Teile des Puzzles in den Händen hielt, konnte er sie dennoch nicht sinnvoll zusammensetzen. Doch dann zwang sich ihm ein Bild mit nahezu qualvoller Intensität auf: Ein unsagbar alter und unsagbar hässlicher Mann, in eine Robe gekleidet, stand auf einen Stock gestützt vor ihm und sah in mit Augen wie glühenden Lanzen an. Das Quadrat schloss angsterfüllt die Augen und fiel auf die Knie, aber die Vision wollte nicht weichen. Immer weiter bohrte sich die Augen aus glühendem Feuer in seine Seele, legten Schicht für Schicht bloß und, was am schlimmsten war, beurteilten ihn; sie waren nicht geringschätzig oder unfair. Aber diese kalte sachliche Logik, diese unsagbar neutralen und emotionslosen Kriterien, nach denen er beurteilt wurde, waren einfach zuviel für ihn: Schmerzerfüllt heulte er auf, verstummte jedoch augenblicklich wieder, als er seine Stimme hörte. Der Schock setzte wieder Endorphine und Adrenochrom in rauchen Mengen frei, und da Quadrate auf solche Rauschmittel ja besonders gut ansprechen, ging er abermals zu Boden und blieb für äußere Reize unempfänglich. Diesmal war sein Erwachen nicht von so unangenehmen Erfahrungen geprägt. Als sein Körper die Wirkung der Endorphine abgeschüttelt hatte, zirkulierte in seinen Adern noch eine Menge Adrenochrom. Mehr schwebend als stehend erhob sich das Quadrat und sah sich um. Alles schien viel bunter als sonst. Der Mond schien mit fast unerträglicher Intensität auf die Mondberge herab, während die Stille sich mit leisen Nadeln in seine Ohren zu bohren schien. Die Mondberge, die normalerweise ja schon atemberaubende Kolosse von über 1.000 Metern Höhe waren, schienen sich nunmehr bis zu den Sternen zu erheben. Das unbarmherzig grelle Mondlicht ließ die sanft gewellten Hügel in einem unwirklichen gespenstischen Licht scheinen, das ihre Krümmungen bizarre und ekle Formen annehmen ließ. Ein Kapaun flog vor der Mondscheibe vorbei, die nun fast so groß war wie der ganze Himmel, und obwohl es in gut und gerne 5.000 Metern Höhe flog, konnte das Quadrat jede noch so feine Einzelheit aufs Genaueste erkennen, jede einzelne Feder. Mühsam stand das Quadrat auf und sah sich um. Auf einmal stand wieder der hässliche alte Mann da, der das erste Erwachen zu einem so überaus unangenehmen Erlebnis hatte werden lassen. In einer Geste der Beschwichtigung hob er den Arm. Was dann mit ihm geschah, war so absolut bizarr und unglaublich, dass das Quadrat es selbst nicht glauben konnte: Der alte Mann ergoss sich nach hinten in die Berge und wurde eins mit ihnen, und als er den Mund öffnete, war es, als würden die Berge selbst zu ihm sprechen: "Sei mir gegrüßt, Quadrat. Es haben sich zwei einschneidende Ereignisse in deinem Leben infolge ganz und gar dummer kausaler Zusammenhänge überschnitten. Diese Kombination von Stille, die du ja nach einem Leben unter den Blökenden Zebus der Mondberge nicht gewohnt warst, und Drogen haben dich offenbar sehr verwirrt. Ich bin hier, um dir zu helfen. Also: Empfindest du die Stille als Geschenk des Himmels?" Das Quadrat war vollkommen außerstande, irgend etwas zu tun, geschweige denn zu überlegen. Also beschränkte es sich instinktiv auf ein Nicken. "Wenn die Zebus jetzt wieder hier wären, empfändest du die Abwesenheit der Stille als Verlust?" Wiederum brachte das Quadrat nur ein Nicken zustande, wiederum fiel seine Kinnlade angesichts der sprechenden Berge ein ganzes Stück weiter herunter. Seine Augen, die fast nur aus Pupillen bestanden, tränten angesichts des intensiven Glanzes, den die pulsierenden Berge verströmten. Insgesamt fühlte sich das Quadrat, als sei die Konstanz der Umwelt aufgehoben. Mit einem Male begann das Quadrat an seinem Erinnerungsvermögen zu zweifeln; hatten da eben wirklich die Berge zu ihm gesprochen? Mit einem Male wurde ihm unsagbar schlecht. Übelkeit von ungekannter Intensität durchflutete ihn und verbannte alles, was das Quadrat bis dahin als Übelkeit bezeichnet hätte, in die hinterste Ecke der Vergessenheit. Schmerzwellen brandeten über ihm zusammen und trieben ihn regelrecht aus seinem Körper heraus. Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf begann sein Körper sich heftigst zu übergeben. Doch jetzt stand das Quadrat nur noch neben sich und sah sich beim Kotzen zu.
© 2002 Benjamin Walkenhorst
Diesen Text musste ich an die Menschheit weiterreichen...*leise summtz*
Hawklan |
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